Die Mission eines Öko-Gurus

Comic | Lukas Jüliger: Unfollow

Mit ›Unfollow‹ zeichnet Lukas Jüliger die Graphic Novel, die thematisch die Fridays-for-Future-Bewegung aufgreift. Dabei treibt er die Intentionen der Protestbewegung auf die Spitze. Es handelt sich um eine turbulente Klima- und Umwelt-Protestgeschichte zwischen versierter Technik- und Social-Media-Nutzung im Dienst der Sache und etwas demonstrativer Rückkehr zur Natur. Von FLORIAN BIRNMEYER

Unfollow - 9783956402173Alles beginnt damit, dass wir erfahren, dass der junge Protagonist des Comics trotz seines zarten Alters schon zahllose Erdzeitalter miterlebt hat: »Seine Erinnerungen begannen irgendwo im Kambrium«, d. h. vor sage und schreibe ca. 500 Millionen Jahren, als infolge der »kambrischen Explosion« im Meer fast alle heutigen Tierstämme entstanden. Es ist ein außergewöhnlicher Junge: Er führt zwar eine sorgenlose Kindheit, doch sammelt er tote Vögel – und wird daher von seinen Eltern zum Psychiater geschickt. Dieser weist ihn in eine Kinderpsychiatrie ein, wo er, zweifellos mit einem Talent zum Guru ausgestattet, schnell die Gefolgschaft der anderen jugendlichen Insassen für sich gewinnt, die ihm wenig später bei der Flucht aus der Anstalt helfen.

In sechs Kapiteln und einem Epilog erzählt Jüliger daraufhin den Werdegang dieses Jungen, der zum jungen Mann wird und eine Umweltbewegung gründet. Sein Weg wird als eine Reise mit verschiedenen Etappen und Stufen dargestellt. Zunächst führt Earthboi, wie er sich von nun an nennt, ein Leben in den Wäldern, jedoch kommt er nicht ohne energiespendendes Solarpanel, Laptop und Handy aus. Mithilfe seiner Geräte berichtet er der Welt nämlich unter dem Namen @realearthboi von seiner Geschichte:

Er erzählte Dinge über den Planeten, die Wissenschaftler in Staunen versetzten. Über sein tatsächliches Alter, das Kommen und Gehen der Arten durch die Perioden der Erdgeschichte.

Vom An- und Fortbeginn der Erdgeschichte

So lebt er einige Jahre im Nationalpark. Earthboi wird zum angesagten Internetphänomen, der sich gegen das Artensterben, die Bedrohung ganzer Ökosysteme und für die Reduktion des eigenen CO2-Fußabdrucks engagiert. Dafür macht er auch Product Placements. Es entspricht durchaus der Realität, dass politischer Aktivismus heutzutage nicht mehr ohne die Verbreitung über das Internet und Social Media, nicht mehr ohne Follower funktioniert.

Doch der Protagonist in Jüligers Graphic Novel geht noch einen Schritt weiter: Er wird zu einem Star des Umweltaktivismus, setzt sich als eine Art Sektenführer an die Spitze einer weltabgewandten Gruppe, die sich in ein eigens dafür erworbenes Areal zurückzieht und dort einen vorbildlichen Lebenswandel führt. Ohne Technologie – Internet, Handy und Laptop – kommt allerdings auch diese moderne Umweltkommune nicht aus, denn immerhin sollen die eigene Lebensweise und Botschaften ja in die Welt getragen werden.

Zu diesem Zweck lädt Earthboi eine Reihe von Youtube-Stars und Influencern in sein neues Zuhause ein. Auch die ehemaligen Mitinsassen aus der Jugendpsychiatrie, Studierende und frühere CEOS kommen, die er mit einer App davon überzeugt hat, ihr Leben zu ändern. Außerdem lebt dort die Influencerin Yu, in die sich Earthboi nach einer anfänglichen Internetbekanntschaft im echten Leben verliebt hat. Sie pflanzen, bauen, packen mit an, bestellen Felder, bewirtschaften eine riesige Gartenanlage.

