Moral auf der Briefwaage

Roman | Maxim Biller: Der falsche Gruß

Findet in diesem Herbst das große Hinterfragen moralischer Kategorien bei den Schriftstellern der mittleren Generation statt? Eva Menasse hat sich in ihrem opulenten Opus Dunkelblum mit einem dunklen Kapitel der Geschichte im Burgenland auseinander gesetzt, Johanna Adorján beschäftigte sich in ihrem Roman Ciao mit Veränderungen im Feuilleton-Betrieb, und nun deckt der große Provokateur Maxim Biller mit seinem kurzen, novellenhaften Roman gleich beide Bereiche ab – das Geschichtsbewusstsein und den Kulturbetrieb. Von PETER MOHR

Das Cover zeigt zwei gezeichnete HändeDer 61-jährige Biller, der seit mehr als  drei Jahrzehnten sein Image als »enfant terrible« des deutschsprachigen Literaturbetriebs pflegt (u.a. in der zweiten Generation des »Literarischen Quartetts« im ZDF), bekannte einmal in einem ZEIT-Interview: »Ich habe, wenn ich anfange zu schreiben, nie eine Ahnung, wie lang ein Buch wird.«

Das nimmt man ihm im Fall seines neuen Romans nicht ab, denn er ist so straff erzählt, so durchkomponiert, als sei er am Reißbrett entstanden. Den novellistischen Einstieg liefert ein Treffen in einer Berliner Szenekneipe Anfang des Jahrtausends. Dort begegnen sich zwei konkurrierende Schriftsteller, die literarisch und politisch kaum unterschiedlicher sein könnten. Der noch relativ unbekannte Jungschriftsteller Erck Dessauer, ein Mann voller Selbstzweifel, schickt dem jüdischen Bestseller-Autor Hans Ulrich Barsilay einen flüchtigen Hitlergruß entgegen. Die Empörung ist groß, Erck zieht sich zurück, liest keine Mails mehr, Angst treibt ihn um. Die Angst öffentlich vernichtet zu werden. Er erinnert sich, dass er schon als Kind heimlich vor dem Spiegelschrank im elterlichen Schlafzimmer den deutschen Gruß geübt hat.

Erck fühlt sich von Barsilay angezogen und angewidert zugleich. Er möchte dazu gehören, zum Kreis der auserwählten Autoren, die von der renommierten Verlegerin in ihrer Prunkvilla privat empfangen werden. Jeder Preist ist ihm recht, deswegen sucht er nach Fehlern in Barsilays autobiografischem Bestseller „Meine Leute“ und entlarvt eine Auschwitz-Reportage als Fälschung. Barsilay hatte geschrieben, dass er beim Besuch des Konzentrationslagers zusammengebrochen sei. Tatsächlich war er nie in Polen, und Erck Dessauer konnte dies nachweisen.

»Ab da wäre ich für alle Ewigkeit nur noch der Typ mit dem Hitlergruß, mehr nicht, ein schmutziger, scheußlicher Feuilleton-Nazi, und ich würde nie wieder von einer Redaktion, von einem Verlag einen Auftrag bekommen«, geht es Dessauer durch den Kopf.

Es beginnt eine Schmutzkampagne zwischen zwei selbstverliebten und starrköpfigen Autoren. Dabei benutzen beide (sowohl literarisch als auch politisch) nicht die Seidenhandschuhe, sondern schlagen (argumentativ) wild um sich.Der Neu-Rechte Erck Dessauer, der nicht müde wird, immer wieder darauf hinzuweisen, dass er alles von Primo Levi und Imre Kertész gelesen hat, will mit seinem biografischen Buch »Eine sibirische Karriere«, die Verbrechen der Nazis relativieren. Naftali Frenkel, ein Stalin-Vertrauter, steht im Mittelpunkt des Buches. Er soll mit seinem GULAG-System den Nazis eine »ideologische Steilvorlage« geliefert haben.

Maxim Biller hat trotz der Kürze dieses Buches hervorragende atmosphärische Bilder aus der Intellektuellenszene eingefangen und mit reichlich Selbstironie auch viele Eckpfeiler aus seiner eigenen Biografie (z.B. den gerichtlichen Streit um seinen Roman Esra) eingeflochten. Der Prenzlauer Berg kommt wie ein  Biotop für gescheiterte Intellektuelle, die ihr Scheitern zur Kunst erklären, daher. Die Grenzen zwischen Humor, Arroganz und Respektlosigkeit werden hier fließend. Aber so – wirklich nur so – kennen wir Maxim Biller.

Er nimmt sich selbst und all die gehypten Debatten in den Feuilletons aufs Korn und stellt latent immer wieder die Frage: Was ist Moral? Was sind moralische Vergehen? Lassen sich (wie hier bei den Autoren Dessauer und Barsilay) gar die Vergehen vergleichen, wie auf einer Waage austarieren?

