/

Gotteskrieger aus dem Ruhrpott

Gesellschaft | Lamya Kaddor: Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen

Ja, es ist verstörend und erschreckend: Mehrere Hundert junge Menschen aus Deutschland sind in den letzten Jahren nach Syrien oder in den Irak in den Dschihad gezogen – 550 nach Angaben der Geheimdienste. Die Diskussion darüber hat sich bisher fast ausschließlich um Abhilfe durch Polizei und Justiz bewegt. Die viel wichtigere Frage nach dem »Warum« (und dem »Wie«) stellt jetzt Lamya Kaddor in ›Zum Töten bereit‹. Von PETER BLASTENBREI

KaddorMan kann sich schwerlich jemanden vorstellen, die geeigneter für eine solche Untersuchung wäre. Kaddor, als Tochter syrischer Einwanderer in Deutschland geboren und gläubige Muslimin, arbeitet seit 2003 als Lehrerin. An der Universität Münster und später im Schuldienst war sie am nordrhein-westfälischen Pilotprojekt Islamkunde im Unterricht beteiligt und beim ZDF am Forum am Freitag, einer Art Wort zum Sonntag für Muslime. Ihr Motiv, dieses Buch zu schreiben, war tragisch genug: fünf ihrer früheren Schüler haben mittlerweile den Weg in den Dschihad nach Syrien genommen.

Kaddor geht es um zweierlei, um die Suche nach den Gründen und um wirksame Prävention. Dabei formuliert sie Wahrheiten, die manche/n Leser/in überraschen dürften. So betrachtet sie Islamismus, Salafismus, Dschihadismus und folglich auch den IS als Randphänomene im Islam, unvereinbar mit seinem Geist und seiner inneren Vielfalt. Was solche Phänomene aber eben auch zum Problem der Muslime macht, ist die Berufung der Salafisten auf den Islam und, im Fall der Anwerbung deutscher Dschihad-Kämpfer, die Lebenssituation junger Muslime aus Migrantenfamilien, die ihre Anwerbung überhaupt erst möglich macht.

»Ich hab’ nicht soviel Wissen vom Islam« (Syrienrückkehrer 2015 vor Gericht)

Muslimische Jugendliche in Deutschland wissen wenig von ihrer Religion, auch wenn sie sich ihr eng verbunden fühlen. Vielfach ist nicht mehr übrig geblieben, als ein paar diffuse, aber strikt eingehaltene Gebote und Verbote und das Bild eines strengen, strafenden und kontrollsüchtigen Allah, das dem christlichen Gott der Schwarzen Pädagogik näher steht als der islamischen Tradition. Zentrale Überzeugungen wie die Barmherzigkeit Allahs oder die Vielgestalt theologischer Meinungen im Islam (von denen Kaddor eindrucksvolle Beispiele gibt) sind weitgehend verschüttet.

Es liegt also auf der Hand, wo Dschihadwerber mit ihrem angstbesetzten System aus Verfehlung und härtester Strafe ansetzen können. Zur explosiven Mischung wird das aber erst in der spezifischen Lebenssituation vieler junger Muslime in Deutschland. Der Dinslakener Stadtteil Lohberg (Ruhrgebiet), wo Kaddor unterrichtet und wo sich die sogenannte »Dinslakener Brigade« gebildet hat, steht hier für viele ähnliche Milieus. Nach dem Ende des Bergbaus ist die Arbeitslosigkeit hoch, Freizeitangebote für Jugendliche sind selten, der Aufstieg über Bildung nach der Aufgabe zahlreicher Schulen ist weitgehend verbaut.

Auf junge Leute, alle jungen Leute hier warten Aushilfsjobs, Arbeitslosigkeit, sozialer Abstieg, Langeweile als Lebensperspektive. Für muslimische Jugendliche kommt der Zerfall traditioneller Werte hinzu wie der Respekt vor den Eltern, wenn diese an ihrer Deklassierung verzweifeln. Mehr noch, muslimische Jugendliche werden von ihrer Umwelt heute zunehmend auf ihre Rolle als Muslime reduziert. Was die Sarrazin-Debatte, die NSU-Mordserie oder Pegida angerichtet haben, ist noch gar nicht abzusehen. Vor dem Hintergrund solcher Großereignisse (die türkisch- oder arabisch-deutsche Familien schon einmal die Koffer packen ließen) unterschätzt Kaddor die niedrigschwelligen Diskriminierungen ein wenig, die dazu die alltägliche Begleitmusik bilden.

Muslime machen

Deutsche Juden, die die Mordorgie der Nazis überlebt hatten, berichteten nach 1945, dass Hitler sie, die vollständig Assimilierten, überhaupt erst »zu Juden gemacht« habe. Dieses scheinbare Paradox gilt heute für junge Muslime. Türken oder Araber sind sie nicht mehr, Deutsche lässt man sie nicht sein. Die Rolle als Muslime und damit als Fremde an sich ist die einzige Rolle, die ihnen niemand streitig macht. Was liegt also näher, als sich diese Rolle aktiv anzueignen? Ein ideales Feld für Dschihadwerber, die sie genau an dieser Stelle abholen.

