//

Farbe

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Farbe

Farbe ist ein durch das Auge vermittelter und durch das Gehirn aufbereiteter Sinneseindruck, durch Licht hervorgerufen, genauer: durch die Wahrnehmung elektromagnetischer Strahlung der Wellenlänge zwischen 380 und 780 Nanometern, las Sut, der Mensch, sagte er, zähle und messe, er nenne das Wissenschaft, sich selbst einen Homo Sapiens und könne vieles erklären.

Das Rauschen des Ozeans klang wie von ferne zur Ojo de Liebre herüber.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Der Ausguck stand auf, tat einige Schritte und löste sich in die Dunkelheit auf.

Die Dinge sind, wie sie sind, konstatierte Crockeye.

Bildoon starrte in die lodernde Flamme.

Nachts, sagte LaBelle, werde nicht besonders viel Farbe sichtbar.

Sie hörten, wie der Ausguck einen Salto schlug, und er schälte sich aus der Dunkelheit und setzte sich wieder.

Wortreiche Erklärungen, sagte London.

Nur daß der Mensch die Dinge nicht verstehe, sagte Sut.

Also weshalb die Welt voller Farben sei, fragte Bildoon.

Sut nickte. Und weshalb es verschiedene Farben gebe, sagte er, ob das nicht ein Überfluß sei, eine Verschwendung von Ressourcen und unnötig, sagte er, und würde nicht eine einzige Farbe ausreichen, sagte er, oder daß die Sonne, jedesmal wenn sie aufginge, die zehntausend Dinge rot einfärbte, lediglich rot, wie fändet ihr das, fragte er, er hatte Humor, und ins Blau wechsle, sobald sie sich wieder dem Horizont zuwende.

Klingt lustig, sagte London.

Rostock wandte sich zur Seite und legte ihm besänftigend den Arm um die Schultern.

Eldin räusperte sich, für seinen Geschmack begann das Gespräch aus dem Ruder zu laufen.

Also weshalb sei die Welt voller Farben, fragte Bildoon, ernsthaft, und nachts, knüpfte er an, ob sich die Farben da zur Ruhe legen würden.

Wen kümmere denn so etwas, giftete der Zwilling.

Vielleicht daß sie erschöpft seien, sagte Pirelli, es sei zweifellos anstrengend, die Welt in Bewegung zu halten, vom Planeten wolle er gar nicht reden, der mit atemberaubender Geschwindigkeit rotiere, ohne daß ihm die geringste Pause vergönnt sei, und auch der Zwilling brauche doch seinen Schlaf.

Ob das nicht eine anthropozentrische Sichtweise sei, wandte Mahorner kritisch ein.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Touste schlug Akkorde auf seiner Gitarre an.

LaBelle summte eine Melodie.

Daß Farben die Welt in Gang halten würden, Unsinn, sagte London, wer glaube denn das.

Weshalb nicht, sagte Pirelli, die Welt dürfe nicht stillstehen, auf keinen Fall, sie müsse bewegt werden, Tag für Tag, wie könne das möglich sein und von wo erwachse unserem Planeten nach jedem Winter wieder ein Schub frischer Kraft, er stelle sich vor, sagte Pirelli, die Farben seien Engel, die sich bei Tagesanbruch auf den Dingen niederließen und ihnen Schönheit und Kraft verliehen.

Wer glaube an Engel, sagte der Zwilling und lachte.

Infantil, spottete London, ein Kindergarten.

Auf keinen Fall, widersprach Thimbleman.

Termoth schwieg.

Sut lächelte. Das sei ein Weg, die Dinge zu verstehen, sagte er, und zu lernen, von wo das Leben herkomme und wie es zu pflegen sei.

Ein Anfang, sagte Thimbleman, und schwierig genug.

Touste lächelte. Eine dornenreiche Wegstrecke, sagte er.

Es war spät, die Männer waren erschöpft, der Tag war anstrengend gewesen, sie hatten einen Wal zur Strecke gebracht und waren zu streiten nicht aufgelegt.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Drei Gedichte

Nächster Artikel

Ein Unglück kommt selten allein

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Tatendrang

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Tatendrang

Angesichts des Desasters, fragte Farb, was sei zu tun, und legte sich ein Stück von der Pflaumenschnitte auf.

Tilman ging zur Küche und holte die Schale mit Schlagsahne.

Annika schenkte sich Tee ein, Yin Zhen, sie hatten das Service mit dem Drachenmotiv aufgedeckt, Tilman hatte es, wie er sagte, von Beijing mitgebracht, wo er einen Halbmarathon auf der Großen Mauer gelaufen war, aber sie hatte es vor wenigen Tagen in einer Auslage eines Geschäfts in der City gesehen, rostrot.

Eine Freundin, sagte sie, reise in diverse Regionen des Planeten und drehe Tierdokumentationen, um durch das Fernsehen einen Eindruck von der Vielfalt des Lebendigen zu vermitteln, ein Requiem, abschiednehmend, denn die Vielfalt schwinde.

Vertreibung

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Vertreibung

Farb war nicht von dieser Welt, nein, die Welt glitt an ihm vorüber, Tag für Tag, ihr hohes Tempo ließ ihn kalt, ihr verführerischer Glanz und ihre laut grölende Musik hinterließen keinen Eindruck, er war damit zufrieden, an den Nachmittagen in aller Stille einen Tee zu trinken und zu plaudern.

Flüchtlinge

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Flüchtlinge

Wie es gelinge, eine Wirtschaftsordnung wie die gegenwärtige als positiv darzustellen, das frage er sich seit langem, sagte Farb und tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm die Schale mit Schlagsahne.

Unbegreiflich, sagte Farb und nahm sich einen Löffel Sahne, die er sorgfältig auf dem Stück Kuchen verteilte.

Ultimativ

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ultimativ

Auch dieser Konflikt hat seine Regeln, Farb.

Tilman schenkte Tee ein und nahm einen Keks.

Einer ist der Schurke, die anderen sind gut?

Mag sein, Farb, aber das spielt keine Rolle.

Ich denke, doch, Tilman.

Tempo

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Tempo

Ob sie nicht längst auf verlorenem Posten stünden, fragte Wette.

Wie er das meine, fragte Farb.

Sie hätten den Anschluß verpaßt, sagte Wette.

Er verstehe nicht, sagte Farb.

Die Dinge liefen an ihnen vorbei, sagte Wette.

Welche Dinge, fragte Farb und tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Farb strich die Sahne langsam und sorgfältig glatt.

Annika legte ihr Reisemagazin beiseite.