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Der Weltphilosoph

Menschen | Bücher zum 250. Geburtstag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Lesenswerte Neuerscheinungen zum 250. Geburtstag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. DIETER KALTWASSER mit einem Überblick über die biografischen Schwerpunktsetzungen

Zizek - HegelLaut Slavoj Žižek ist die Gruppe der Philosophen des Deutschen Idealismus, also Kant, Fichte, Schelling und Hegel, die »Mutter aller Viererbanden«. Das Enfant terrible unter den linken Theoretikern ist für seine gewagte Dialektik berüchtigt. Hat uns Hegel heute noch etwas zu sagen? Die Hypothese des Buches lautet leicht verkürzt: War das 20. Jahrhundert in gewissem Sinne marxistisch, so wird das 21. Jahrhundert hegelianisch. Žižek behauptet, gerade weil es so »unzeitgemäß« sei, liefere Hegels Denken einzigartige Sichtweisen, um die Aussichten und Gefahren unserer Zeit besser ausfindig machen zu können. Echter Hegelianer zu sein bedeutet somit heute, Hegel nicht als conclusio, sondern als Ausgangspunkt zu wählen, um durch die unzeitgemäße hegelianische Brille die Phänomene besser zu verstehen, die allesamt nachhegelianisch sind. Der Leser gerät wie schon in seinem Hegel-Buch »Weniger als nichts« ins Staunen darüber, wie zuweilen gerade das weit hergeholte einer Interpretation in befreiende Erkenntnis umzuschlagen vermag.

Hegels WeltDass man Hegel auch heute noch als einen vorwärtsweisenden, revolutionären und utopischen Denker interpretieren kann, hat Ernst Bloch in seinem Werk »Subjekt-Objekt, Erläuterungen zu Hegel« aus dem Jahr 1951 unter Beweis gestellt. Hegels erster Biograf, Franz Rosenzweig, widmete sich ihm mit größter Zurückhaltung und Diskretion: »So einfach, so mit einem Blick überschaulich« sei dessen Leben gewesen. Damit drückte er wohl auch das Selbstverständnis des Philosophen aus. Zu seinem 250. Geburtstag sind zwei umfangreiche Biographien erschienen, ›Hegel – Der Philosoph der Freiheit‹ von Klaus Vieweg und ›Hegels Welt‹ von Jürgen Kaube. Beide stimmen darin überein, einfach und überschaulich seien weder Hegels Zeit und Umwelt noch sein Leben und Denken gewesen, sondern ein Zustand der Unruhe und Veränderung, der Umwege und Widersprüche, die allerdings in seiner Philosophie am Ende in einer höheren Einheit aufgehoben worden seien. Ein Werden in Widersprüchen durch Steigerung zur Einheit, dies könnte fürwahr Hegels Lebensweg beschreiben, der anders etwa als beim hochbegabten Freund Schelling nicht direkt zum Philosophenthron führte, sondern erst über einen Umweg als Hauslehrer, Privatdozent, Journalist und Schuldirektor zum »Professor der Professoren« avancierte.

Nach dem Besuch des Tübinger Stifts wird er zunächst Hauslehrer in Bern und Frankfurt und dann in Jena Privatdozent, bevor er als Zeitungsredakteur nach Bamberg und anschließend als Gymnasialprofessor und -rektor nach Nürnberg wechselt. Eine kurze Professur hat er an der Universität Heidelberg inne, bevor er 1818 eine Professur an der Universität Berlin antritt und dort seine berühmten und weithin beachteten Vorlesungszyklen hält: über die Rechtsphilosophie, die Philosophie der Religion, der Ästhetik, die Philosophie der Weltgeschichte sowie die Geschichte der Philosophie.