Dschihadwerbung muss selbstverständlich strafrechtlich bekämpft werden. Aber das reicht bei Weitem nicht aus, wenn einem wie Kaddor zuerst das Schicksal der jungen Menschen am Herzen liegt. Prävention also, aber Prävention als Aufgabe der gesamten Gesellschaft, von Familie, Schule, Politik und muslimischen Einrichtungen. Die deutsche Gesellschaft darf nicht, wie das zunehmend geschieht, Moscheegemeinden und Islamverbänden die ganze Last aufladen, die diese aus organisatorischen und finanziellen Gründen nicht tragen können.

Dennoch kritisiert die Autorin in einem eigenen Kapitel mit deutlichen Worten genau diese Einrichtungen. Die Moscheegemeinden hätten es versäumt, Kindern und Jugendlichen ihren Glauben zeitgemäß nahe zu bringen. Nicht um Antworten auf die Fragen eines schwierigen Alters gehe es im Religionsunterricht, sondern um die Aneignung alter Texte. In Moscheen seien salafistische Prediger zwar längst nicht mehr erwünscht, aber eine Tendenz zur Solidarisierung mit allen Muslimen angesichts der unfairen Angriffe von außen bleibe bestehen, verständlich, aber gefährlich.

Authentische Stimme

Lamya Kaddor ist ein Buch gelungen, das ungewohnt neue Töne in die aufgeregte Diskussion um deutsche Dschihadisten bringt. Hier geht es um die Bewahrung junger Menschen vor der größten Dummheit ihres Lebens, nicht um die Aufrüstung von Polizei und Geheimdiensten. Eine der größten Stärken des Buches ist es daher, dass sie aus muslimischer Perspektive schreibt. Und dass es sich an Jugendliche mit religiösen Restbeständen wendet. Denn wer sich bewusst gegen den Glauben entschieden hat, ist nicht mehr anfällig.

Lamya Kaddors Buch ist eine authentische Stimme deutscher Muslime. Sie weiß, wovon sie redet, und sie spricht eine deutliche Sprache (auch wenn sie mit deutschen Behörden und Institutionen auffällig zurückhaltend umgeht). Und sie stellt der deutschen Mehrheitsgesellschaft einige sehr unbequeme Fragen.
Es kommt jetzt darauf an, diese Stimme ernst zu nehmen.

| PETER BLASTENBREI

Titelangaben
Lamya Kaddor: Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen
München: Piper 2015
256 Seiten. 14 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Verurteilt und hingerichtet

Nächster Artikel

Zwei Räder, ein Pferd

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Ausmisten

Gesellschaft | H.Flassbeck, P.Steinhardt: Gescheiterte Globalisierung Nach einer Einleitung, die kluge Fragen stellt und den Problemhorizont ausrollt, wird unmissverständlich Stellung bezogen, und das ist äußerst wohltuend. Bei der Gemengelage, die ökonomisch unters Volk gebracht wird, ist es erleichternd, wenn reiner Tisch gemacht wird. Von WOLF SENFF

Aufmerksam studieren!

Sachbuch | Gabriel Zucman: Steueroasen Hoeneß, JVA Landsberg, ist eine Mücke, vergleicht man ihn mit denjenigen, die real die Beträge verschieben. Gut, eine Mücke sticht, sie überträgt leidige Krankheiten. Aber der grandios inszenierte Bouhaha, der um die Steuer-CDs veranstaltet wurde, hat bei den tatsächlich Vermögenden, wenn überhaupt, ein gelangweiltes Schmunzeln verursacht. Von WOLF SENFF

Visionäre Internetromantik

Gesellschaft | A. Pschera: Das Internet der Tiere | N. Heißmann: Das geheime Wissen der Tiere Klar, es gibt diesen Typus Mensch. Wenn es ihm besonders schlecht geht, setzt er seine letzte Hoffnung auf den Lottogewinn. Was da real abläuft? Wir nennen das Vogel-Strauß-Politik. Oder hat er etwa eine Vision? Aber mal eines nach dem anderen. Von WOLF SENFF

Fantasie ohne Grenzen

Gesellschaft | Ophélie Chavaroche/ Jean-Michel Billioud: Atlas der utopischen Welten

»Eine Utopie ist der Entwurf einer möglichen, zukünftigen, meist aber fiktiven Lebensform oder Gesellschaftsordnung, die nicht an zeitgenössische historisch-kulturelle Rahmenbedingungen gebunden ist.« Soweit die Definition, gut und schön, aber den Atem raubt einem erst das, was in diesem Bildband zum Thema »Utopie« präsentiert wird. Mit der so nüchtern klingenden Definition hat das dann nämlich nicht mehr viel zu tun, meint BARBARA WEGMANN.

Geschichten vom großen und vom kleinen Wandel

Gesellschaft | World Press Photo (Hrsg.): Stories of Change Der im Westen so enthusiastisch gefeierte Arabische Frühling von 2011 ist politisch längst ad acta gelegt. Ägypten kann sich auf die nächsten 40 Jahre Militärdiktatur einrichten, Libyen versinkt im Bürgerkrieg. Nur in Tunesien scheint sich ein bescheidener Wandel vollzogen zu haben. Weiter westlich schließlich fand gar kein politischer Wechsel statt. Dass die Gesellschaften dieser Länder aber auch abseits von politischen Kämpfen nicht starr und statisch sind, zeigt der eben erschienene Band ›Stories of Change‹. Von PETER BLASTENBREI