/

Auf der Suche nach dem Sinn des Theaters

Bühne | House of Trouble

Selbstreflexion, Reflexion über das Theater – klassisch inszeniert oder modern? All das sind Fragen des Regie-Theaters, aber auch solche, die in »House of Trouble. Das famose Leben der Geizigen« nach Jean-Baptiste Poquelin alias Molière gestellt werden. Stellenweise vermisst man in der Karlsruher Inszenierung am Badischen Staatstheater diese Bezüge und auch den roten Faden – was nichts an der schauspielerischen Qualität ändert. Von JENNIFER WARZECHA

Moritz Grove – Foto: Felix Grünschloß
Wofür steht das Theater und wofür wird es in Zukunft stehen? Für Gesellschaftskritik, der Blick hinter die Kulissen? Ein Schaulaufen? Für seine erste Arbeit am BADISCHEN STAATSTHEATER nimmt der Regisseur und Schauspieler Milan Peschel Molières Stück-im-Stück-Einakter ›Das Vorspiel in Versailles‹ als Ausgangsszenario.

Er und die Schauspieler entwickeln zusammen aus Anklängen an Molières Komödien, Texten und Bezügen aus der Popkultur ein – ja was eigentlich? »Ein furios-unterhaltsames Potpourri« nennt es die Webseite. Achselzucken oder Verwunderung zeigt sich im Publikum, abgewechselt durch Verständnis und Bewunderung. Manches Mal wird’s überzogen komisch, weinerlich, eher lächerlich. Dann wieder lächelt man im Zuschauerraum, weil man sich in manche Lebenslage doch leicht reinversetzen kann. Zum Beispiel bei der Frage, wann man einfach das Leben genießen oder doch den Gürtel enger schnallen sollte. Das kommt sicherlich nicht selten im Schauspielerleben vor. Auch darüber lädt das Stück ein, zu reflektieren.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler genießen den Wein und ihre Zigarette sowie das Beisammensein. Sie inszenieren eine Komödie für den König, die dieser bestellt hat, werden aber immer wieder selbst zur Komödie. Soll man mitlachen, mitweinen? Entdecken wir im Schauspiel unsere eigenen Alltagssorgen und Existenznöte? Als Einladung ins Stück steht auf der Webseite: »Aber wofür steht das Theater der Gegenwart? Wofür wird Theater in der Zukunft (ein)stehen? Unterhaltung, Emotionen, Lust am Spiel, Streitbarkeit und Diskurs? Oder für eine museale Kanon- und Konsenspflege, eine exklusive Bühne für das gutbürgerliche Schaulaufen?

Letztendlich heißt es: House of Trouble or House of no Trouble, das ist hier die Frage. Und alles andere ist einfach nur Theater, ganz bestimmt aber ein famoser Theaterspaß im Geiste Molières.«

Swana Rode, Claudia Hübschmann – Foto: Felix Grünschloß

Spaß macht es trotzdem, auch wenn die Stringenz der Handlung fehlt. Weil dies aber genau im Sinne des Regietheaters ist, macht auch das zu erleben wiederum Spaß und Freude.

| JENNIFER WARZECHA

Titelangaben
House of Trouble
von Milan Peschel und Ensemble | nach Molière
Badisches Staatstheater Karlsruhe

Mit
Lucie Emons, Claudia Hübschmann
Swana Rode, Andrej Agranovski
Leonard Dick, Moritz Grove a. G.
André Wagner, Milan Peschel a. G. (12.5.)

Regie & Textfassung: Milan Peschel
Bühne: Nicole Timm
Kostüme: Magdalena Musial
Lichtdesign: Henning Streck
Dramaturgie: Hauke Pockrandt

Termine
ZUM VORLETZTEN MAL IN DIESER SPIELZEIT
Donnerstag, 13.7., 19:30 – 22:15
ZUM LETZTEN MAL IN DIESER SPIELZEIT
Samstag, 22.7., 19:00 – 21:45

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein Bild und eine ganze Geschichte

Nächster Artikel

Abschied

Weitere Artikel der Kategorie »Bühne«

Auf die Freundschaft und die moderne Frau

Bühne | M. Delaportes, A. de la Patelliére: Das Abschiedsdinner Pierre (charakterstark und überzeugend: Bernhard Meindl) und Clotilde (feminin und fulminant: Sophie Lochmann) sind ein ganz normales, modernes Paar. Eines, bei dem Clotilde die Hosen anhat … Von JENNIFER WARZECHA

Achtung, Falle!

Bühne | Comedy: Männerabend Tom kommt von einer Geschäftsreise zurück und freut sich auf seine Heike. Doch sie holt ihn nicht am Flughafen ab. Zu allem Überfluss findet er zu Hause nur noch den Kühlschrank und das Sofa vor. Sonst nichts. Wo ist Heike hin? Ein Einbruch mit Kidnapping! Er muss die Polizei rufen! ANNA NOAH fragt sich, ob das wohl gut ausgeht.

Kapitalismus, Theater und Kritik

Bühne | Kulturbuch | Joachim Fiebach: Welt – Theater – Geschichte. Eine Kulturgeschichte des Theatralen Er gilt als Gigant unter den zeitgenössischen Theaterwissenschaftlern, ein Gigant, der scheinbar spielerisch Theater, Medien, Herrschaft, Philosophie und Kultur als Ganzes prägnant, pointiert und manchmal auch provokativ kontextualisiert sowie en passant sich auch noch als der Experte für das Theater Afrikas gerierte: der Berliner Professor Joachim Fiebach. Schon in zahlreichen Monografien und Artikeln hat er sich mit den sozialen und politischen Faktoren des Theaters beschäftigt und dabei aphoristisch über die dramaturgische Inszenierung der Realität laboriert. Jetzt hat Fiebach sein wissenschaftliches Opus Magnum vorgelegt, mit dem

»Warum soll ich schuld sein?«

Bühne | ›Lulu‹ im Hamburger Theater das Zimmer Sie verzaubert und verführt – ›Lulu‹ ist für viele Männer der Inbegriff der Perfektion. Doch nur einer weiß, wo bei ihr der Engel aufhört und der Teufel beginnt. Kann er sie zu Fall bringen, bevor die Sünde ihn stürzt? Von MONA KAMPE

Schlagabtausch zwischen den Geschlechtern

Bühne | Das Interview – Badisches Staatstheater Karlsruhe »Ein gutes Interview ist seinem Wesen nach ein Gefecht«, sagte einst Theo van Gogh (1957-2004), niederländischer Filmregisseur, exzentrischer Provokateur und Publizist. Dieser wurde 2004 von Mohammed Bouyeri ermordet. Der Grund: Der Fundamentalist sah den Propheten Mohammed durch van Gogh beleidigt. Dieser hatte im Film ›Submission‹ (dt. ›Unterwerfung‹) zusammen mit der Islamkritikerin Hirsi Ali mit provokanten Bildern die Unterdrückung der Frau im Islam angeprangert. Von JENNIFER WARZECHA