Vieweg - Hegel - Der PhilosophWie kein anderes Ereignis hat auf das Leben und Denken Hegels wie auch seines Freundes Hölderlin die Französische Revolution Einfluss genommen. Der gesamte Lebens- und Denkweg Hegels ist geprägt von ihr, vor allem das Grundmotiv der Freiheit durchzieht ihn. Vieweg zeichnet in seiner herausragenden achthundertseitigen Biographie ein neues Bild des Philosophen und beschreibt ebenso den Geist der Zeit wie das philosophische Denken Hegels. Indem der Biograph Hegel als Philosoph der Freiheit porträtiert, will er vor allem mit falschen Hegel-Bildern aufräumen, die ihn als philosophischen Repräsentanten der preußischen Restauration zeichneten und ihn zu »einem Vordenker des Totalitarismus« machten. Hegel sei ein Denker, über den die meisten Lügenmärchen und Klischees verbreitet würden, so Vieweg. Vielmehr sei deutlich zu machen, was Hegel uns heute noch zu sagen habe, und hier stehe die »Freiheit« im Mittelpunkt. Vieweg versucht, die heutigen Freiheitsbegriffe wie die Wahl- oder Willkürfreiheit mit Hegels Freiheitsbegriff zu korrigieren. Für Hegel sei diese Willkür zwar ein Element der Freiheit; letztlich aber gibt es bei Hegel keine Freiheit ohne Vernunft. Freiheit in seinem Sinne beruhe immer auf der Auswahl des Vernünftigen.

Honneth: Die Armut unserer Freiheit Die jüngst erschienene Aufsatzsammlung »Die Armut unserer Freiheit« von Axel Honneth thematisiert »Spielarten sozialer Freiheiten« und ihre »Deformationen« sowie die »Quellen sozialer Freiheit«. Die Aufsatzsammlung verdankt sich Honneths Bemühungen, offengebliebene Fragen seines Buches »Das Recht der Freiheit« zu beantworten und dort formulierte Thesen weiterzuentwickeln. Die Sittlichkeitslehre Hegels bildete schon das theoretische Rückgrat dieses Buches und steht auch im Zentrum eines großen Teils des jetzigen Sammelbandes.
Der erste Teil ist der Versuch einer zwischen Hegel und Marx vermittelnden Begriffsklärung, der zweite widmet sich sozialen Problemfeldern, so in den Aufsätzen »Erziehung und demokratische Öffentlichkeit« und »Demokratie und soziale Arbeitsteilung«, die er als vernachlässigte Kapitel der politischen Philosophie tituliert. Honneth versucht, in der Beschäftigung »mit der philosophischen Spannung zwischen Hegel und Marx den Begriff der sozialen Freiheit noch einmal weiter zu erläutern«. Mithilfe der Hegelschen Sittlichkeitslehre gelingt es Honneth, Beweggründe zu bestimmen, die dem Kampf für die Freiheit heute neuen Aufschwung verleihen könnten.

Durch keinen anderen Denker lerne man so gut kennen wie durch Hegel, was auch die »Sattelzeit« genannt wurde: der Übergang eines altgewordenen Europas in eine moderne Gesellschaft, heißt es in Jürgen Kaubes Biographie. Während der Jahrzehnte, in denen Hegel lebte, änderte sich die Welt grundlegend durch Ideen, die zu Revolutionen führten: politische, industrielle, ästhetische und pädagogische. Hegel habe daher von einer Philosophie eines Idealismus, den der Biograph als »Könnensbewußtsein« bezeichnet, verlangt, ihre Zeit auf den Begriff zu bringen, nicht ewige Wahrheiten, sondern die eigene Zeit in Gedanken zu fassen. Jürgen Kaube beschreibt in seiner voluminösen Biographie brillant Hegels Leben und Werk in einer Welt, die sich durch Umbrüche und Revolutionen umgestaltete und schließlich zu unserer wurde.