Biller erzählt alles (trotz des schmalen Umfangs) in einem ausschweifenden, leicht altbacken klingenden Tonfall mit unterschwelligen komödiantischen Zügen. Reale Figuren wie Herfried Münkler, Ernst Nolte und Rainald Goetz und deren Debatten schwingen als Dauer-Hintergrundmelodie mit.

Biller geht es auch um den Verfall des öffentlichen Diskurses, der sich auf Parolenformat reduziert hat und in dem hartnäckiges Insistieren auf eigenen Standpunkten als »Drei-Viertel-Sieg« gefeiert wird. Zerrissene Lebenswege und konträre ideologische Ausrichtungen werden in beiden Figuren gespiegelt und geben so etwas wie die künstlerische Antwort auf Maxim Billers in einem Essay kreierten Typus des »Linksrechtsdeutschen«. Ein kleines Buch nur, aber ein gehaltvolles, ein intelligentes und provozierendes obendrein. »Wer missbrauchte dieses Menschheitsverbrechen für seine kleinen, egoistischen Zwecke? Ich oder er?« Ein kleiner Roman zum Nachdenken über die großen Fragen.

| PETER MOHR

Titelangaben
Maxim Biller: Der falsche Gruß
Köln: Kiepenheuer und Witsch 2021
121 Seiten. 20.- Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr zu Maxim Biller in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Auf der Suche

Nächster Artikel

Transfer

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Die Würfel sind gefallen

Roman | Sascha Macht: Spyderling

Brettspiele haben in den letzten Jahren einen wahren Boom erlebt, nicht nur pandemiebedingt. Doch welche Menschen stecken hinter einem Spiel, als Autoren, Erfinder, Entwickler, Gestalter? Selten fand das Metier einen literarischen Niederschlag. Bis nun Sascha Machts Spyderling auf den Plan tritt und mit den Mitteln der puren Imagination ein unheilschwangeres, vernichtendes, boshaftes Netzwerk spinnt. Von INGEBORG JAISER

Unter Mythomanen und Paranoikern

Krimi | Dominique Manotti: Ausbruch Es hat nicht lange gedauert, bis sich Dominique Manotti, die erst mit 50 Jahren anfing zu schreiben, zu einer der wichtigsten europäischen Crimeladies gemausert hat. Die studierte Wirtschaftshistorikerin und ehemalige Gewerkschaftsaktivistin durchleuchtet in ihren Romanen die Chefetagen der großen Konzerne, deckt die Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft auf und nimmt ihren Lesern sämtliche romantischen Illusionen, es könnte da, wo der Profit im Mittelpunkt steht, auch menschlich zugehen. In Ausbruch nun wirft sie einen Blick zurück auf jene Jahre, in denen die europäische Linke sich radikalisierte, und fragt, was von jener »bleiernen Zeit« bleibt. Von DIETMAR

Die Wahrheit über das Lügen

Roman | Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen Zwischen zwei Romanen präsentiert der erfolgsverwöhnte Autor Benedict Wells nun zur Abwechslung zehn Geschichten aus den letzten zehn Jahren. Der Erzählband ›Die Wahrheit über das Lügen‹ entpuppt sich als Überraschungspaket mit kafkaesken Szenen, trügerischen Träumen und unerwarteten Familiengeheimnissen. Von INGEBORG JAISER PDF erstellen

Sex, Lügen und Schwindel-Attacken

Roman | Leïla Slimani: All das zu verlieren Die Pariser Journalistin Adèle ist Mitte dreißig und kultiviert ihre Blässe und Ausgezehrtheit als Ausdruck der Selbstdarstellung – doch sie droht, an ihren verborgenen Obsessionen zu zerbrechen. Im Hintergrund lauert stets das Wissen um die Brüchigkeit ihrer Existenz, die vernichtende Angst, All das zu verlieren: Ehe und Mutterschaft, Beruf und Lebensstil. Leïla Slimani entwirft ein zeitgenössisches Sittenbild mit all seinen Rissen und Verwerfungen. Von INGEBORG JAISER PDF erstellen

Sonderkommission »Käfig«

Roman | Simone Buchholz: Beton Rouge Chastity Riley, Simone Buchholz‘ unangepasste Hamburger Staatsanwältin, ermittelt bereits zum siebten Mal. In ›Beton Rouge‹ landen Manager nackt in Käfigen vor den Türen eines Hamburger Verlagshauses. Ein Mädchen wird totgefahren und in Rileys Freundeskreis, ihrem großen Rückhalt in der Welt, geht es auch nicht mehr ganz so friedlich zu. Als die Spur dann noch in ein bayerisches Elite-Internat führt und Chastity an ihrem neuen Partner Stepanovic mehr zu finden scheint, als sie eigentlich gesucht hat, wird die Sache langsam unübersichtlich. Von DIETMAR JACOBSEN PDF erstellen