5000 Jahre Medizingeschichte

Mit der Covid-Pandemie endet aktuell dieses spannende Buch und es beginnt mit einem Blick in die Zeit vor mehreren Tausend Jahren. Zeiten, zu denen es Dr. Google noch nicht gab, dafür aber den weitverbreiteten Glauben an Geister, Dämonen, an Magie und Hexerei. Von BARBARA WEGMANN

Das Buchcover zeigt einige altertümliche medizinische Instreumente wie Scheren und SkalpelleUm es vorwegzusagen: Ich bin schon arg froh, in heutigen Zeiten zu leben, im Krankheitsfall um eine moderne, hoch entwickelte Medizin zu wissen, die auf höchstem Standard um meine Gesundheit bemüht ist und mir hilft. Und doch gibt es heute auch wieder vielfach einen Weg zurück zu den alten Weisheiten der Heilung, der Kräuter, der Naturheilkunde, der uralten Akupunktur oder der Ayurveda zum Beispiel. Nicht immer ist die ganze Klaviatur der immer spezielleren und kostenintensiven Medizin erforderlich. Unser Gesundheitswesen ist auch zu einem lukrativen Geschäft geworden.

»Helft oder richtet zumindest keinen Schaden an«, so soll es der Arzt Hippokrates im antiken Griechenland vor über 2300 Jahren formuliert haben. Bis es aber in Europa so etwas wie »moderne Medizin« gab, war es noch ein weiter Weg. »Die Anfänge der Medizin lassen sich nicht genau datieren. Fest steht, dass es in allen frühen Zivilisationen Menschen gab, die heilen konnten.« Dabei half Einiges tatsächlich, aber oft wurden »Geister, Dämonen und andere übernatürliche Wesen« angerufen.

Im 16. Jahrhundert nahm die Entwicklung »Fahrt auf«. Errungenschaften der Wissenschaft wie »Antiseptika, Anästhetika, die Entdeckung der Keime, Antibiotika, Impfungen«, all das gab es aber erst im 19. und 20. Jahrhundert. Was für Erkenntnisse und Entdeckungen zum Wohle der Patienten. Die hatten beispielsweise zu Zeiten der frühen Chirurgie noch einen schweren Stand: »Steinschaber- und klingen waren scharf genug, Fleisch zu schneiden und man nutzte sie vermutlich, um Geschwulste zu entfernen. Die ersten deutlichen Nachweise von Operationen sind Trepanationen-Schädelbohrungen.« Und das oft ohne Narkose, versteht sich.

Medizin, so wird in den Jahrhunderten und Jahrtausenden deutlich, war immer auch verbunden mit Religion, Philosophie, Traditionen und uralten Überlieferungen. Sehr anschaulich, mit vielen Illustrationen, Bildern, alten Stichen, Grafiken, Zeittafeln reist das Buch durch die Entwicklung der Medizin. Kurze Kapitel, abgesetzte Zusammenfassungen, Vorstellung bedeutender Heiler und Mediziner, eine Einordnung in Zeit, soziale und gesellschaftliche Verhältnisse, all das macht die Lektüre abwechslungsreich und fesselnd.

Wann gab es die ersten Krankenhäuser, wie verlief die Entwicklung der Ausbildung in den Heilberufen, wann wurden welche medizinischen Geräte, wie etwa Spritzen, Mikroskope oder Stethoskope erfunden, welche Unterschiede in der medizinischen Entwicklung gab es weltweit? Welches waren die schwersten Krankheiten und Seuchen in der Geschichte, welches sind die spektakulärsten modernen Errungenschaften? Ganz sicher die Erforschung unseres Erbguts. Die Anwendung modernster Technologien, beispielsweise bei künstlichen Körperteilen und Implantaten oder immer wieder kleine Schritte im Kampf gegen Krebs sind die bemerkenswerten Schlagzeilen der Medizin in diesem Jahrhundert, nicht zu vergessen die Nanomedizin: »… es wäre für die Chirurgie von Nutzen, wenn man den Chirurgen schlucken könnte.«. Winzige medizinische Roboter, weniger als einen Millimeter groß, so heißt es, seien vermutlich die nächste Generation nichtinvasiver Chirurgie.

