Jeder nach seiner Façon…

Kinderbuch | Nadia Budde: Auf keinen Fall will ich ins All!

Keiner gleicht dem anderen. Nadia Budde hat das schon in »Und außerdem sind Borsten schön“ treffend auf den Punkt gebracht: »Wie du bist, so bist du richtig!« Aber auch sonst unterscheiden sich Vorlieben, zum Beispiel im Hinblick auf Reiseziele. ANDREA WANNER begann, über eigene Urlaubsvorlieben nachzudenken.

Auf keinen Fall will ich ins AllDie Welt ist groß und wer einem Reisebüro einen Besuch abstattet, kann sich unter Umständen nur schwer entscheiden, wohin er nun eigentlich soll. Ganz anders geht es den vielen Akteuren in Nadia Buddes neuestem Bilderbuchklamauk.

Unser Held ist ein Knirps im Pinguinkostüm. Klar, wo ein Pinguin sich wohlfühlt: am Südpol (am Nordpol gibt’s nämlich gar keine), dafür will Freundin Desiree in den hohen Norden. Auch kein Wunder: Desiree mag vielleicht ein Mädchen sein, mit ihren großen runden Brillengläsern und einem weißen, plustrigen Gewand sieht sie klar aus wie eine Schnee-Eule und will deshalb unbedingt in den Norden. Das Ziel von Desirees großem Bruder Bert ist auch leicht zu erraten: mit Cowboyhut und Reitstiefeln mit Sporen gleicht er einem Lucky-Luke-Verschnitt und es zieht ihn in den Wilden Westen. Und wer Monalies mit den schwarzen Haaren und dem verträumten Lächeln sieht, rote Herzchen auf dem rosa Kleid und ein Herztäschchen locker über die Schulter, weiß auch sofort: Der Stadt der Liebe, in der ihre Namensverwandte im Louvre zu bewundern ist, gilt ihre Sehnsucht.

Das klingt zu akademisch? Falsch! Denn in erster Linie albert Nadia Budde ganz herzlich mit Wort und Bild herum: »Meine beiden großen Schwestern wünschen sich zurück ins Gestern« – mit Zahnspange und umringt von Minidinosauriern kann man sich die zwei wunderbar im Mesozoikum vorstellen. »Und mein schlauer Onkel Heinz will ins Jahr dreitausendeins«, neben ihm steht die Zeitmaschine bereit und zur vorbereitenden Lektüre hält er George Gipes ›Zurück in die Zukunft‹. den Roman nach dem Drehbuch von Robert Zemeckis gleichnamigen Film in der Hand. Und dann geht es Schlag auf Schlag: »Peter möchte in die Wüste – Roderick will an die Küste – Papa wär gern unter Palmen – Leonard will auf die Almen – Waldemar will an die See – Archibald von A nach B«. Mensch und Tier zieht es fort von da wo sie sind an andere Orte. Ferne, nahe, kühle, heiße, aufregende oder beschauliche. Je nach Temperament, nach Alter, nach Lust und Laune. Nadia Budde spielt mit dem Reisetrieb ohne Reiseprospektkitsch. Keine Palme, kein Sonnenuntergang, kein Berg, keine Großstadtsilhouette sind zu sehen, nur die Figuren, nicht einmal verortet im Raum, sondern nur auf den farbigen Buchseiten. Minimale Accessoires. Die passende Kleidung fürs Ziel. Aber keine Fahrkarte, kein Koffer, kein Flugzeug oder wartender Reisebus. Nur Wartende, Träumende, die trotzdem alles andere als unglücklich wirken.

Ein einziges Reiseziel schließt unser Pinguinheld dabei kategorisch aus: »Auf keinen Fall will ich ins All?« Warum? Klar, diese Frage beantwortet das Bilderbuch auch. So witzig, dass sich die Kleinen daran freuen und die Großen eben auch. Wie bei allen Bilderbüchern von Nadia Budde, die in ihrer vermeintlichen Schlichtheit den Kern der Sache treffen.

Die Lösung für alle Wünsche hat Klaus. Und wie die aussieht, wird nicht verraten. Vielleicht nur so viel: sie ist ebenso überzeugend wie machbar und ganz typisch Nadia Budde!

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Nadia Budde: Auf keinen Fall will ich ins All!
Wuppertal: Peter Hammer 2014
32 Seiten. 14,90 Euro
Bilderbuch ab 3 Jahren

Reinschauen
Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Kritisch angehaucht hat Methode

Nächster Artikel

The Problem With Indie Rock in 2014

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Verrückt oder ein Genie?

Kinderbuch | Jess Brallier: Wer war Albert Einstein?

Nicht immer braucht es eine fiktive fesselnde Geschichte um ein Buch nicht mehr aus der Hand zu legen, auch ein Lebenslauf kann so spannend sein, dass man ihn fasziniert verschlingt. Die Sachbuch-Reihe beim Adrian Verlag über prominente Menschen ist so ein Beispiel. BARBARA WEGMANN hat das Buch über Albert Einstein gelesen.

Tierische Freundschaft

Bilderbuch | Doreen Cronin: Brumm, Pieps und Glitschi

So schwer ist es gar nicht, zu erraten, wer wohl hinter den Namen Brumm, Pieps und Glitschi stecken mag: Richtig, ein Bär, ein Vogel und eine Schnecke. Was die drei für ganz junge Leser erleben, das beschreibt Doreen Cronin. Und wunderbar in Szene gesetzt hat es die Illustratorin Renata Liwska. BARBARA WEGMANN hat sich das kleine Bilderbuch angeschaut.

Trauerarbeit

Kinderbuch | Alicia Acosta: Balou und ich

Ein Bilderbuch mit nicht ganz einfachem Inhalt, vielleicht auch nicht für jede Lese- Gelegenheit geeignet, vielleicht auch nicht zum Alleinlesen, aber ein Bilderbuch voller Gefühle, die im Leben, egal wie alt man ist, eben schon einmal vorkommen können. Von BARBARA WEGMANN

Die Macht freundlicher Worte

Kinderbuch | Jack Sendak; Maurice Sendak: Viel Glück und viel Regen. Wer kennt das nicht? Etwas klappt nicht, passt nicht, ein Kind gehorcht nicht. Also besteht man darauf, drückt und presst, wird laut. Durchsetzen ist alles, oder? Es geht auch anders, nämlich mit ein wenig Nachdenken und vor allem mit sanften Tönen. Jack Sendak hat vor vielen Jahren eine Geschichte über die Macht von Freundlichkeit geschrieben, sein Bruder Maurice hat das Ganze illustriert. Von MAGALI HEISSLER

Neues Leben entsteht

Kinderbuch | Sissel Horndal: Máttaráhkkás weite Reise Dieses ausgesprochen schöne Bilderbuch entführt in den hohen Norden, ins Land der Samen, einer alten Volksgruppe, deren Lebensraum sich vom Norden Schwedens, Norwegens, Finnlands bis zur Barentssee in Russland erstreckt. Die Ureinwohner Lapplands sprechen eigene Sprachen und haben eine immer noch sehr lebendige Kultur, die aus dem Schamanismus herrührt, aus jener Zeit, als die Samen noch als Rentierjäger durch das Land zogen. Alles in der Natur hat eine Seele, und den Göttern und Geistern in der Welt nährt man sich mit Respekt. Diesen Zauber, so findet BARBARA WEGMANN, spiegeln Buch und Geschichte aus