Zu jung, um schon erwachsen zu sein

Roman | Bret Easton Ellis: The Shards

Sie sind in ihrem letzten Jahr an der Buckley High in Los Angeles: Bret und Debbie, Thom und Susan, Ryan und Robert, der Neue. Ein paar Monate noch, dann beginnt der Ernst des Lebens. Über den man sich auf der Schwelle zwischen Jung- und Erwachsensein noch nicht so viele Gedanken macht. Bret, der Erzähler in Ellis neuem, seinem siebten Roman, weiß nur eines: Irgendwann wird er ein Schriftsteller sein. An seinem Debüt mit dem Titel Unter Null schreibt er schon. Es soll ein Roman über das Leben von seinesgleichen werden: saturierten Jugendlichen, denen es an nichts fehlt, die sich alles leisten können, im Grunde aber nicht viel mit ihrem Leben anzufangen wissen. Aber weil sich irgendwo draußen ein Serienkiller herumtreibt und auch zwischen den Schülern der Buckley High mit dem Erscheinen eines Neuen Konflikte aufbrechen, wird dieser Herbst des Jahres 1981 letzten Endes doch mehr einer des Umbruchs als des Stillstands. Von DIETMAR JACOBSEN

Gut vier Jahrzehnte hat sich Bret Easton Ellis (Jahrgang 1964) Zeit gelassen, ehe er sich literarisch jenem traumatisierenden letzten College-Jahr genähert hat. Zeit, auf die er in dem einleitenden Kapitel zu The Shards zurückblickt, um zu dem Schluss zu kommen, dass es dem »düsteren Tunnel, den ich als Siebzehnjähriger durchquerte«, gelungen war, alle Erinnerungen an jene Teenagertage im Herbst1981 oder gar den Plan, über die Geschehnisse von damals zu schreiben, für lange Zeit zu verdrängen.

Erst 2020 war er nach einigen gescheiterten Ansätzen endlich bereit, sich dem Geschehenen zu stellen, um ein für allemal mit der Vergangenheit abschließen zu können. Dass der Roman aber doch eher auf ihn zugekommen war, als er auf ihn, lag an dem flüchtigen Blick auf eine Frau mitten in Los Angeles – einer Art Epiphanie –, der wieder zutage brachte, was damals geschehen war, damit es endlich schreibend bewältigt werden konnte.

Ein Buch sucht seinen Autor

Der Held von The Shards heißt Bret Ellis. Er ist 1981 17 Jahre alt, geht auf eine teure Privatschule, die Buckley High, und schreibt an seinem ersten Roman mit dem Titel Unter Null. Während sich seine vermögenden Eltern auf einer zweimonatigen Kreuzfahrt in Europa befinden, hat er das Haus am Mulholland Drive ganz für sich allein. Liiert ist er mit der gleichaltrigen Deborah Schaffer, tendiert aber eher zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen, was in der Öffentlichkeit freilich sorgsam verborgen werden muss. Eigentlich läuft alles für den jungen Mann, dem nichts fehlt, gut, wenn da nicht ein Neuer wäre, der zu Beginn des letzten Schuljahrs in Brets Abschlusskurs auftaucht und einiges durcheinanderbringt: Robert Mallory.

Dessen Erscheinen fällt in Brets Augen »tatsächlich mit einer Art Wahnsinn zusammen, der sich langsam über die Stadt senkte«. Vor allem auf Susan Reynolds, die Schülersprecherin und mehrjährige »Homecoming Queen« ihres Jahrgangs an der Buckley High, macht der blendend aussehende Robert sofort Eindruck. Und Ellis’ Erzähler – der mit Susan, ihrer und seiner Freundin Deborah und Susans Freund Thom Wright seit Jahren den harten Kern der Klasse bildet – ahnt schon nach dem ersten Blick auf den Neuen das heraufziehende Unheil. Zumal Robert mit seiner geheimnisvoll im Dunkeln liegenden Vergangenheit zur selben Zeit in LA auftaucht, als die Stadt von einer sektenähnlichen Clique, den »Riders of the Afterlife«, terrorisiert wird und ein brutaler Serienmörder, den Polizei und Presse »Trawler« nennen, sein Unwesen treibt. Hat Robert Mallory mit Letzterem etwas zu tun? Oder ist er gar der Psychopath, dessen abartige Mordpraktiken für Angst und Schrecken unter den Jugendlichen sorgen?

