Taschentücher für Elefanten und Nilpferde, Laufschuhe für Geparden

Kinderbuch | Paul Smith / Sam Usher: Die Abenteuer von Moose und Mr Brown

Modedesign ist ein spannender, sehr kreativer Beruf. Vor allem, wenn sich die Kunden etwas speziell auf sie Zugeschnittenes wünschen. Zum Beispiel die Schweinsnasenfledermaus, der der Regen immer in die Nase läuft, wenn sie kopfunter vom Baum hängt – wie schneidert man da einen passenden Regenmantel? Davon und wie sich ein Zwillingspaar wiederfindet, erzählt ein Bilderbuch des Modedesigners Paul Smith. Von GEORG PATZER

Smith - Moose BrownEinen Schnorchel für den Otter, eine Haifischflosse für den Goldfisch, eine Taschenlampe für den Maulwurf – die Ideen sprudeln nur so aus dem Modeschöpfer Mr Brown: Sonnenbrillen für Schlangen, Kuschelsocken für Faultiere, dicke Jacken für Pinguine, Laufschuhe für Geparden, Halstücher für Giraffen – und das alles ergänzt sein neuer Freund Moose, ebenso phantasievoll, wenn es um Mode für Tiere geht. So richtig stylish, auch wenn vieles davon eher Gebrauchsmode ist.

Kennengelernt haben sich die beiden, als Moose mit seinem Zwillingsbruder Monty von Alaska nach London in den Urlaub fliegen wollte – Moose stieg in das richtige Flugzeug, Monty in das falsche. Nichts Neues für Monty, er war längst nicht so organisiert wie Moose, auf alten Fotos sieht man den Elch vom Töpfchen fallen, im Kindersitz saß er immer verkehrt herum. Als sie sich verlieren, muss Moose natürlich weinen, und der mitfühlende Mr Brown reicht ihm ein Taschentuch. Und zeigt ihm sein Skizzenbuch mit Entwürfen von Taschentüchern: für Elefanten oder Nilpferde, eines zum Abwischen von Krokodilstränen und ein klitzekleines für die Schweinsnasenfledermaus, das man nur mit einem Vergrößerungsglas sehen kann.

Und dann nimmt er Moose mit in sein Atelier in London, und anschließend fahren sie um die ganze Welt, um beim Ergattern von Aufträgen gleichzeitig nach dem verschollenen Bruder suchen zu können. Aber weder in Japan noch in Australien oder den USA, Afrika oder China ist er zu finden. Bis Mr Brown in Paris, kurz vor einer Modenschau auf eine Idee kommt.

Kreative Mode

Eine witzige und phantasievolle Geschichte hat sich der Londoner Modedesigner Paul Smith ausgedacht. Der affenartige Mr Brown sei, wie er in einem Vorwort erzählt, sein Chef: »Er leitet mein Atelier in London, im Stadtteil Covent Garden.« Die Geschichte sprüht geradezu von Einfällen, und die einfach gehaltenen Illustrationen von Sam Usher überbieten das spielend. Wunderbar, sich in die herrlichen Details zu vertiefen, in die Konstruktionszeichnungen für die Taschentücher, die wimmelnde Menge in London: ein Schaf mit umgehängtem Fotoapparat, ein Frosch in der Telefonzelle, ein Hase mit gelbem Rucksack.

Das Atelier birst schier vor faszinierendem Krimskrams: von der Schultasche über Lautsprecher, Flugzeugmodellen, einem Roboter und einem Segelschiff, über Uhren, Bonbons, Autos bis zu einer Riesenschere ist wohl alles da, womit ein Kind jemals gespielt hat. Aber das ist nicht ein unaufgeräumtes Chaos. »Ein wundervoller Duft lag in der Luft: nach Holz, Baumwolle und noch irgendwas. Was war es bloß? ›Man nennt es Kreativität‹, erklärt Mr Brown.« Nebenan, wo die Hasen- und Froschdesigner am Modell der Regenkleidung für die Schweinsnasenfledermaus arbeiteten, ist es genauso vollgestopft mit allen möglichen und unmöglichen Dingen.

Auf ihrer Reise um die Welt kreieren die beiden Latzhosen für Kängurus, eine Pudelmütze für einen kahlköpfigen Adler und einen Schlabberlatz für eine Speikobra. Und in Paris sind es vor allem die Ladenschilder, die man genüsslich entziffern sollte: Röcke für Böcke gibt es, Elefant & Elegant, Wespenwesten und Hummelfummel.

Es ist kein tiefsinniges Bilder- und Geschichtenbuch, aber voller einfallsreicher, origineller Ideen und Kleinigkeiten, die mit viel Spaß zu einer netten Geschichte verknüpft werden, die man kreativ weiterspinnen kann. Ein Buch, das den Erfindungsreichtum feiert und das Vergnügen und die tiefe Freude daran. Und das alles ohne pädagogischen Zeigefinger. Wie wunderbar.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Paul Smith / Sam Usher: Die Abenteuer von Moose und Mr Brown
(The Adventures of Moose and Mr Brown, 2019), übersetzt von Dorothee Haentjes-Holländer
Zürich: Kein & Aber Verlag 2020
40 Seiten, 20 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Auf den Spuren der Schnepfe

Nächster Artikel

Die Mission eines Öko-Gurus

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Eine ungewöhnliche Heldin

Kinderbuch | Bruno Nunes Coelho: Die Insel

Eine Insel ist ein von Wasser umgebener Ort. Sie kann klein oder groß sein, in ruhigen Gewässern oder stürmischer See liegen, karg oder üppig bewachsen sein, besiedelt oder eben nicht. Viel mehr gibt’s eigentlich über Inseln nicht zu sagen, oder? ANDREA WANNER staunt, dass es auch ganz anders geht.

Auf der Suche nach Freunden

Kinderbuch | Gerda Wagener: Der klitzekleine Hase

Manchmal ist es ganz schön doof, wenn man allein ist, keine Freunde hat und doch vieles viel lieber mit anderen gemeinsam machen würde. Wo sind sie bloß, die Freunde? Von dieser Suche erzählt das wunderschöne Bilderbuch. BARBARA WEGMANN hat es sich angeschaut.

Wie ein Buch entsteht

Kinderbuch | Becky Davies: Von der Idee zum Buch

Klar, zuerst braucht es eine Idee für ein Buch. Aber wie geht es dann weiter? Dieses Buch erzählt seine eigene Entstehungsgeschichte: wie aus einer großartigen Idee ein Buch darüber zu machen, wie ein Buch gemacht wird, genau DIESES Buch wird. Genial, findet ANDREA WANNER

Wunder an Weihnachten

Kinerbuch | Jutta Nymphius: Hotel Wunderbar   Ein Hotel, in dem Zimmer leerstehen, ein einsamer kleiner Junge und ein Tannenbaum aus Plastik: noch ist von Weihnachten nicht viel zu spüren. Das wird sich ändern, hofft ANDREA WANNER

Kinderalltag

Kinderbuch | Martin Muser: Das ist nicht lustig

Juri, Kette und Quark sind beste Freunde. Sie gehen gemeinsam in die Grundschule und stecken voller fantastischer Ideen, die in die Tat umgesetzt werden müssen. ANDREA WANNER war gespannt auf »Zwölf lustige Geschichten – und eine traurige«.