Kritisch angehaucht hat Methode

in Krimi/Tatort

Film | Tatort 906 – Borowski und das Meer (NDR), 30. März

Ein ›TATORT‹, der Geschäftswelt und globalen Handel zum Thema hat, weit weit über den Planeten verteilt, doch niemand muss reisen, Kontakt wird über Skype gepflegt. In Wellington/Neuseeland kommt ein Umweltschutz-Aktivist zu Tode, in der Kieler Förde stürzt Jens Adam über Bord, der für die Firma Marex, Hamburg, mit Stammsitz in Vancouver Schürfrechte für Seltene Erden verhandelt. Bald wird eine Leiche angespült, die in eine Schiffsschraube geriet. Das stiftet Verwirrung, die aufgelöst sein will. Von WOLF SENFF

Tatort - Foto: ORF/ARD/Christine Schroeder.
Tatort – Foto: ORF/ARD/Christine Schroeder.
»Seltsamer Fall, seltsame Frauen«, sagt Borowski. Womit er recht hat. Es sind keine alltäglichen Frauen, und man sieht erfreut zu, mit welch einfühlsamen, liebevollen Bildern die Kamera diese Menschen zeichnet, so etwas tut not in angestrengten Zeiten und gilt in gleicher Weise auch für Männer in ›Borowski und das Meer‹.

Die krummen Beine der Chefin

Was für ein süßer Fratz ist doch der Staatsanwalt in Wellington, und wie bemüht brutal und dämlich tritt der Mann fürs Grobe der Firma Marex auf. Schön, dass Kaltblütigkeit und Menschenverachtung des Business auch einmal ihre hässliche Fratze präsentieren dürfen, der Mann hat viele Jahre Einzelkampftraining bei der Bundeswehr hinter sich, ein nacktes Elend kommt dabei heraus.

Der Blick auf diesen Mann ist ebenfalls voller Anteilnahme; der arme Mann appelliert nur noch an unser Mitleid. Und achten Sie auf die verbogenen Beine der Chefin. Lügen, wissen wir jetzt, haben krumme Beine. Die fallen auf, sofern man ihr von hinten beim Gehen zusieht, da war die Kamera ein paar Mal sehr aufmerksam und zugleich boshaft aufgestellt.

Borowskis mütterliche Fürsorge für seine Kollegin Sarah Brandt fällt wiederum erfreulich auf, wenn man an die zahllosen Ermittler denkt, die ihre auflebende Sexualität teils mühsam unterdrücken, teils ungebremst ausleben und in heftiges Fahrwasser geraten, die Bedauernswerten. Der Kieler ›TATORT‹ ist in dieser Hinsicht nicht alarmistisch, er gestattet eine nüchterne und untergründig humorvolle Sicht auf die Welt.

Wir sind gerührt

»Wissen Sie, was ich an Ihnen so mag? … Ihre Selbstlosigkeit«, spottet Borowski und vertritt überzeugend und glaubwürdig den moralischen und ordnenden Anspruch des Staates gegen eine aus den Fugen geratene und von rücksichtsloser Vorteilsnahme dominierte Ökonomie. Das ist doch auch mal schön zu sehen.

Nachdem das gesagt wurde, geschieht aber leider, was in vielen so kritisch angehauchten Filmen geschieht – diese Sichtweise wird runtergefahren und ausgeblendet. Man führt uns stattdessen in eine Parallelwelt aus enttäuschter Liebe, aus Eifersucht, aus ungestillter Sehnsucht. Es gehe letztlich doch überall, soll uns da weisgemacht werden, um das private Glück vor dem heimischen Kamin, und in dieser Arena kämpfe nun mal jeder ganz für sich allein.

Auf dünnem Eis

Passend dazu die Highlights, dass Frank Schätzing auftritt, dass Borowski in einer engen Taucherkugel den Grund der Förde absucht; oh! Man hascht nach dem Effekt. Inmitten der undurchsichtig trüben Brühe stöbert Borowkski denn auch ein Paar bleibeschwerte Stiefel auf, ein wichtiges Indiz. Die Ermittlung begibt sich auf dünnes Eis.

»Am Anfang war unsere Liebe so unfassbar groß«, klagt Marte Adam (Nicolette Krebitz) schließlich, eine Mittvierzigerin, eine intelligente Frau, eine Ärztin. Ein so gefühlig triefender Satz löst Assoziationen aus – »Du hast mich tausendmal belogen« mitsamt der durchdringenden Stimme einer fünfzigjährigen Dame in Leder, die ein Massenpublikum bespaßt. Das alles ist schwereloses Teeniesprech, es passt gar nicht in die Welt einer erwachsenen Frau, einer Ärztin.

Nein, das überzeugt nicht, dieser zweite Teil enttäuscht. Ach, wie soll einer daraus klug werden, aus diesem dann doch arg harmlosen ›TATORT‹; er fühlt sich plötzlich lau temperiert an und gesichtslos – ein Angebot für den Abend im Ohrensessel, per Knopfdruck justierbar, da hätten wir mehr erwartet.

Vor zwei Wochen der Leipziger ›TATORT‹ hatte ein ähnliches Strickmuster, Sie erinnern sich, die Inhalte waren bloß handfester sortiert. Auch dort blühte nach den ersten fünfundvierzig Minuten überraschend Liebe auf, nicht ganz so ruhig und nicht so sehr von Herzen.

| WOLF SENFF

Titelangaben
›TATORT‹: Borowski und das Meer (Norddeutscher Rundfunk)
Regie: Sabine Derflinger
Ermittler: Axel Milberg, Sibel Kekilli
So., 30. März 14, ARD, 20:15 Uhr

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