Notbremsungen

Jugendbuch | Nils Mohl: Henny & Ponger

Ein Junge in der Hamburger S-Bahn Richtung Altona. Und ein Mädchen. Und beide mit demselben Buch ausgestattet. Zufall? Schicksal? Oder etwas ganz anderes? ANDREA WANNER hatte ihre helle Freude am neuen Roman von Nils Mohl.

Das Bild zeigt einen US-Straßenkreuzer, der durchs Weltall fliegtEr, das ist Ponger. Und er kann seine Blicke nicht von dem Mädchen im gelben Regenmantel lassen. Das Lesen hat er aufgegeben. Dafür hört er zu, wie sie zwei Typen antwortet, die sie fragen, ob ein Rosenstrauß noch eine zeitgemäße Liebeserklärung sei. Sie bevorzuge eine Schaukel. Überhaupt ist sie total wortgewandt. Und dann verrät sie Ponger ungefragt den Schluss des Buches: »Die beiden bekommen sich am Ende nicht. Kitschfreier Schluss. Ist gut.« Und dann zieht sie die Notbremse und verschwindet, nicht ohne Ponger vorher ein Handy zugesteckt zu haben.

Gut? Was daran ist gut? Die Fremde kennt seinen Namen: Ponger. Und sie nennt ihren: Henny. Das kann nicht sein, denn Henny ist Pongers ausgedachte Freundin, eine Cheerleaderin. Und die falsche Henny damit konfrontiert, dass sie nicht Henny sei, führt nur zu einer rätselhaften Antwort: »Ich bin HENNY. Mehr als jede andere.«

Nils Mohl nimmt die Leserinnen und Leser in ein Abenteuer voller Rätsel und Ungewissheiten mit. Dabei beginnt alles so bodenständig: Ponger in seinem Overall von Susis Garage, wo er alte Flipperauotmaten repariert. Wofür ein Händchen hat. Eine S-Bahn voller Menschen. Und dann wird alles mysteriöser. Seite um Seite schwinden die Gewissheiten, verirrt sich Ponger in seinen Gefühlen zu dem merkwürdigen Mädchen. Hinter dem die Polizei her ist, nein schlimmer: die Behörde für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Abteilung II – Risikomanagement, Internationale Angelegenheiten.

Wer ist Henny? Ponger geht es ein bisschen wie Q in John Greens Bestseller ›Margos Spuren‹, eben jenem Buch, das die beiden Jugendlichen lesen: Er versucht das Rätsel um Henny, die nicht Henny sein kann, zu lösen. Schwierig ist dabei, dass er seine eigene Identität nicht kennt. Als Heranwachsender landete er im Wohnwagen von Pörl, einer menschenfreundlichen, alten Dame, die ihm seither ein Zuhause bietet. Papiere hat er keine, Erinnerungen auch nicht. Aber Pörl unterstützt ihn in jeder Hinsicht, hat ihm den Job bei Susi beschafft, hört ihm zu, auch wenn er ihr seine erfundenen Henny-Geschichten erzählt. Und als die falsche Henny dann bei ihr auftaucht, ist sie entzückt und sofort bereit, zu helfen. Also geht es mit dem Wohnwagen und ihrem ganz speziellen Buick nach Amrum auf einen Campingplatz. Dort verspricht Henny eine Antwort auf seine Fragen, auf ihre Bitten nach der Reparatur eines merkwürdigen Teils, auf das Rätsel.

Wer sich auf das, was Mohl vorhat, einlässt, wird eine hinreißende Geschichte erleben. Ein Abenteuer, eine Lovestory, etwas, das unfassbar aber ganz besonders ist. In 202, teils sehr kurzen Kapiteln, spricht Mohl mit seiner Art zu erzählen alle Sinne an, tastet sich an das Unsagbare und Unvorstellbare mit vorsichtigen Schritten heran.

Ponger will nicht glauben, was er erlebt. Wartet darauf, aus einem Traum aufzuwachen. Und beim Lesen kann es so ähnlich sein. Also: entspannen, loslassen, einfach der Geschichte folgen. Denn Henny weiß: »Mit den Enden von Büchern klarzukommen, klappt immer besser als mit den Enden im Leben. Das ist mal sicher.«

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Nils Mohl: Henny & Ponger
München: Mixtvision 2022
320 Seiten, 18 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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