Auf den Spuren der Schnepfe

Roman | Tarjei Vesaas: Die Vögel

Vor Kurzem erschien der wohl bekannteste Roman des norwegischen Autors Tarjei Vesaas in neuer deutscher Übersetzung: ›Die Vögel‹, ein Werk aus dem Jahr 1957. Darin wird die Geschichte von Mattis geschildert, der mit seiner Schwester in einem Haus auf dem norwegischen Land wohnt, in der Nähe eines Dorfes, des Waldes und eines Sees. Von FLORIAN BIRNMEYER

Während seine vierzigjährige Schwester ständig Jacken strickt, um das Essen für die beiden auf den Tisch zu bringen, geht Mattis zunächst keiner geregelten Arbeit nach. Denn bei der Arbeit verliert der träumerische Mann sich in Gedanken. Der 37-Jährige gilt daher in der Dorfgemeinschaft als Außenseiter und Sonderling und wird von der Bevölkerung »Dussel« genannt.

Seine Schwester Hege kümmert sich zwar liebevoll um ihren Bruder, doch sie wird zunehmend ungeduldig und möchte, dass dieser ebenfalls Geld verdient, anstatt nur die umliegende Natur zu beobachten – den See, den Wald, den Bach – und seinen Gedanken nachzuhängen. Doch mit den meisten Höfen im Dorf verbindet Mattis schlechte Arbeitserfahrungen und Misserfolge. Er weiß bereits im Voraus, dass er beim Arbeiten wahrscheinlich erneut scheitern wird. Als er seiner Schwester zuliebe einem freundlichen Bauern im Dorf beim Rübenausdünnen hilft, versinkt er schnell in seinen Gedanken, hängt hinter den anderen Helfern und dem Bauern hinterher und fühlt sich von der Arbeit überfordert. Zuletzt reißt er sogar die guten Pflanzen aus.

Seine Gedanken rasten hin und her. So pflegte es ja zu gehen, wenn er eine Arbeit bekam – nichts von wegen Veränderung. Das war eigentlich das Schlimme heute: keine Veränderung, alles wie gehabt.

Die Welt um sich herum nimmt Mattis durch eine besondere, poetische, ja künstlerische Perspektive wahr. Nicht ohne Grund ist die Figur Mattis immer wieder mit dem Autor Vesaas in Verbindung gebracht worden, welcher ›Die Vögel‹ ein »Selbstportrait mit Vorbehalt« nannte. Mattis beobachtet aufmerksam die Naturereignisse in der Umgebung des Hauses von sich und seiner Schwester, welche er wie Zeichen deutet.

Sein Stammplatz ist die Vortreppe, von der aus er als aufmerksamer Beobachter die Welt betrachtet. Er ist überrascht und erfreut zugleich, als im Frühling unmittelbar über dem Haus der Geschwister eine Schnepfe ihre Linien zieht, mit welcher sich Mattis sofort schicksalhaft verbunden fühlt. Noch nie zuvor hat Mattis an dieser Stelle eine Schnepfe gesehen. Abend für Abend folgt er ihrem Flug und möchte auch seiner Schwester den neuartigen Schnepfenstrich zeigen, doch sie ist meist beschäftigt. Für Mattis geht mit dem Strich etwas Unsagbares einher, das außerhalb der Sprache liegt.

Ihm kommt es so vor, als hätte sein Haus dadurch eine Auszeichnung vor den übrigen Häusern erhalten, als wären er und die Schnepfe eng verbunden. Nach einiger Zeit beginnt er mit der Schnepfe in Vogelsprache und -zeichen mithilfe von Spuren in der Erde des Moores im Wäldchen zu kommunizieren. Als die Schnepfe nicht mehr mit neuen Spuren »antwortet«, wird Mattis erstmals bewusst, dass sie eines Tages nicht mehr sein könnte. Diese Erkenntnis ist der erste Hinweis auf den kommenden Tod der Schnepfe.

Mattis hat sich, so wird dem Leser bewusst, in eine eigene Welt eingesponnen, in der Tiere sprechen und denken können, in der die Natur belebt ist – eine sehr lyrische Welt, die an die antike Mythologie oder eine beliebige Vorstufe unserer Welt erinnert, als die Dinge noch poetischer waren, als sie es heute sind. Eine Welt, in der Arbeit keine Bedeutung hat, weil die Menschen – wie im Goldenen Zeitalter der Zeitalter-Theorie – keine anstrengenden Arbeiten verrichten mussten, um an Nahrung zu gelangen. So scheint die Figur Mattis ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein.

