Erinnerung wie Knete

Roman | Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir

»Ich wollte vor allem einen Roman über den Zusammenhang von gesellschaftlich strukturierter Gewalt und sexualisierter Gewalt in Familien herstellen«, hatte Ulrike Almut Sandig wenige Tage vor Erscheinen ihres ersten Romans in einem Interview erklärt. Vier Lyrikbände, Hörspiele, ein Musikalbum und zwei Erzählungsbände liegen bereits aus der Feder der 41-jährigen, mehrfach preisgekrönten Autorin vor. PETER MOHR hat Sandigs Romandebüt gelesen.

Sandig - Monster wie wirWie ihre Protagonistin Ruth ist auch Ulrike Almut Sandig als Tochter eines Pfarrers in der sächsischen Provinz aufgewachsen. Seit frühester Kindheit ist sie mit Viktor befreundet, Sohn eines  sowjetischen Besatzungssoldaten aus der Ukraine. Wir befinden uns in den letzten Jahren der DDR, in einer hektischen Übergangszeit mit Auf- und Umbrüchen, heftigen Zäsuren, privaten und ökonomischen Krisen. Und überall werden die beiden Hauptfiguren mit Gewalt konfrontiert. Das löst nicht nur Ängste, sondern auch schmerzliche Erinnerungen aus, denn sowohl Ruth (von ihrem Großvater) als auch Viktor (von seinem Schwager) sind sexuell missbraucht worden.

Sie sind in ihrem Leid wie durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden: »Eigentlich ist Viktor der einzige Mensch in meinem Leben, den ich auch dann voll und ganz verstehe, wenn ich ihn nicht verstehe.«

Ulrike Almut Sandig zeigt mit großem Einfühlungsvermögen, wie unterschiedlich sich die Traumata auswirken können. Viktor rasiert sich den Schädel kahl, schließt sich einer rechten Gruppe an und kompensiert die erlittene Gewalt durch ausgeübte Gewalt. Seinen Hass projiziert er auf andere Menschen, auf gesellschaftliche Außenseiter. Schließlich versucht er später, seinen Seelenfrieden als Au-pair in Südfrankreich zu finden. Ganz nach dem Motto: Es ist überall schöner als Daheim.

»Vielleicht kann man nur zu etwas eine Haltung haben, von dem man sich unterscheidet«, resümiert die introvertierte Ruth. Ihre Flucht führt in die Musik, sie sucht bei den Geigenklängen so etwas wie Ausgeglichenheit, vielleicht sogar eine Harmonie der Töne. Eine Harmonie, die in ihrer Familie nicht wirklich existierte. Dennoch liefert die Autorin herzzerreißend-authentische Sequenzen aus Ruths Kindheit. Als der Linoleumfußboden des Kinderzimmers brannte, weil ihr Bruder mit Leim »zündelte« (»Mach was, Ruth, rief er. Mach doch was.«), mischten sich die Angst vor dem Feuer und die drohenden Strafen durch die Eltern in nur wenigen Augenblicken in den Köpfen der Kinder.

In Monster wie wir geht es vor allem ums Schweigen und Verschweigen, ums selbstauferlegte oder zwangsweise Verstummen. Auch zwischen Ruths Eltern gibt es »unausgesprochene« Dinge, die dem äußeren, selbst gehegten Bild der Musterfamilie einige kräftige Kratzer hätte verleihen können.

Der Romantitel suggeriert bereits, dass die Monster unter uns leben, oft hinter einer blank polierten bürgerlichen Fassade verborgen. Und wenn dann noch (wie in diesem Roman) familiäre Verbindungen zwischen Opfer und Täter bestehen und dicke Mauern des Schweigens aufgebaut werden, fällt es umso schwerer ein normales, unbeschwertes Leben führen zu können. Die Angst wird zur Obsession.

