Schepper, klapper, rumms!

Kinderbuch | Isabelle Arsenault: Albert will lesen

Gar nicht so einfach, in Ruhe zu lesen. Hier ist es laut, dort schallt Musik, Kindergeschrei und Rowdygebrüll. So geht es auch Albert, bis er sich lautstark wehrt. Eine witzige Geschichte mit einer schönen Wende am Schluss. VON GEORG PATZER

Albert will lesenNicht zu fassen: unten scheppert es »Klack«, oben macht es »Ring Ring!« und »Klopf! Klopf! Klopf!« Da wird man ja verrückt. Kann sich nicht konzentrieren. Hat keine Ruhe. Also schnappt sich Albert das Buch und geht durch den Hof, um einen Platz zu suchen, an dem er ohne diesen ganzen Krach lesen kann. Er öffnet die Tür zum Weg hinter dem Haus. Und sieht plötzlich das Meer: Orangerot strahlt die Sonne kurz über dem Horizont und wirft orangerote Flecken ins blau schimmernde Wasser, der Strand glitzert orange – oh, wie friedlich. Dass es ein Bild ist, macht überhaupt nichts, das Rauschen umfängt den Kleinen, hüllt ihn ein. Da lächelt Albert und holt sich einen Stuhl, lehnt sich genüsslich zurück, und man sieht ihn auf einmal in einem Liegestuhl am Strand. Wie schön ruhig, nur das Plätschern der Wellen, das rhythmische Rauschen.

»Oh-oh, was für eine Sauerei«, hört er: »Komm, wir gehen besser da rüber.« Die zwei Nachbarsmädchen schleppen Töpfe und Pflanzen durch die Gegend: »Magst du mit uns gärtnern?« Nein, mag er nicht. Albert will ja lesen. Und so sitzt er auf seinem Stuhl und die beiden Mädchen topfen ein und um, häufen Erde mit einem Schäufelchen in einen Topf, und es ist, als wenn sie friedlich im Sand spielen würden, am Strand.

Da kommt sein Bruder Tom aus dem Haus gerannt: »Albert! Hier steckst du! Komm, wir spielen Badminton.« Albert will lesen, aber das Nachbarmädchen spielt mit Tom – und da wird der Strand schon ein wenig voller. Hin und her laufen die beiden, klock-klock macht der Federball.

Und so geht es weiter: Ein weiteres Mädchen kommt mit einem Kinderwagen: »Kannst du bitte auf Viktoria aufpassen? Ich will nur schnell meine Katze holen«, sagt sie. »Nein, danke. Ich…«, sagt Albert. »Wunderbar! Bin gleich zurück!«, ruft das Mädchen und ist weg. Albert wartet und wartet und wartet. Und endlich taucht sie wieder auf und stopft die dicke schwarze Katze in den Kinderwagen zu Viktoria. Das ist ein Geschrei …

Dann kommt ein Junge mit einem Radio, dann tanzt er mit dem Blumenmädchen zu lauter Musik, dann kommt Jimmy auf seinem Skateboard und brettert durch die Gasse, knallt gegen die Blumentöpfe, verjagt die Katze und macht vor allem Krach.

»Jetzt reicht’s. RUHE! Himmeldonnerwetter, kann man hier nicht mal in Ruhe ein Buch lesen?«, schreit Albert und klappt mit einem »Rumms!« das Buch zu. Stellt sich auf den Stuhl, stemmt die Arme in die Seite und guckt die Krachmacherbande so böse an, dass sie sich alle stumm und bedröppelt davonschleichen.

Sehr treffend hat die kanadische Illustratorin Isabelle Arsenault die Geschichte von Albert, der nur in Ruhe lesen will, in Szene gesetzt. Es beginnt mit seinem »Urgh« und ein wenig grumpfelig geht er durch den Hof – alles schön in Schwarz-weiß gezeichnet, nur sein orangerotes Ringelhemd und das türkisgrüne Buch stechen bunt hervor. Und dann das Meer – es füllt eine halbe Seite, strahlt und prahlt mit seinem Gebunte, und auf dem nächsten Blatt sieht man, dass es doch nur ein Bild ist, an die Mauer gelehnt. Aber es hat dieselben Rottöne wie Alberts Hemd. Ach, und wie glücklich er guckt, als er endlich allein dasitzt, das Buch erwartungsvoll auf dem Schoß: Eine ganze Doppelseite zeigt den glücklichen Albert auf seinem Liegestuhl am Strand, die nackten Füße zur Sonne gestreckt.

Und dann kommen langsam die anderen, eine nach dem anderen, die Gasse wird immer voller, der Strand auch, denn Strandszenen und Gassenbilder wechseln sich ab: Was in der Gasse passiert, passiert auch am Strand, was die Gasse füllt, beengt auch Alberts Meeresstrand, bis beide voll sind, bis die Musik als schwarzer Blitz die Seite vermüllt, bis man kaum noch Strand, Wasser und Sonne sieht. Bis ihm endgültig der Kragen platzt und er sie alle niederschreit.

Endlich Ruhe. Beinah

Aaaaaa, endlich Ruhe. Frieden. Nur noch Albert und sein Buch und das Bild vom Meer. Aber Arsenault hat noch eine nette Drehung parat: »Krrrrrr!!« macht es. Mit einem knirschenden »Krrrrrr« zerrt der kleine Tom einen Stuhl zu Albert, und auch er hat ein Buch unter dem Arm. Mit einem »Wuuusch!!« flitzt Jimmy herbei, »Trap Trap« und »Stampf Stampf« – so kommen alle Kinder zurück, und alle haben ein Buch dabei. Und als Albert sagt: »Tut mir echt leid, ich wollte wirklich nicht«, zischen ihn alle an: »Psssst!« Und dann lachen sie alle zusammen. Und sitzen und schauen aufs Meer …

Eine humorige Geschichte hat sich Arsenault da ausgedacht, mit Blei- und Buntstiften und wenigen Farben – türkisgrün und orangerot. Mit Konflikten, Streit, Gebrüll und Frieden, aber ohne pädagogischen Zeigefinger. Eine witzige Geschichte, die zeigt: Wer in Ruhe lesen will, hat es nicht leicht. Aber am Ende geht es dann doch. Und um am Meer zu sein, muss man nicht wegfahren. Ein bisschen Sperrmüll und Phantasie tun’s auch.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Isabelle Arsenault: Albert will lesen
(Albert’s Quiet Quest, 2019), übersetzt von Anna Schaub
Zürich: NordSüd Verlag 2020
48 Seiten, 15 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
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