/

Fröhlich durch den Diskursdschungel

Roman | Mithu M.Sanyal: Identitti

»Das letzte Mal, als ich den Teufel gesehen habe, war er nackt, sichtlich sexuell erregt und eine Frau. So viel zu sozialen Gewissheiten.« Mit diesen Sätzen beginnt der fulminante Debut-Roman von Mithu M.Sanyal, und sie sind Programm: Am Ende der Lektüre haben wir als Leser*innen viele unserer sozialen Gewissheiten in Frage gestellt. Von SIBYLLE LUITHLEN

Die Bloggerin Identitti, die diese Sätze schreibt, ist Namensgeberin des Romans und heißt mit bürgerlichem Namen Nivedita Anand. Sie ist als Mixed-Race-Kind eines indischen Vaters und einer polnisch stämmigen Mutter in Düsseldorf aufgewachsen und studiert dort nun postcolonial studies bei der indischen Professorin Saraswati, die einen Kreis von jungen women of colour um sich versammelt hat.

Saraswati ist ihrer aller Phantasma, sie ist Indien, sie lehrt Kali-Studies, sie wird geradezu kultisch verehrt. Von ihr lernen die Studentinnen, ihre wortlos gebliebenen Erfahrungen des Andersseins zu benennen, sich von den Bildern zu befreien, die andere auf sie projizieren, sich gegen die subtil rassistischen Mechanismen der Mehrheits-Gesellschaft zu wehren. Saraswati ist das role model, das sie nie hatten: eine Frau, charismatisch, klug, selbstbewusst, wortgewaltig, of colour.

Die indische Göttin Kali ist die andere weibliche Instanz, die Nivedita durch den Dschungel ihrer Identitätssuche begleitet, an die sie sich wendet, wenn sie nicht mehr weiter weiß. Sie kommentiert Niveditas Handlungen ungebeten und konfrontiert sie auf manchmal unsanfte Weise mit eigenen Widersprüchen. Während Saraswati von dem Thron ihrer theoretischen Bildung und ihrer teilweise selbstherrlichen, doch immer rationalen Argumentation agiert, ist die Stimme von Kali gleichermaßen eklektisch wie anarchisch: Sie spottet und singt, zitiert Dylan Thomas und praktiziert wenn nötig auch Exorzismus.

Doch zurück zu Nivedita, ihrer indisch-englischen Cousine Priti und ihrer Freundin Oluchi. Zu dem Zeitpunkt, als Nivedita in einem Radio-Interview erklärt, warum es unsinnig ist, Saraswati Rassismus gegen Weiße vorzuwerfen, auch wenn sie weiße Student*innen manchmal aus ihren Vorlesungen wirft, fliegt der Schwindel um deren Identität auf: Saraswati hieß mal Sarah Vera Thielmann und war weiß. Niveditas Weltbild stürzt zusammen. Niemandem hat sie so vertraut wie ihrer Professorin und von niemand anderem könnte sie sich so verraten fühlen. In den sozialen Netzwerken bricht ein Shitstorm über Saraswati herein und bald auch über Nivedita, die zu Saraswati geht und Erklärungen fordert, anstatt mit Oluchi und den anderen vor deren Haus zu demonstrieren.

Die Auseinandersetzung, die die gestürzte Professorin mit Nivedita, Priti und – am Rande – ihrem Adoptiv-Bruder Raji über ihre angemaßte Identität als Woman of colour führt, versetzt die Leserin mitten in den aktuellen Diskurs über race. Wer darf sich wie bezeichnen? Was ist rassistisches Verhalten? Wer hat das Recht zu definieren, welcher Gruppe ich mich zugehörig fühle?

Das ist eine der vielen Stärken des Romans: Sanyal nimmt uns in einen akademischen Diskurs mit, der sich seit einigen Jahren immer stärker in unserem Alltag niederschlägt – sei es in den Debatten um Selbst- und Fremdbezeichnungen in sozialen Netzwerken, den Cancel-Culture-Diskussionen in den Medien, der Suche nach einer Sprache, die niemanden verletzt. Eine andere ist die Eleganz, mit der sie das tut: Zu keinem Zeitpunkt ist Identitti belehrend.

