Unruhe in Europas Hinterhof

in Gesellschaft/Sachbuch

Gesellschaft | Marc Engelhardt: Heiliger Krieg – heiliger Profit

Vor Somalia ist die Bundesmarine präsent, in Darfur und im Südsudan die Bundeswehr zu Land, seit neuestem auch in Mali. Geht es nach Frau von der Leyen wird sie demnächst auch in der Zentralafrikanischen Republik aktiv werden. Warum das am Ende sogar nötig sein könnte, will uns Marc Engelhardt in »Heiliger Krieg, heiliger Profit« sagen. Von PETER BLASTENBREI

Marc Engelhardt: Heiliger Krieg – heiliger ProfitEngelhardt, Afrika-Korrespondent mehrerer Zeitungen und Rundfunkanstalten, beschreibt eingehend die Aktivitäten der radikalen islamistischen Miliz al-Shabaab in Somalia – über Somalia hat er 2012 ein ganzes Buch veröffentlicht. Dann macht er einen Schwenk nach Mali, wo er sich die al-Qaida im islamischen Maghreb (AQMI), Mitkämpfer bei der Eroberung Timbuktus 2013, anschaut, bevor es über Nigeria, wo die Boko Haram, ebenfalls gewalttätige Islamisten, ihr Unwesen treibt, zurück nach Somalia geht. Zwischenstationen im Tschad und Zentralafrika haben mit seinem Kernthema wenig zu tun; die Bürgerkriege in diesen Ländern kannten bisher keine militanten Islamisten als Mitspieler.

Eben dieses Kernthema aber lautet, dass bei den islamistischen Terrorgruppen in Afrika der Terror zur eigenen Bereicherung die ideologisch-religiösen Ziele längst verdrängt hat, falls es sie denn je gab – skrupellose, schwer bewaffnete Kriminelle also, die immer wieder Leichtgläubige mit ihren vorgeblich idealistischen Zielen begeistern.

Die Idee kommt als Weiterentwicklung der Thesen der italienischen Journalistin und Wirtschaftswissenschaftlerin Lauretta Napoleoni daher, die seit vielen Jahren die wirtschaftliche Basis des Terrorismus erforscht. Nur, wo Napoleoni zeigt, dass Terrorgruppen einen großen Teil ihrer Aktivitäten zur Geldbeschaffung verwenden müssen und wo sich damit bei ihr eine massive Kritik an Globalisierung, Privatisierung und weltweiter Spekulationswirtschaft verbindet, bleibt bei Engelhardt eine undifferenzierte grobschlächtige Anklage jeder wirtschaftlichen Aktivität von »Terroristen« übrig.

Nix genaues weiß man nicht

»Soll«, »angeblich« und »es ist nicht klar« sind Engelhardts Lieblingsfloskeln. Im Klartext, ein großer Teil seiner Ausführungen sind Vermutungen, die im besten Fall einen gewissen Wahrscheinlichkeitswert haben, manchmal aber auch einfach nur Unterstellungen ohne erkennbaren Wahrheitsgehalt sind. So bei der Verwicklung der al-Shabaab in die Wilderei auf Elefanten und Nashörner und den Elfenbeinschmuggel. Das Kapitel beginnt mit »so überrascht es nicht«, um dann jeden Beweis schuldig zu bleiben. Am andern Ende Afrikas weiß ein Gesprächpartner Engelhardts, dass es sichere Beweise für die Beteiligung der AQMI am Transsahara-Drogenhandel gibt. Welche das sind, verrät uns der Autor aber wieder nicht.

Leider ist Engelhardt einer derjenigen Journalisten, für die Afrika mit seinen Problemen buchstäblich erst gestern entstanden ist. Wäre das anders, müsste er das notorische Problem der kolonialen Grenzen kennen. Was gestern Handel war, ist heute Schmuggel, gestern Familienbesuch, heute strafbare Grenzverletzung. Er wüsste dann auch, dass der darüber entstandene kenianisch-somalische Konflikt letztes Jahr traurige 50 Jahre alt wurde – al-Shabaab ist gerade einmal seit 2006 aktiv. Er würde den jahrzehntealten Dauerkonflikt der Tuareg mit der malischen Zentralregierung mit einbeziehen und den internen Dauerkonflikt zwischen Nord und Süd in Nigeria.