Im Laufe des Buches treten einige Ereignisse ein, die er eindeutig als böses Omen deutet: Ein junger Jäger, der Mattis zuvor gefragt hatte, ob über seinem Haus tatsächlich ein Schnepfenstrich verläuft, erschießt die geliebte Schnepfe. Daraufhin behält und vergräbt Mattis die Schnepfe, anstatt sie dem Jäger zu geben. Außerdem schlägt der Blitz bei einem Gewitter in eine der zwei trockenen Espenbäume ein, die den Dorfbewohnern als Symbole für Mattis und seine Schwester Hege gelten. Mattis deutet dies und den Tod der Schnepfe als Zeichen dafür, dass Hege etwas Schreckliches zustoßen wird, doch Hege und die Dorfbewohner sind unbesorgt. Mattis selbst hatte während des Unwetters eine Todesangst verspürt.

Doch Hege gelingt es, die Angst ihres Bruders zu vertreiben, indem sie ihm vorschlägt, öfter als Fährmann Personen mit seinem Ruderboot über den See zu fahren. Denn dieser hat zwei Mädchen, die in der Gegend Urlaub machten und ihm auf dem Inselchen inmitten des Sees begegnet sind, erfolgreich mit ihrem Ruderboot zum Anleger am Dorf transportiert, was ihm Selbstsicherheit und Zufriedenheit verschafft hat – sowie die Anerkennung der Dorfbewohnerinnen und -bewohner, die ihn bei dieser einigermaßen sinnvollen Tätigkeit sahen.

Hege und Mattis freuen sich beide, dass Mattis endlich einer Beschäftigung nachgeht, auch wenn nur selten jemand über den See transportiert werden möchte. An Mattis‘ erstem Tag als Fährmann nimmt ein Holzfäller namens Jørgen seine Dienste in Anspruch. Da dieser bereits müde ist, lassen Hege und er ihn bei sich übernachten. Der Holzfäller bleibt schließlich bei ihnen und sucht sich in der Nähe Arbeit. Jørgen und sie werden ein Paar, was bei Mattis Eifersucht hervorruft. Hege benimmt sich gegenüber Mattis strenger, seitdem Jørgen im Haus wohnt, und die Beziehung zwischen Mattis und ihr verschlechtert sich. Deshalb bekommt ihr Bruder Angst, die beiden könnten wegziehen wollen oder sich seiner auf irgendeine Weise entledigen wollen, obwohl Hege ihm immer wieder versichert, dass alles so bleiben werde, wie es bisher war.

Mattis war froh und auch wieder nicht, irgendwo dahinter steckte etwas nagend Ungutes. Beides, das Gute und das Ungute, lag an ihm: Er hatte den Holzfäller ins Haus gebracht.

Gegen Ende des Buches entwickelt sich zwischen den drei Hauptpersonen Mattis, Hege und Jørgen eine nicht mehr aufzuhaltende Dynamik. Jørgen nimmt Mattis mit in den Wald, wo er lernen soll, wie man Waldarbeiten ausführt. Er soll selbstständiger und erwachsener werden. Doch Mattis befürchtet, dass die beiden ihn allein lassen werden, sobald er sich selbst ernähren kann. Er geht schon bald weder Waldarbeiten nach noch arbeitet er als Fährmann. Stattdessen schmiedet er, angetrieben durch einige auslösende Ereignisse, einen Plan, der seine Probleme lösen soll. So spitzt sich die Geschichte gegen Ende auf tragische Weise zu.

Mattis ist in den Augen der Welt um ihn ein »Dussel«. Aufgrund seiner traumtänzerischen und gedankenverlorenen Art ist er bei der Arbeit ein Taugenichts, was ihn in der harten ländlichen Welt zu einem Außenseiter macht. Auch wenn er intellektuell etwas zurückgeblieben scheint, bemerkt er es doch jedes Mal, wenn sich andere über ihn lustig machen und wenn er nicht ins Raster passt, das diejenigen vorgeben, welche er die »Klugen« und die »Starken« nennt. Klugheit und Stärke bilden die Tugenden, nach denen er die Menschen um sich bemisst.

Und dennoch hat Mattis ein feines Gespür für die natürlichen Erscheinungen, für das Zwischenmenschliche, für die Sprache und die Poesie. So kommt Mattis einem bei der Lektüre vor wie jener Albatros in Baudelaires Gedicht »Der Albatros« (frz.: L’Albatros), welcher sich in den Lüften elegant, herrschaftlich und königlich fortbewegt, während er auf dem Boden dem böswilligen Gelächter der Umstehenden ausgesetzt ist, da er sich dort angesichts seiner riesigen Flügel sehr ungeschickt verhält. »Der Albatros« ist eine Allegorie auf das ambivalente Leben eines Poeten, ähnlich wie Mattis in ›Die Vögel‹ als eine typische Künstlerfigur gelesen werden kann.

