Drei Gedichte

Lyrik | Peter Engel: Drei Gedichte

Die andere Seite

Auch der Sommertag hat seine
Fraglosigkeit verloren,
jedem Sonnenstrahl haftet
ein giftiger Verdacht an,
das Grün der Platane drüben
hat schon einen gelben Stich
der Ankränkelung Anfang Juli.

Wie das Wasser verkocht wird
unter den Pflanzen und aufsteigt
als nicht sichtbarer Dunststrom,
wie das Land stetig austrocknet,
ohne daß du es gewahr wirst,
wie die Erde rissig aufplatzt,
Spalten zu ihrem Glutkern hin.

Aber alles noch überdeckt
von alten Gewohnheiten,
dein blasses Gesicht streckst du
den verderblichen Strahlen hin
und läßt dich weiter verbrennen,
siehst die flammenden Zeichen nicht,
die schon aus dem Boden schlagen.

 

Blick nach draußen

Was dort unlesbar in Wolkenschrift
steht, ist dir ein tägliches Rätsel,
die große Ankündingstafel
nützt dir nichts, bis die Sonne kommt
und den Tag verständlich macht.

Der Gegenüberbaum ist nicht
durchsichtig, hat Licht gekapert
und läßt es nicht wieder frei,
verarbeitet es zu seinem Grün
und hält es dir entgegen.

Was auf der Terrasse wächst,
öffnet dir jetzt die Augen
und gibt ihnen etwas zu tun,
sie klassifizieren die Blätter
und ordnen die Farben ein.

Alles für einen guten Tages-
verlauf, der seine Signale
von draußen holt, das Glas des Fensters
nutzt für die Nahdiagnosen
und die richtigen Schlüsse zieht.

 

Tagesverarbeitung

Aus den verlaufenden Stunden
gefiltert, was bleiben soll,
der Moment einer Überraschung,
als ein lange gesuchtes Wort
plötzlich doch in die Bresche sprang
und die Zeile erhellte.

Wie ein Kribbeln der Kopfhaut
eine mitlaufende Unruhe,
die sich nicht beschwichtigen ließ,
den ganzen Tag war sie da
und pochte in den Pulsen.

Irgend etwas fehlte dauernd
und hinderte die rechte Hand
am richtigen Zupacken,
eine Ungeduld brachte
die Stunden durcheinander,
eine Glückssträhne riß jäh ab.

| PETER ENGEL

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