Wir und sie: die weiße Sicht der Dinge

Was heißt also unter solchen Umständen überhaupt kriminell? Was heißt Sicherung der öffentlichen Ordnung, auch mit den für uns inakzeptablen Mitteln der Sharia, wenn Staaten korrupt oder nicht mehr vorhanden sind wie in Mali oder Somalia? Wenn sie selbst zu Feinden ihrer Bürger werden wie in Nigeria oder im Tschad? Solche Fragen drängen sich auf, und der Autor streift sie auch, doch ohne Konsequenzen für seine Argumentation.

Denn Engelhardts Sicht auf Afrika ist die des weißen Europäers. Mehr noch, weil er mit Quellen und Gesprächspartnern völlig unkritisch umgeht, fließt ihm die US-amerikanische Sicht der Dinge wie von selbst in die Feder – ganz besonders natürlich in Ostafrika. Ein schönes Beispiel für diesen unkritischen Umgang mit Quellen findet sich auf den Seiten 32 bis 34. Hier steht die stellenweise fast wörtliche Paraphrase eines Artikels aus der (nicht genannten) Internetzeitung »Sabahi online« vom 24.4.2013, die sich auf ihrer Webseite selbst als »sponsored by the United States Africa Command« bezeichnet.

Ein weiteres schönes Beispiel für die (hier aber doch wohl bewusste) Übernahme des US-Standpunkts ist der Umgang mit den Thesen von Jeremy Keenan von der London School of Oriental and African Studies. Keenan glaubt nämlich, dass der algerische Militärgeheimdienst die Terrorgruppen im Maghreb selbst aufgebaut hat und im geheimen anleitet, um seine Unentbehrlichkeit zu beweisen. Wo aber für Keenan algerische und US-Agenten seit 2001 Hand in Hand arbeiten (und damit auch für Touristenentführungen in der Sahara mit Todesopfern gemeinsam mitverantwortlich wären), sind bei Engelhardt US-Amerikaner im Maghreb nur in der Terrorbekämpfung aktiv.

Simplifizierungen

Muss man noch Engelhardts Hang zu unzulässigen Vereinfachungen erwähnen? Selbst Experten können die Beziehungen zwischen Tuaregrebellen und Islamisten in Nord-Mali im Augenblick nicht qualifizieren, der Autor schon. Wer kennt die Mysterien des ostafrikanischen Zuckerhandels? Hauptsache Engelhardt weiß, dass al-Shabaab die bösen Buben sind. Fast humoristisch wird es, wenn er im Skandalton darauf hinweist, dass Puntland in Nord-Somalia international gar nicht anerkannt ist (S. 184). Ja und, ist Nordrhein-Westfalen international anerkannt? Puntland ist ein Bundesstaat im föderalisierten Somalia, so steht’s ja sogar in der somalischen Übergangsverfassung.

Ungenauigkeiten dieser Art ließen sich noch mehrfach aufspießen, selbst echte Fehler finden sich (so war Bin Laden ab 1992 im Sudan, nicht schon 1989), Merkwürdigkeiten und Auslassungen wären zu überprüfen – eines ist aber so schon klar: das Buch ist voll und ganz dem verkorksten deutschen Bild von Afrika geschuldet, wo es auf exakte Berichterstattung und Verständnis für die Realität eines fremden Kontinents noch nie ankam.

| PETER BLASTENBREI

Titelangaben
Marc Engelhardt: Heiliger Krieg – heiliger Profit. Afrika als neues Schlachtfeld des internationalen Terrorismus
Berlin: Chr. Links Verlag 2014
224 Seiten. 16,90 Euro