Sanyal möchte keine Antworten geben, sondern Fragen aufwerfen, indem sie uns an verschiedenen und alle mit Sympathie geschilderten Standpunkten teilhaben lässt. Diese Auseinandersetzung hat nichts Papierenes, sie ist für alle Beteiligten existentiell. Wer bin ich? Wer darf ich sein? Werde ich anerkannt als die, die ich bin? Wie können wir uns von unseren Traumata heilen, wie können wir lieben? Wenn sich die Protagonistinnen in ihren Debatten zu verlieren drohen, ist da immer noch Kali mit ihrer Unberechenbarkeit und ihrer überwältigenden Vitalität. Von Kali können alle lernen.

Und es ist nicht nur ein Roman über Race und Liebe und Selbstfindung und Düsseldorf, sondern ganz entscheidend auch über Sisterhood. Identitti dreht sich um Frauen, um ihre Beziehungen, ihre Fragen, ihre Suche. Dabei kommen durchaus Männer vor – Niveditas erster und ihr aktueller Freund, der sie zu Beginn des Romans verlässt, Saraswatis Adoptivbruder – aber sie bleiben Randfiguren. Ein Roman, der den Bechdel-Test bestehen würde, wie Mithu M.Sanyal im Gespräch sagt: »Gibt es in dem Film mindestens eine Frauenfigur? Haben sie einen Namen? Reden sie miteinander über etwas, was nicht ein Mann ist?«

Mithu Sanyal
Mithu Sanyal, Foto: www.stephan-roehl.de
Über Frauen zu schreiben, war nicht Programm, sondern ein genuines Bedürfnis, als Sanyal vor dreißig Jahren anfing, nach ihrem literarischen Ausdruck zu suchen. Seitdem hat sie zwei viel beachtete Sachbücher veröffentlicht (Vulva, Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts, Berlin 2009 und Vergewaltigung, Aspekte eines Verbrechens, Hamburg 2016), nun endlich der Roman.

Identitti ist zutiefst zeitgenössisch: Nicht nur ringen die Protagonistinnen um den Diskurs rund um das Thema race und gender, auch spielt sich ein wesentlicher Teil der Handlung in sozialen Netzwerken ab, vor allem auf Twitter. Dafür hat Sanyal – und das gibt dem Text eine authentische Vielstimmigkeit – Journalist*innen gebeten, in Form von Tweets auf die fiktive Enthüllung von Saraswatis wahrer Identität zu reagieren. Angelehnt ist der Plot an eine wahre Begebenheit: 2015 flog in den USA die weiße Herkunft der sich als schwarz gebenden Bürgerrechtlerin Rachel Dolezal auf und löste eine breite gesellschaftliche Debatte aus.

Dieses Ereignis hat Sanyal als Ausgangspunkt für ihren Roman genommen, der zwar Diskurse präzise (und mit Quellenangaben) wiedergibt, in dessen Zentrum aber so starke Figuren stehen, dass man ihn vor allem um deretwillen liest; ihren Beziehungen, ihren Fragen, ihrer Entwicklung. Dass Sanyals Debut nicht nur klug, sondern auch äußerst lebendig und unterhaltsam ist, hängt vielleicht mit ihrem Bezug zur angelsächsischen Literatur und speziell zu einigen Autor*innen of Colour wie Zadie Smith, Salman Rushdie oder Hanif Kureishi zusammen: viele, teilweile sehr witzige Dialoge, ein klarer Plot, eine Leichtigkeit im Stil, die den ernsten Themen ihre Schwere nimmt. Der schmerzhafteste Moment sind sicher die Morde von Hanau, die Sanyal sehr direkt verarbeitet und die auf brutale Weise das Kammerstück um Identitätsfragen in Saraswatis Wohnung beenden.