Earthboi gab dem Ort den Namen »Erde«. Weil er den Idealzustand verkörperte. Das Gleichgewicht, in dem der Planet bewohnt werden konnte. Wie es hatte werden sollen, bevor sich der Mensch in seinen Phantasmagorien verloren hatte. Hier würde Earthbois Vision beginnen. Erde würde sich ausbreiten und eines Tages den ganzen Planeten umfassen.

Die Erde dreht sich weiter

»Erde« wird für die Menschen innerhalb und außerhalb der Kommune zu einer Utopie, die beweist, dass ein Leben jenseits von Luftverschmutzung, Depression und Druck möglich ist. Bald gibt es erste Nachahmer-Projekte außerhalb, die sich den Lebensstil von »Erde« aneignen. Allerdings ist das Leben in »Erde« auch vermischt mit einigen eher sektiererischen spirituellen Lebensinhalten wie zum Beispiel dem Geruch, an dem sich die Bewohner orientieren sollen, oder dem Spirit Animal, das sie suchen sollen. Und jede gesellschaftspolitische Utopie, jeder Guru gelangt irgendwann an seine eigenen Grenzen. So geht es auch Earthboi.

Die Geschichte ist aus der Sicht von Earthbois frühesten Anhängerinnen und Anhängern geschrieben, d. h. den übrigen Insassen der Jugendpsychiatrie, die ihm von Beginn an Treue schworen und ihm zur Freiheit verhalfen. Es ist passend, dass diese Geschichte über eine kollektive Bewegung mit einem markanten Anführer aus der Perspektive eines Kollektivs berichtet wird. Besonders beeindruckend an dieser Graphic Novel sind die wirklich liebevoll und schön gezeichneten Bilder, die allesamt entweder in einem hellen Blau-, Rot- oder Orangeton gehalten sind. Hier und da kommt auch etwas Pink mit ins Spiel, wie zum Beispiel auf dem Cover.

Meiner Ansicht nach waren die Erzählkommentare teilweise etwas zu knapp gehalten, als dass immer ein einwandfreies Verständnis möglich war. Ich habe zum Beispiel bis zum Schluss nicht völlig verstanden, was es mit dem Geruch auf sich hat. Doch vielleicht ist es die Intention des Autors und Zeichners, dass um die Ausnahmeerscheinung Earthboi ein Rest Mysterium bestehen bleibt, etwas Unaufgeklärtes, das den jungen Mann verklärt erscheinen lässt.

Mir hat gefallen, dass ›Unfollow‹ die Klimabewegung etwas überzeichnet und daher in karikierenden Zügen darstellt – als technik- und internetaffine Protestbewegung, die sich zugleich auf ein abgelegenes Gut im Wald zurückzieht. Die Siddhartha Gautama/Buddha-ähnliche persönliche Reise von Earthboi mit ihren religiösen und mystischen Zügen bildet den roten Faden der Graphic Novel. Doch für mich war dieser Erzählstrang zu nah am Personenkult. Da freut man sich sogar über Earthbois Fehlbarkeit, wenn der Guru während seiner Zeit in der Großstadt den Versuchungen des Stadtlebens erliegt, auch wenn dies nur dazu dient, dass er daraufhin wieder auf den rechten, wahren und einzigen Weg seiner schicksalhaften Bestimmung zurückfindet.

Jüliger geht nicht auf die Frage ein, ob ein Öko-Dorf, wie es im Comic dargestellt wird, tatsächlich den Klimawandel aufhalten kann. Stattdessen liefert er eine fesselnde Graphic Novel.

| FLORIAN BIRNMEYER

Titelangaben
Lukas Jüliger: Unfollow
Berlin: Reprodukt 2020
168 Seiten, 18 Euro
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Reinschauen
| Leseprobe
| Webseite des Künstlers

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