Lesung
10.04.2014, 19:30 Uhr
Buchhandlung BiBaBuZe
Düsseldorf, Aachener Straße 1

6 Comments

  1. Lieber Herr Blastenbrei, danke für Ihr Interesse an meinem Buch. Ihre Kritik – das wundert wohl nicht – kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen. Sie bemängeln einerseits, dass ich zu sehr relativiere – andererseits, dass ich einseitig zugunsten des Westens bin. Sie kritisieren, dass ich Themen nur streife, dass ein historischer Rückblick fehlt und eine ausführliche Beschäftigung mit Fragen von Globalisierung, Privatisierung und Spekulationswirtschaft (um nur einige zu nennen). Tatsächlich ist mein Buch eine Einführung in das Geschäft mit dem Terror in Afrika, die sich an ein breites Publikum richtet, und keine wissenschaftliche Abhandlung. Manches kann ich deshalb nur streifen und verweise darum im Anhang auf dutzende weiterführende Titel zur Vertiefung. Komplexe Sachverhalte verständlich zu machen (Sie nennen das „vereinfachen“), ist mein Beruf als Journalist. Was Sie meine „Lieblingsfloskeln“ nennen – „soll“, „angeblich“, „es ist nicht klar“ – ist mein Ausdruck davon, dass es in dieser Thematik oft keine klaren Wahrheiten gibt. Dieses Buch ist nicht in der Studierstube, sondern vor Ort in Afrika entstanden. Ich habe über zehn Jahre hinweg mit hunderten Afrikanern immer wieder über die im Buch behandelten Themen gesprochen. Der Vielfalt ihrer Meinungen will ich Rechnung tragen, auch deshalb, weil mir sehr bewusst ist, dass ich ein weißer Europäer bin – genau deshalb sind afrikanische Stimmen in meinem Buch so prominent vertreten. Aus meiner Sicht mache ich die USA, Länder wie Frankreich und die neoliberale Globalisierung übrigens sehr wohl mitverantwortlich für den blühenden Terror in Afrika. Sie hätten das womöglich gerne noch prominenter, das ist Ihr gutes Recht als Leser. Ich bin anderer Meinung, das darf wohl so sein. Eines nehme ich Ihnen aber übel und muss ich korrigieren: Sie unterstellen mir, ich hätte auf den Seiten 32-34 von einer Website abgeschrieben. Tatsächlich bin ich für die erwähnte (zuerst in der kenianischen Daily Nation aufgekommene) Geschichte vom Zuckerschmuggel eine Woche lang im staubigen Norden Kenias unterwegs gewesen, eine ziemlich aufwändige und teils frustrierende Recherche. Sie können sicher verstehen, dass mich Ihre Behauptung deshalb besonders trifft. Last but not least: ich wende mich in meinem Buch klar gegen militärische „Anti-Terror-Einsätze“, unter anderem deshalb, weil sie bei der Bekämpfung wirtschaftlich motivierter organisierter Kriminalität nicht helfen.

  2. Ihre Kritik am Buch von Herrn Engelhaft ist wenig fundiert und recherchiert, sonst hätten Sie herausfinden können, dass der Autor über 10 Jahre n Afrika gearbeitet hat und mit Ihren angeblichen“ Floskeln“ nur mit Vorsicht mit Themen umgeht im Gegensatz zu vielen seiner
    Kollegen, die Dinge „behaupten“ und als Tatsache verkaufen !
    Ihre mehrmalige Kritik finde ich nicht angebracht und ich frage mich überhaupt, was sie soll ?? Haben Sie das Buch überhaupt gelesen ,oder angelesen ?

  3. Lieber Herr Engelhardt !
    Ich freue mich, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, auf die Rezension zu antworten. Nur so kann es zu einer, besonders für die Leser/innen fruchtbaren Diskussion kommen. –
    Zuerst zu dem, was Sie am schlimmsten in meiner Kritik fanden. Der Hinweis auf Ihre eigene Recherche zum Thema erklärt aber leider nicht die Parallele zu dem ›Sabahi Online‹–Artikel (bis in den Wortlaut hinein). Hatten Sie denn Ihre Recherche-Ergebnisse schon in Kenia veröffentlicht, sodass sie ›Sabahi‹ hätte übernehmen können ? Oder wie muss man sich das vorstellen ? –
    Den Unterschied von Journalismus und Wissenschaft kenne ich sehr wohl, da können Sie beruhigt sein. Aber darum geht es nicht. Wenn die notwendige journalistische Verkürzung wesentliche Aspekte referierter Themen auslässt, ob absichtlich oder nicht, handelt es sich um unzulässige Vereinfachung. Das, nichts anderes, werfe ich Ihnen in Bezug auf Keenan und Napoleoni vor. Und bitte nicht vergessen: Wir reden über ein Buch, nicht über einen Schnellschuss-Artikel. –
    Und schließlich zum weißen europäischen Blick. Der äußert sich z.B. im fehlenden Bewusstsein für das Grenzproblem – dafür braucht’s doch keinen wissenschaftlichen Essay – das Sie den Begriff »Schmuggel« undifferenziert nach Afrika übertragen lässt. Oder auch in Ihrem letzten Kapitel (»Was tun gegen Afrikas Terroristen?«). Klar bevorzugen Sie (in Somalia) wirtschaftliche vor militärischen Mitteln. Führt man das durch, was Sie dort vorschlagen, erreicht der Westen wohl sein Ziel und der Terrorismus verschwindet für kurze Zeit, vielleicht – aber was bleibt von Somalias Wirtschaft übrig ?
    Peter Blastenbrei

