Allein unter Quallen

Roman | Marie Gamillscheg: Aufruhr der Meerestiere

Mit Aufruhr der Meerestiere ist der 1992 in Graz geborenen und inzwischen in Berlin lebenden Autorin Marie Gamillscheg ein beachtenswerter Nachfolgeroman zu ihrem mehrfach ausgezeichneten Debüt Alles was glänzt (2018) gelungen. Durch ihren fluiden Charakter vereint diese Geschichte zahlreiche Elemente eines Heimat-, Wissenschafts- und Familien-Romans, leicht und übergangslos. Als ob am Ende die Worte wie Wasser durch die Finger zerrinnen würden. Von INGEBORG JAISER

Exotische Tiere lassen sich außerhalb ihres Habitats selten erfolgreich vermehren. Zuweilen scheint die Glücklosigkeit gar auf die Menschen um sie herum abzufärben. Das zeigt schon Arno Geigers fahles Selbstporträt mit Flusspferd (2015), in der sich ein etwas antriebsloser studentischer Ferienjobber immer mehr der offensichtlichen Trägheit eines Hippopotamus annähert, für dessen Versorgung und Pflege er eigentlich bezahlt wird.

Geradezu konträr zur plumpen Gestalt des Flusspferdes kommt das lichte, helle, fast durchsichtige Wesen der Meerwalnuss daher, der heimlichen Hauptfigur in Marie Gamillschegs zweitem Roman Aufruhr der Meerestiere. Die Meerwalnuss, eine Rippenquallenart ohne Herz und ohne Hirn, kennt kein Geschlecht und keine Hierarchien, doch sie besitzt »eine Körperintelligenz, die dem Menschen gänzlich abhandengekommen ist.« Selbst unter den unwirtlichsten Lebensbedingungen legt sie eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit an den Tag, frisst gelegentlich gar ihre Kinder auf, nur um den Schwarm zu sichern. Und wie nebenbei schafft sie es auch noch, Atomkraftwerke und Industrieanlagen zu verstopfen.

Mit klackenden Absätzen

Genau diese spezielle Quallenart hat die junge, aufstrebende Meeresbiologin Luise zu ihrem Forschungsgebiet auserkoren. Ehrgeizig bahnt sie sich den Weg nach oben, verliert sich in einem Strudel von Lehrveranstaltungen, Vorträgen, Symposien und »glaubte sich erst wiederzufinden, wenn ihr Name sich auf den Papers und in den Zitaten anderer Papers weitervermehrte.« Von ihrer Heimatstadt Graz hangelt sie sich über die halbe Welt schließlich bis nach Kiel durch (Insider werden das Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung wiedererkennen). »Der Ruf ans Institut. Die Jüngste, die Fleißigste. Die mit den klackenden Absätzen. Forschungsaufenthalte, Kongresse hier und dort, überall, bis die Städte keinen Namen mehr hatten.« Doch der Ehrgeiz hinterlässt Spuren an Körper und Seele: Neurosen, Neurodermitis, Anorexie. »Die Einzigen, mit denen Du eine Beziehung führst, sind Deine Quallen«, konstatiert Juri, der gerne Luises Freund wäre und letztendlich doch an ihrer Abwehrhaltung abgleitet und kapituliert.

Hellsichtig seziert dieser Roman die Mechanismen des Wissenschaftsbetriebs und seiner Seilschaften, in dem vor allem zählt, wer mit wem wo publiziert. In denen der aufstrebende Nachwuchs auf Vortragsreihen abgestellt wird, die sich »Impulse« nennen oder ähnlich: »In einem kleinen Seminarraum durften Doktoranden aller Länder sprechen, sie trugen noch keine Titel, dafür Vornamen und meist einfarbige T-Shirts.« Es kommt hier nicht so gut, wenn man – der Doktormutter nacheifernd – eine gestärkte, feine Bluse wählt.

Nachgetragene Liebe

Doch als Luise für ein wichtiges Kooperationsprojekt ausgerechnet nach Graz entsandt wird (»Wie die meisten ihrer Kolleginnen hatte sie jegliche andere Verbindungen zu ihrem Geburtsort mit der Zeit wie ein totes Saisonfell abgestreift«), wird sie von der Vergangenheit eingeholt. Luise, das Scheidungskind, zerrissen zwischen egozentrischer Mutter und verstummtem Vater. Luise, die Unsichtbare, Verschwindende. Während Luise in der verwaisten »Vaterwohnung« logiert, versucht sie der verlorenen Kindheit nachzuspüren. Doch die entgleitet ihr genauso wie die Gegenwart, zerfranst, verschwimmt, bleicht aus.

