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Verurteilt und hingerichtet

Bühne | Franz Kafkas ›In der Strafkolonie‹ und ›Ein Bericht für eine Akademie‹ im Staatstheater Darmstadt

Verurteilt und hingerichtet – Kafkas Erzählungen bleiben auch heute noch aktuell. Die Aufführungen von ›In der Strafkolonie‹ und ›Ein Bericht für eine Akademie‹ überzeugen in Darmstadt. Von JENNIFER WARZECHA

Kafka2»Kafkaesk« ist nicht nur die besondere Art und Weise des Schriftstellers Franz Kafka (1883-1924), die Beobachtungen in seinen Erzählungen und seiner Prosa wie ›In der Strafkolonie‹ auf geradezu erschreckende und brutale Art und Weise zu schildern. Wie die Hinrichtungsmaschine funktioniert, kommt dabei sehr detailreich zur Sprache. Gerade diese Genauigkeit ist es, die den Leser bzw. Zuschauer erschaudern und zusammenzucken lässt, wie es einst Aristotelis in seiner »Poetik« forderte. Auch in Darmstadt (unter der Dramaturgie von Christa Hohmann und unter der Regie von Vanessa Wilcke) steht die Hinrichtungsmaschine mehr als die Personen im Vordergrund.

Der Theater- und Kafka-Abend als solcher ist inhaltlich zweigeteilt in die Erzählungen ›In der Strafkolonie‹ sowie ›Ein Bericht für eine Akademie‹. Im ersten Teil des Kafka-Abends überzeugen Samuel Koch und Robert Lang in einer Doppelrolle, die anschaulich die Gefangenheit des Individuums in den Fallstricken der Moderne zeigt. Zwei Menschen sind aneinander gebunden, fast schon miteinander verkettet: Samuel Koch agiert von der Position aus, innerhalb derer er eng mit Robert Langs Brust verhaftet ist, zum Beispiel dann, wenn er über seinen Alkoholkonsum reflektiert und Lang die Flasche über Kreuz an den Mund hält oder seine Rolle als Ausstellungsobjekt Affe im Hagenbeck’schen Tierpark reflektiert.

Eine tiefe Beklemmung verspürt der Zuschauer angesichts dessen, dass die Rolle Koch dadurch wie auf den Leib geschneidert zu sein scheint, dass er selbst seit seinem Unfall bei der ZDF-Show ›Wetten Dass…‹ querschnittsgelähmt ist. Im Kontrast zu dieser starken körperlichen Präsenz Kochs bleibt Lange dem Publikum erst einmal verborgen. Sein Gesicht bleibt unter einer schwarzen Maske. Schon allein das veranschaulicht Kafkas Lebensthemen: seine Erfahrungen von Entfremdung, Isolation und Ich-Zerfall, der Abschottung des Individuums von der Gesamtheit der Gesellschaft. Der Einzelne steht allein. Die Gesellschaft und ihre Mitglieder driften auseinander, gehen getrennte Wege. Jeder steht nur für sich im Mikrokosmos des Einzelnen und im Makrokosmos der Gesellschaft.

Zwischen dem Eindruck des Gefühls der Freiheit und dem des Ausgeliefertseins: Das Individuum in der Moderne

Kafka3Da kommt Kafkas sehr genaue Schilderung des Prozesses der Hinrichtung durch die Maschine gerade Recht. Wer ist Opfer eines solchen Tötungs- bzw. sogar Hinrichtungsversuches? Ganz einfach jeder im fiktionalen und auch realen Raum. Das Vergehen, um das es geht, ist dementsprechend genau eines, das jedes Mitglied der modernen Gesellschaft betrifft: die Arbeit und mit ihr Sorgen und Probleme, die im Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Verhältnis auftreten können, die moralische Abhängigkeit, der Zwiespalt zwischen Gehorsam und Aufbegehren – und das oft fast gnadenlose Ausgeliefert-Sein des Arbeitnehmers an den Arbeitgeber. Trotz dieser zeitgemäßen Problematik erscheint die Art der Hinrichtung durch eine Egge, die sich tief in jede einzelne Körperritze gräbt, und dem Verurteilten sein Vergehen im wahrsten Sinne des Wortes auf den Rücken schreibt, doch zu grausam und unangemessen.

Schon bei Robert Walser ist das Herr-Knecht-Verhältnis in nahezu all seinen Werken zu finden. In der Erzählung In der Strafkolonie bei Kafka erscheint der Grund der Verurteilung doch recht grausam: der Verurteilte hat verschlafen und ist deshalb »ungehorsam.« Liest man das Textbuch, findet man eine Reflexion darüber, ob hier nicht ein ungerechtfertigter Mord anstatt einer gerechten Verurteilung vorläge. Betrachtet man Kafkas Autobiographie, so ist festzustellen, dass er selbst von der Ausbildung her lange Jurist und Verwaltungskaufmann war. Insofern war er im Urteil darüber, was gerecht oder ungerecht erschien, immer recht nah an der Realität.

… und die Realität, die da ist – ist gnadenlos (beschrieben)

Kafka1Und diese Realität ist auch im Stück gnadenlos: Geradezu zynisch sprechen der Offizier (Gabriele Drechsel) und der Forschungsreisende (Judith van der Werff) – beide sind in der 50-minütigen Aufführungsdauer – im wechselseitigen Monolog, der typisch für die Moderne und den Zerfall des Dialogs ist, zu sehen – über die Abstrafung des verurteilten Arbeiters. Van der Werff beleuchtet den Sachverhalt immer wieder mit einer Lampe, teilweise im feuerroten Scheinwerferlicht. Am Ende fällt die Klappe der Hinrichtungsmaschine, der Offizier verschwindet. Das Publikum im gut gefüllten Kleinen Haus klatscht begeistert Beifall. Dennoch wird die Distanz zwischen Individuum und Gesellschaft, die schon Kafka selbst plagte, gerade durch die distanzierten Monologe und die detaillierte Beschreibung des Vorgehens der Maschine deutlich, die auf jede Beschreibung der Gefühlsregung des beteiligten Menschen verzichtet: Auch nach Marx und Co. ist der Mensch heute noch nicht völlig eins mit sich und mit sich und seiner Rolle als Arbeiter, der nicht Gefahr läuft, sich im Getriebe der Arbeit zu verlieren. Kafkas Thematik ist damit heute auch noch aktuell und überzeugt nicht zuletzt durch die Inszenierung, samt der Auszüge der Originalzitate, die auch hier gewohnt kafkaesk, schaurig und erschauerlich erscheinen. Zwei gelungene Vorstellungen an einem Abend.

| JENNIFER WARZECHA
| Fotos: ROBERT SCHITTKO

Titelangaben
Ein Bericht für eine Akademie
Erzählung von Frank Kafka
Mit Samuel Koch, Robert Lang

In der Strafkolonie
Erzählung von Franz Kafka
Der Offizier Gabriele Drechsel
Der Forschungsreisende Judith van der Werff
Regie Vanessa Wilcke

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