Blutiger Showdown

Das sind die Fragen, die sich Bret Ellis stellen, während er durch das Leben eines wohlstandsverwöhnten reichen Söhnchens driftet, auf Partys mit bekannten Hollywoodgrößen abhängt und sich bemüht, bei seiner Freundin Deborah nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, sie würde ihn weniger interessieren als die Jungen aus seiner Klasse, mit denen er gleichzeitig kurze Affären hat oder – wie im Falle von Freund Thom und dem Neuen, Robert – nur allzu gern hätte.

Dass ihm Deborahs Vater, ein einflussreicher Mann in der Filmbranche, verspricht, ihn ein Filmscript über die Probleme seiner Altersgenossen im Reagan-Amerika der 80er Jahre schreiben zu lassen, nur um ihn ins Bett zu bekommen, macht das Leben für Bret dann noch zusätzlich kompliziert. Und immer ist da im Hintergrund dieser Robert Mallory, kurzzeitig nur fünftes Rad am Wagen des Kleeblatts aus Bret, Thom, Deborah und Susan, dann aber immer mehr derjenige, um den sich das Denken der vier unaufhörlich dreht. Bis es am Ende zum blutigen Showdown zwischen Bret und Robert kommt.

Erfundene Autobiographie

The Shards präsentiert sich als eine literarische Gratwanderung zwischen zwei Extremen: Exaktheit und Diffusion. Einerseits ist da die Akribie, mit der Ellis Held alles, was er tut, bis ins kleinste Detail vor den Lesern ausbreitet. Noch die unbedeutendste Nebenstraße, in die Bret bei seinen Autofahrten durch LA abbiegt, wird beim Namen genannt. Bei vielen der im Text erwähnten Musiktitel der 1980er gibt es popgeschichtlich einordnende Kommentare oder Bemerkungen zu den dazugehörenden Musikvideos. Gleiches gilt für die Filme, die sich der notorische Kinogänger allein oder mit Freunden ansieht. Auch dass man bei den sexuellen Eskapaden der Titelfigur oft detaillierter ins Bild gesetzt wird, als man das eigentlich möchte, ist nicht neu. Bereits die Hauptfigur des Romans, der Bret Easton Ellis‘ Ruf als Kultautor begründete, Patrick Bateman in American Psycho, ließ nichts aus, wenn er über den Alltag eines brutal mordenden Börsenmaklers berichtete, der genauso kenntnis- und detailverliebt über Morde wie über die Discographie der BeeGees oder anderer Musikgrößen seiner Zeit zu plaudern verstand.

Von dieser Genauigkeit völlig unberührt sind freilich all jene Dinge, die für Ellis‘ Helden existentielle Bedeutung besitzen. Hier bleibt der Roman konsequent im Vagen. Ob, was Bret über Robert nach und nach herauszubekommen scheint, tatsächlich stimmt – es wird nie so ganz eindeutig. Ob die Geschichten, die sich die Jugendlichen über die Bande der »Riders of the Afterlife« und die grausamen Taten des »Trawlers« erzählen, nicht bloße Reflexe sind auf die über ein Jahrzehnt zurückliegenden Umtriebe der sogenannten Manson Family und deren Morde – auch darüber liegt der Schleier des Ungefähren.

Zwischen Exaktheit und Ungefährem

Das alles aber ändert nicht das Geringste daran, dass sich Bret Easton Ellis‘ aktueller Roman – mit seinen über 700 Seiten auch sein längster – richtig gut liest. Völlig anstrengungslos schafft es der Autor, auch wenn wir ihm beileibe nicht alles glauben, was er uns über seine fast namensgleiche Hauptfigur erzählt, die Spannung hochzuhalten und seine Leserinnen und Leser mitzunehmen hin zu jenem Lebensabschnitt, in dem sich aus Erfahrungen und Fehlern, Gewissheiten und Irrtümern, Verzeihlichem und Unverzeihlichem, Schmerz und Freude letzten Endes der Mensch formt, der man dann bis zu seinem Lebensende ist. Und als der man auch – durchaus abgeklärt – zurückblicken kann auf diese so entscheidende Lebensphase, wie es Bret Easton Ellis sein Alter Ego schließlich mit den folgenden Worten tun lässt: »Wir waren Teenager, nur dem Anschein nach mondäne Kinder, die in Wahrheit nichts darüber wussten, wie die Welt wirklich funktionierte – über die Erfahrung verfügten wir wohl, nur ihre Bedeutung kannten wir nicht.«

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Bret Eastom Ellis: The Shards
Aus dem amerikanischen Englisch von Stephan Kleiner
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2023
736 Seiten. 28 Euro
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