Sehr spannend, in welch feinen, diffusen Abstufungen sich hier Mensch und Forschungsobjekt annähern, fast überlagern. Eine schwebende, durchlässige Sprache verleiht dem Geschehen einen fluiden Charakter, eine fließende Leichtigkeit, die sich zum Ende hin mehr und mehr auflöst. Was bleibt, ist die Form. Verfügt die gallertartige Meerwalnuss, die zu 99 Prozent aus Wasser besteht und nur durch etwas Kollagen zusammengehalten wird, vielleicht über mehr Körperwahrnehmung als der Mensch? »Sie geben sich ins Meer ab. Sie nehmen das Meer auf. Sie lassen sich treiben. Das Beständigste, das es jetzt noch gibt, ist das Wasser. Es kennt keinen Anfang und kein Ende, keine Höhepunkte, nur Ebbe und Flut und den Rhythmus des Wellenschlags.« Eine poetische und zugleich animalische Versuchsanordnung.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Marie Gamillscheg: Aufruhr der Meerestiere
München: Luchterhand 2022
297 Seiten. 22 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Gut gebrüllt, Löwin!

Nächster Artikel

Notbremsungen

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Marokkanische Scharade

Roman | Martin Suter: Melody

Verunglückt, ermordet, verschleppt oder einfach nur untergetaucht? Welches Schicksal ist der vor 40 Jahren spurlos verschwundenen jungen Frau namens Melody widerfahren? Und wie weit ist den smarten Geschichten ihres ehemaligen Verlobten zu trauen? In der vornehmen Zürcher Upper Class beginnt Martin Suters neuer Roman, der den Leser gleich mehrfach hinters Licht führen wird. Von INGEBORG JAISER

Lost Places am Nordbahnhof

Roman | Frank Rudkoffsky: Mittnachtstraße

Das konfliktbeladene Soziotop einer Kleingartenkolonie bietet Schauplatz und Bühne für Frank Rudkoffsky jüngsten Roman. In der Mittnachtstraße prallen Generationen, Kulturen und Lebensanschauungen aufeinander, zerreißen alte Seilschaften und Gewissheiten. Ganz nebenbei entwickelt sich diese spannende Milieustudie zu einem modernen Stuttgart-Roman der gegenwärtigen 20er Jahre. Von INGEBORG JAISER

Aufarbeitung erwünscht!

Roman | Nanni Balestrini: Der Verleger

Der Roman ›Der Verleger‹ von Nanni Balestrini, des 2019 verstorbenen italienischen Schriftstellers und Mitbegründers der ›Gruppo 63‹, der auch Umberto Eco angehörte, ist im italienischen Original bereits vor mehr als 30 Jahren erschienen und erzählt das tragische Ende des italienischen Verlegers und linken Aktivisten Giangiacomo Feltrinelli, der 1972 bei einem Sabotageakt – er wollte mit der Sprengung eines zentralen Strommasts die Stromversorgung Mailands unterbrechen – ums Leben gekommen war. Die Umstände seines Todes – vielleicht war er nicht alleine und es war doch Mord? – wurden nie restlos aufgeklärt. Die Neuausgabe von ›Der Verleger‹ ist bei Assoziation A erschienen. Von HUBERT HOLZMANN

Indiana Jones in Brasilien

Roman | Antonio Callado: Der Tote im See Ein britischer Abenteurer verschwindet 1925 im brasilianischen Urwald auf der Suche nach einer sagenumwobenen untergegangenen Stadt. Schon bald danach beginnen Militär, Presse und Abenteurer sein Verschwinden zu ergründen, jedoch ohne Erfolg. 1952 macht sich auch der brasilianische Journalist Antonio Callado im Auftrag einer Zeitung auf eine Expedition, um herauszufinden, wie Colonel Fawcett verschwunden ist und wer Der Tote im See wirklich ist. – VIOLA STOCKER lässt sich auf ein Abenteuer ein und entdeckt eine vergessene Kultur.

Eine Geschichte des Leidens, Sterbens und Überlebens

Roman | Ronya Othmann: Vierundsiebzig

Wer kennt schon die Jesiden? Kaum jemand. In ihrem ebenso einzig- wie großartigen Roman ›Vierundsiebzig‹ erzählt Ronya Othmann jetzt von der Geschichte dieses Volkes, das zugleich eine eigene Religionsgemeinschaft ist; davon, wie die Angehörigen dieses Volkes (in ihrer Selbstbezeichnung Êzîden) in der Diaspora leben müssen. Der Roman erzählt vom »Ferman«, wie die Jesiden die an ihnen begangenen Pogrome bezeichnen. 73 Fermane hatte es bis 2014 bereits gegeben. Dann kam Nummer 74. Fanatiker des »Islamischen Staats« (IS) überfielen am 3. August das jesidische Dorf Kotscho im nordirakischen Sindschar-Gebiet. Die Vereinten Nationen stuften das Massenverbrechen als Genozid ein. Im Januar 2023 tat das auch der Deutsche Bundestag. Doch nicht nur darum sind Ronya Othmanns großem Roman zahlreiche Leser zu wünschen – sondern auch, weil für die Autorin der Ferman weit mehr ist als ein politisch-historisches Verbrechen. Denn Ronya Othmann stammt selbst aus einer jesidischen Familie. Von DIETER KALTWASSER