Vesaas hat einen kraftvollen, poetischen, bukolischen Roman geschaffen, der die Landschaft und das Leben Norwegens würdigt. Es zeigt sich am Schluss, dass die zunächst abwegig erscheinende Zeichendeutung des Sonderlings Mattis tatsächlich eine Wahrheit beinhaltet hat. So ist ›Die Vögel‹ nicht nur ein Familien-, Liebes- und Naturroman, sondern auch ein Künstlerroman, der die Situation des Außenseiters in der Gesellschaft beschreibt, des Mahners, der am Ende recht behält.

Zu erwähnen sind auch die überaus gelungene Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel, die dem Roman mehr als gerecht wird, sowie das erhellende und einordnende Nachwort von Judith Hermann, das dem Verständnis des Romans eine zusätzliche Ebene hinzufügt. Tarjei Vesaas wurde übrigens mehrmals für den Literaturnobelpreis gehandelt. Eine klare Leseempfehlung für diesen norwegischen Klassiker!

| FLORIAN BIRNMEYER

Titelangaben
Tarjei Vesaas: Die Vögel
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Nachwort von Judith Hermann
279 Seiten, 23.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Was für ein Freund bist du?

Nächster Artikel

Taschentücher für Elefanten und Nilpferde, Laufschuhe für Geparden

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Hübsche Frauen und der beste Jazz

Roman | Ulla Lenze: Der Empfänger
»Gutes Essen, hübsche Frauen und der beste Jazz der Welt.« So beschreibt Josef Klein, der Protagonist in Ulla Lenzes Roman ›Der Empfänger‹ seine Lebenswelt jenseits des Atlantiks. Als junger Mann von Anfang zwanzig war er 1925 aus Düsseldorf nach New York aufgebrochen, wo er seinen Lebensunterhalt als Drucker verdiente. Von PETER MOHR

Das Genie als hilfloser Greis

Roman | Peter Härtling: Verdi »Ich hatte nicht vor, eine Biografie zu schreiben. Es ging mir nicht darum, das Leben Verdis zu erzählen, Daten und Werke einzusammeln. Der Untertitel nennt neun Fantasien. Verdi hat nie eine geschrieben. Eine Fantasie folgt Motiven, Stimmungen. Es ist eine dem Alter angemessene Form. Ich nähere mich an Jahren dem Verdi, und ich wünschte mir waghalsig einen Austausch der Erfahrungen«, schreibt Peter Härtling in seiner dem Buch vorangestellten Kopfnote. Der neue Roman ›Verdi‹ – gelesen von PETER MOHR PDF erstellen

Slowaken im Südpazifik

Roman | Michal Hvorecký: Tahiti Utopia

Den slowakischen General Milan R. Štefánik hat es wirklich gegeben. Viele andere der im fünften Roman von Michal Hvorecký auftretenden Personen auch. Was es freilich nicht gab: einen slowakischen Exodus in die Südsee, nach Tahiti. Aber zu verfolgen, wie das kleine, einst zu Österreich-Ungarn gehörende Volk sich quer durch Europa und schließlich zu Schiff über den Atlantik zu neuen Ufern aufmacht, ist hochamüsant und lässt zahlreiche Parallelen zu unserer Gegenwart durchscheinen. Zumal Hvorecký seine genial erfundene Geschichte auch dazu nutzt, mit heute wieder grassierenden nationalistischen Tendenzen in seiner Heimat ins Gericht zu gehen. Von DIETMAR JACOBSEN

Vielleicht sieht er wieder kleine rosa Elefanten!

Roman | Martin Suter: Elefant Da steht er plötzlich in seiner Höhle: ein kleiner rosaroter Elefant, der im Dunkeln leuchtet. Schoch hält das niedliche Tierchen für ein Spielzeug, von dem Kinder träumen, die schon alles haben. Da hebt es den Rüssel. Ist der erstaunte Obdachlose Opfer der Phantasie seines Trinkschädels oder in etwas viel Größeres hineingeraten, das nicht nur seinen Verstand übersteigt? MONA KAMPE begibt sich mit ihm auf ein rätselhaftes, nicht ganz ungefährliches Abenteuer. PDF erstellen

Konterfei der Scheinheiligkeit

Roman | Alois Brandstetter: Aluigis Abbild Inmitten der Wirren des Dreißigjährigen Krieges bittet eine Witwe einen berühmten Maler um ein Porträt ihres seliggesprochenen Sohnes. Alois Brandstetters Briefverkehr zwischen Rubens und der Donna Marta Tana di Santena liest sich wie ein leicht ironisierendes Sittengemälde aus dem Barock, ein Wirrwarr aus Carpe Diem und Memento Mori. Doch so wie Aluigis Abbild nicht fertiggestellt wird, verliert sich auch der amüsierte Plauderton in barocken Nichtigkeiten. VIOLA STOCKER wird Zeugin einer Zerstreuung. PDF erstellen