Nach der Lektüre von Identitti sind wir nicht nur klüger, wir haben auch bessere Laune, hat jemand auf Twitter geschrieben. Das stimmt.

| Sibylle Luithlen
| Foto: Heinrich-Böll-Stiftung from Berlin, Deutschland, Mithu Sanyal (14418908090), CC BY-SA 2.0

Titelangaben
Mithu M. Sanyal: Identitti
München: Hanser 2021
432 Seiten, 22.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Sibylle Luithlen interviewt Mithu M. Sanyal

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

»Möge ihr Frausein sie immer stolz machen«(*)

Nächster Artikel

Sprechender Affe in der Schwefelquelle

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Ein schweres Beben

Roman | Peter Henning: Ein deutscher Sommer Peter Hennings Roman Ein deutscher Sommer über das Gladbecker Geiseldrama. Von PETER MOHR

Die Heiligen der Schattenbibel

Roman | Ian Rankin: Schlafende Hunde Nach seinem Intermezzo bei den Cold Case Units (Mädchengrab, 2013) ist John Rebus im neuen Roman von Ian Rankin zurück an seiner alten Wirkungsstätte. Allein rangmäßig ging es ein Stück bergab mit ihm. Als Detective Sergeant ist er plötzlich seinem einstigen Schützling Siobhan Clarke unterstellt. Doch mit der kommt er klar. Dagegen machen es ihm Dienststellenleiter Page und der von Generalstaatsanwältin Macari auf eine Gruppe von ehemaligen Polizisten angesetzte interne Ermittler Malcolm Fox erheblich schwerer. Denn Rebus war ein Teil jener verschworenen Gemeinschaft, die sich den Namen »Die Heiligen der Schattenbibel« gegeben hatte. Von

Hilla in der großen bösen Welt

Roman | Ulla Hahn: Spiel der Zeit »Bitte nie vergessen: Ich habe einen Roman und keine Autobiografie geschrieben. Jeder weiß, wie Erinnerung funktioniert und wie trügerisch sie sein kann«, hatte Ulla Hahn kürzlich in einem Interview nach Erscheinen ihres dritten, stark autobiografischen Romans ›Spiel der Zeit‹ erklärt. Mit diesem opulenten Erzählwerk knüpft die einst von Marcel Reich-Ranicki als Lyrikerin geförderte Autorin beinahe nahtlos an die umfangreichen Vorgängerwerke an, den 500.000mal verkauften und später unter dem Titel ›Teufelsbraten‹ verfilmten Roman ›Das verborgene Wort‹ und den zweiten Band ›Aufbruch‹ (2009). Einen vierten Band hat Ulla Hahn bereits angekündigt. Von PETER MOHR

Handlungsreisende in Sachen Tod

Roman | Rainer Wittkamp: Mit aller Macht

Rainer Wittkamps letzter, von ihm selbst nicht mehr vollendeter Roman spielt zwischen 1924 und 1986. Er erzählt von zwei Männern, Vater und Sohn, die sich nie kennengelernt haben, und zwei Systemen, in denen diese Männer Karriere machten. Eine höchst fragwürdige Karriere allerdings, denn Fritz Wernicke diente in der Zeit des Nationalsozialismus als Henker, und Peter Körber, der in der Familie von Wernickes jüngerer Schwester Edith aufwuchs und später adoptiert wurde, steht eines Tages in den 1960er Jahren als Angehöriger der Staatssicherheit der DDR vor dem Dilemma, als Mann einer aus der DDR Geflüchteten entweder für Jahre ins Gefängnis zu gehen oder den ihm zu seiner Rehabilitation angebotenen Scharfrichter-Posten anzunehmen. Zwei Männer, zwei Täter – und ein Buch, das die Frage stellt, über wie viel Freiheit der Mensch in einem totalitären System verfügt. Von DIETMAR JACOBSEN

Der gehörlose Ermittler

Roman | Emma Viskic: No Sound. Die Stille des Todes

Australische Thrillerautoren haben in den letzten Jahren bei uns Konjunktur. Garry Disher, Candice Fox oder Jane Harper (um nur drei der interessantesten zu nennen) – sie alle werden gelesen und haben mit ihren Büchern mehr zu sagen über das Leben auf dem fünften Kontinent, als dass es ab und an auch mal gefährlich werden kann Down Under. Jetzt hat sich eine neue Stimme zum ohnehin schon eindrucksvollen Chor der australischen Kriminalschriftsteller hinzugesellt: Emma Viskic. Von DIETMAR JACOBSEN