Zöller - Hegels PhilosophieDer Münchner Philosoph Günter Zöller führt in einer exzellenten Einführung in ›Hegels Philosophie‹ klar und konzise in das Werk des Meisterdenkers des 19. Jahrhunderts ein. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf den vier Hauptschriften ›Phänomenologie des Geistes‹, die ›Wissenschaft der Logik‹, die ›Enzyklopädie der Wissenschaften‹ und die ›Grundlinien der Philosophie des Rechts‹, ergänzt um seine späten Vorlesungen zur Weltgeschichte, Ästhetik, Religionsphilosophie und Philosophiegeschichte:
»Der in der »Phänomenologie« dreistufig dargestellte Geist entspricht dem, was Hegel später den »objektiven Geist« nennen wird. Den Geist in seiner objektiven, gesellschaftlich vergegenständlichten Gestalt unterscheidet der spätere Hegel dabei vom Geist des Individuums (»subjektiver Geist«) und vom kumulativen Geist in Gestalt von Kunst, Religion und Philosophie (»absoluter Geist«). Charakteristisch für die Behandlung des Geistes in der Phänomenologie« und dann auch des »objektiven Geistes« in den späteren Schriften – ist die Geschichtlichkeit des Geistes.«

Hegel - Der WeltphilosophAm Ende dieses Streifzugs durch die Neuerscheinungen zu Hegel sei noch auf eine dritte lesenswerte Biographie von Sebastian Ostritsch hingewiesen, die leichtfüßig daherkommt und seine Leser davon überzeugen will, dass die Hegel-Lektüre keineswegs nur etwas nur für Auserwählte oder Eingeweihte ist. Ostritsch ist der jüngste Autor der hier vorgestellten Werke und es ist nur zu begrüßen, wie er seine Leser auf eine unterhaltsame philosophische Abenteuerreise durch Hegels Welt mitnimmt.

Im Epilog seines Buches, der den Titel ›Das Ende und die Zukunft der Philosophie‹ führt, ist vom Tod des Philosophen 1831 und seiner stoischen Ruhe in seinen letzten Tagen die Rede, »ohne Besorgnis einer Gefahr«, wie seine Frau Marie von Tucher berichtete. »Hegel schied wortlos aus dem Leben«, heißt es bei Ostritsch.

Zehn Jahre nach Hegels Tod wird sein ehemaliger Freund und späterer Widersacher Schelling an die Berliner Universität berufen, wohl auf ausdrücklichen Wunsch des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. Schellings erste Berliner Vorlesung aus dem Wintersemester 1841/42 ist der »Philosophie der Offenbarung« gewidmet und zum ersten Male nach Hegels Tod wird eine philosophische Vorlesung wieder zu einem gesellschaftlichen Ereignis; neben zahlreichen Studenten zieht es die »Hautevolee aus Politik, Militär und Wissenschaft« an. Doch unter den Hörern finden sich auch Michael Bakunin, Søren Kierkegaard und der junge Friedrich Engels. Im Wintersemester 1845/46 finden sich in seiner Vorlesung nur noch 40 Studenten ein. Kierkegaard schrieb enttäuscht: »Ich bin zu alt, um Vorlesungen zu hören, ebenso wie Schelling zu alt ist, um sie zu halten.« Schelling beendet bald seine philosophische Vorlesungstätigkeit. Doch die Wirkmächtigkeit der Philosophie des deutschen Idealismus sollte sich auch in der Zukunft erweisen.

| DIETER KALTWASSER

Titelangaben
Axel Honneth: Die Armut unserer Freiheit
Aufsätze 2012-2019
Berlin: Suhrkamp Verlag 2020
350 Seiten, 22 Euro
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| Leseprobe

Jürgen Kaube: Hegels Welt
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2020
592 Seiten, 28,00 Euro
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Günter Zöller: Hegels Philosophie
München: C.H.Beck 2020
128 S., 9,95 Euro
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Sebastian Ostritsch: Hegel. Der Weltphilosoph
Berlin: Propyläen Verlag 2020
320 Seiten, 26 Euro
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Klaus Vieweg: Hegel. Der Philosoph der Freiheit
Biographie
München: C.H. Beck Verlag 2019
824 Seiten, 34,00 Euro
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Slavoj Žižek: Hegel im verdrahteten Gehirn
Aus dem Englischen von Frank Born
Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlag 2020
288 Seiten, 22,00 Euro
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