  4. Lieber Herr Blastenbrei, ich habe jetzt mal den Sabahi-Artikel nachgegoogelt. Offenbar geht es Ihnen um das Town Hall Meeting in Garissa, bei dem Bürgermeister, Händler und Honoratioren über den Zuckerschmuggel gestritten haben. Davon hat mein Strenger vor Ort (Stringer= Übersetzer/Assistent/Organisator) wie immer ein Protokoll auf Englisch gemacht, das ich erhalten habe und auch andere Medien (dazu gehören kenianische Zeitungen, Agenturen, offenbar auch Sabahi). Das ist üblich bei öffentlichen Treffen wie diesem, weil sich der Aufwand erst dadurch rechnet. Wenn ich alleine mit ihm 1to1-Interviews mache, so wie für viele andere Stellen des Buchs, ist das anders. Zum Rest ihrer Ausführungen: denen kann ich nicht folgen. Ich schreibe sehr wohl, dass etwa in der Sahara Grenzen willkürlich gezogen wurden. Beim dortigen Schmuggel ist das Problem aber doch überwiegend nicht die Grenzziehung, sondern der Handel mit illegalen Gütern und die damit verbundene Gewalt. Ich verstehe auch nicht, dass Sie sich um Somalias Wirtschaft sorgen, wenn ich fordere, dass illegale Geldflüsse eingedämmt werden, die ein Aufblühen des Terrors mit tausenden Toten zur Folge haben. Der wirtschaftliche Nutzen, den heute einige wenige aus den illegalen Geschäften in Somalia ziehen, rechtfertigt aus meiner Sicht nicht das Leid einer ganzen Nation.

  5. Lieber Herr Engelhardt !
    Vielen Dank für die Erklärung des Sabahi-Problems, die nun wirklich eine Aufklärung ist. Eine simple Pressekonferenz, so einfach lösen sich Weltprobleme. –
    Was ist zum Problem Grenzen noch zu sagen ? Eigentlich nur, dass bei Ihnen im Denken – wie ich an Ihrer Antwort sehe – offenbar zwei säuberlich getrennte Fächer vorhanden sind, eines für willkürliche Grenzen, ein anderes für Schmuggel und solche Dinge. Wenn Sie das partout nicht zusammenbringen können oder wollen, kann ich auch nicht helfen. Für alle die, die den Zusammenhang aber doch kennen oder erahnen und kapieren, dass hier Wirtschaftsströme zerschnitten werden, heute wie vor 50 Jahren, die sich ihren Weg wieder suchen: „illegal“ und „Schmuggel“ sind Defintionen, die sich nur dann ergeben, wenn solche Grenzen gegen jede Vernunft durchgesetzt werden. Also im europäischen, formaljuristischen Sinn. –
    Ähnlich ist es beim letzten Kapitel. Mir gingen beim Lesen die Augen förmlich über: ja, lässt denn der Autor den Somaliern noch etwas zum Überleben ? Wenn ich Sie richtig verstanden habe, nicht viel mehr als Subsistenzlandwirtschaft. Wissen Sie, das sagt sich so leicht, „Aufblühen des Terrors mit tausenden Toten“ und „Leid einer ganzen Nation“, aber denken Sie doch einmal in Alternativen, wirtschaftlichen Alternativen. Wovon leben die Leute, wenn der Holzkohlenhandel, auch die legale Variante, aufhören soll und zwar möglichst sofort ? Haben wirklich nur wenige etwas davon, wenn Gelder (vermutlich) aus der Piraterie im Land investiert werden ? Und so weiter.
    Peter Blastenbrei

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