1967 transplantierte noch der südafrikanische Chirurg Christiaan Barnard das Herz eines Spenders, vor wenigen Tagen macht die Schlagzeile Furore, dass erstmals ein Schweineherz von einem amerikanischen Ärzteteam in einen Menschen transplantiert wurde. Die Entwicklungen auf medizinischem Gebiet scheinen grenzenlos: »Chirurgische Roboter unterstützen im Operationssaal Chirurgen, aber sie ersetzen sie nicht.«

Das Buch gewinnt seine Spannung ganz einfach dadurch, dass es uns alle angeht, eigentlich jeden Tag, von Kreislauf bis Herzklopfen, von Schwindel bis Atemfrequenz, von Impfen bis Schwangerschaft, von Grippe bis hin zu unserem Tod, alles hat mit Medizin zu tun, und die Geschichte dieser Medizin ist so vielfältig und faszinierend und aufregend, dass dieses Buch Dr. Google schnell in den Schatten stellt. Irgendwann betrifft irgendeine Krankheit jeden.

»Krankheit ist nicht gottgewollt, … die Ursache führt uns zur Heilung«. Nicht die Symptome sollen geheilt werden, sondern die Ursache der Erkrankung. Hippokrates ist auch heute noch längst nicht überholt.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Medizin. Die visuelle Geschichte der Heilkunst
München: Dorling-Kindersley-Verlag 2021
ISBN: 9783831043217
288 Seiten, 34,95 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Eine Reise ins Nichts

Nächster Artikel

Zerbrechlich

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Einsteigen und los!

Sachbuch | Mit dem Wohnmobil an Europas Flüsse und Seen

 
Es ist nicht nur im Trend, es ist auch für Viele der absolute Traum: Urlaub im Wohnmobil. Und zum Urlaub gehört für die meisten Menschen auch das Wasser: Seen, die Küste, das Meer, Flüsse. Also: was liegt näher, als mögliche Routen und Traumplätze an europäischen Flüssen und Seen für Camper vorzustellen. Von BARBARA WEGMANN

Auschwitz als romanzo-verità

Menschen | Luca Crippa / Maurizio Onnis: Wilhelm Brasse Wilhelm Brasse ist kein Geheimtip, auch wenn der Verlag das unauffällig suggeriert. Irek Dobrowolskis Film mit ihm und über ihn, ›Portretisca‹ (Der Porträtist), lief 2005 im polnischen Fernsehen und seitdem auf vielen internationalen Festivals. Es gab auch in deutschen Medien große Geschichten über Brasse, Erich Hackl hat ihm zwei literarische Reportagen gewidmet, und nach Brasses Tod im Oktober 2012 erschienen Nachrufe in aller Welt. Einen davon, so berichtet das Autorenduo Luca Crippa & Maurizio Onnis in seinem Blog, »hat Maurizio beinah zufällig online gelesen«. So entstand ein Projekt, das tatsächlich bis

Weitere Aufklärung notwendig

Sachbuch | Nina Brochmann, Ellen Stokken-Dahl: Viva la Vagina! Alles über das weibliche Geschlecht Als man mir übertragen hat eine Besprechung des Buchs ›Viva la Vagina! Alles über das weibliche Geschlecht‹ zu schreiben, habe ich zuerst überlegt, welche Themen wahrscheinlich angesprochen werden würden. Sie braucht Beachtung und sie braucht Zeit, waren meine ersten Gedanken. Sie mag es sanft angefasst zu werden und, je nach Situation, auch mal intensiver. Sie hat eigene Bedürfnisse und muss lernen, diese zum Ausdruck zu bringen. Bei der Lektüre wurde ich in all meinen Annahmen bestätigt. Allerdings beschränkt auf das Kapitel »Sex«, welches nur ein Siebtel

Der einflussreichste Kritiker

Kulturbuch | Alan Sepinwall: Die Revolution war im Fernsehen

Dass der Bezahlsender HBO mit Serien wie ›The Sopranos‹ oder ›The Wire‹ neue Standards für das amerikanische Fernsehen etabliert habe, gilt mittlerweile als Gemeinplatz. Alan Sepinwall begnügt sich nicht damit. Er deklariert: ›Die Revolution war im Frensehen‹. Von THOMAS ROTHSCHILD

Bodenständig zum Erfolg

Sachbuch │ Jan Fitschen: Wunderläuferland Kenia Dass Profisportler nach ihrem Karriereende sich durch das Schreiben eines Buches vermarkten, ist unabhängig von der Sportart gang und gäbe. Oft lässt sich dabei schnell feststellen, warum diese Profis zunächst den Weg des Sports und nicht den des Schreibens gewählt haben. Nicht so bei Jan Fitschen. Nach zahlreichen mauen Veröffentlichungen in den vergangenen Jahren bringt der ehemalige Leichtathletik-Europameister über die 10.000 Meter mit ›Wunderläuferland Kenia. Die Geheimnisse der erfolgreichsten Langstreckenläufer der Welt‹ neuen Schwung in das Genre des Laufbuchs, findet TOBIAS KISLING.