Dies hat Ulrike Almut Sandig in ihrem Romandebüt mit viel Fingerspitzengefühl und beeindruckender sprachlicher Präzision auf geradezu schmerzhafte Weise thematisiert. »Und weil die Erinnerung etwas ist, was sich wie Knete immer wieder verbiegen kann und und trotzdem immer wieder dasselbe erzählt, erinnert sich Ruth eben nicht an das, was ihr passiert ist, sondern sie erinnert sich an Vampire«, hatte die Autorin kürzlich in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk erklärt. Ein Buch voller Sätze, die wie blutende Wunden brennen.

| PETER MOHR

Titelangaben
Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir
Frankfurt/M.: Schöffling 2020
233 Seiten, 22.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Fünf Freunde, der Winter und wundersame Träume

Nächster Artikel

Ring frei für die Bukowskis

Neu in »Roman«

Vertrauen, Versuchung und Verrat

Roman | Bernhard Schlink: Abschiedsfarben

Bernhard Schlinks Werke zeigen dann ihre bekannte Größe, wenn sie um existenzielle Lebensfragen wie Recht und Gerechtigkeit, Schuld und Sühne kreisen. Auch der neueste Erzählband ›Abschiedsfarben‹ spielt die moralisch-ethischen Kardinalthemen in variantenreichen Spielarten durch, ist jedoch nicht frei von einem larmoyanten Unterton. Von INGEBORG JAISER

Nairobi 2007: Ein Massai sucht einen Mörder

Krimi | Richard Crompton: Wenn der Mond stirbt Nairobi im Dezember 2007. Vor der anstehenden Präsidentschaftswahl bauen sich die Spannungen zwischen den politischen Lagern und unterschiedlichen Volksgruppen in Kenia immer mehr auf. Ist unter den Rivalisierenden auf den Straßen auch der Mörder einer jungen Frau zu finden, dem der Massai-Ermittler Mollel nachjagt? Richard Cromptons Krimidebüt Wenn der Mond stirbt hat Atmosphäre und ist kenntnisreich und spannend geschrieben. Von DIETMAR JACOBSEN PDF erstellen

Melancholischer Brückenbauer

Roman | Orhan Pamuk: Diese Fremdheit in mir »Mit großem Aufwand versuchte ich der moralischen Pflicht nachzukommen, Mevluts Menschlichkeit auf 600 Seiten auszubreiten und ihn als vielschichtigen Menschen zu zeigen – und das, ohne auf die Tränendrüse zu drücken«, bekannte der Literatur-Nobelpreisträger von 2006, Orhan Pamuk, über die Hauptfigur seines neuen Romans Diese Fremdheit in mir. – Gelesen von PETER MOHR PDF erstellen

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Roman | Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall Sie sind allesamt um die Vierzig, haben eine gute Ausbildung und Ansprüche an das Leben. Und dennoch scheitert Die Liebe im Ernstfall an Verletzungen, Verirrungen, Dissonanzen. Daniela Krien entwirft in ihrem neuen Roman fünf Frauenschicksale und Lebensentwürfe als exemplarische soziologische Versuchsanordnung. Und das in einer ungeschönten, klaren Sprache, deren Ungeheuerlichkeit oft zum mehrmaligen Lesen zwingt. Von INGEBORG JAISER PDF erstellen

Götter-Dämmerung

Roman | John le Carré: Das Vermächtnis der Spione John le Carré, 86-jähriger Altmeister des Spionageromans, hat einen letzten großen Roman über jene Welt geschrieben, der er selbst eine Zeit lang zugehörte: die der Geheimdienste im Kalten Krieg zwischen Ost und West. Und natürlich darf in diesem Buch auch jene Figur nicht fehlen, die bereits in seinem literarischen Debüt, ›Schatten von gestern‹ (1961), auftrat, freilich noch nicht in der exponierten Stellung, die sie später als Meisterspion im Zentrum von acht weiteren Romanen einnahm: George Smiley. Bevor der selbst auf den letzten Seiten des neuen Buches auftritt, wird darin allerdings eine