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Bomben gegen die Gleichgültigkeit

Roman | Arne Dahl: Stummer Schrei

Arne Dahl ist seit seiner Reihe um die sogenannte A-Gruppe (10 Bände zwischen 1999 und 2007 sowie ein weniger gelungener erzählerischer Appendix 2008) eine Instanz unter den Nordic-Noir-Autoren. Nach dem vierbändigen Versuch einer Wiederauferstehung des Ermittlerteams um Paul Hjelm und Kerstin Holm vor europäischem Hintergrund (OPCOP-Reihe, 2011 bis 2014) und der fünfbändigen, gelegentlich etwas zu konstruiert wirkenden Serie um die Privatdetektive Molly Blom und Sam Berger beginnt Dahl nun mit Stummer Schrei eine neue Reihe. In deren Mittelpunkt steht die Stockholmer Kriminalhauptkommissarin Eva Nyman. Und gleich der erste Fall für sie und ihr kleines auserlesenes Team besitzt nicht nur enorme Brisanz, sondern verspricht auch eine Menge für die Zukunft der Serie. Von DIETMAR JACOBSEN

Kriminalhauptkommissarin Eva Nyman hat einen Verdacht. Nachdem ihr ehemaliger Chef Lukas Frisell 2008, vor 15 Jahren, nach einem verhängnisvollen Ermittlungsfehler, der einem entführten Mädchen das Leben kostete, freiwillig aus dem Dienst geschieden ist, hat sie nichts mehr von dem Naturfreak und Klimaaktivisten gehört. Doch nach zwei Bombenattentaten erreicht sie plötzlich in ihrer Behörde, der Nationalen Operativen Abteilung (NOA), eine Art Bekennerschreiben, dessen ungewöhnlicher Stil und vor allem die Formulierung, dass man gegenwärtig in den »Ruinen des Verfalls« lebe und endlich etwas tun müsse, um die trägen Menschen aufzurütteln, sie an eben jenen Lukas Frisell erinnert.

Der benutzte genau diese Worte, wenn er gegen sämtliche modernen Ermittlungsmethoden polemisierte und darauf bestand, dass Kriminalfälle auch weiterhin nur mit den traditionellen Methoden, also mithilfe von Spurensicherung und Vernehmungen, zu lösen seien. Was den Verbleib Frisells nach dem Ende seiner Polizeikarriere, das auch das Ende seiner Ehe nach sich zog, so ist schnell klar, dass er noch für eine Weile als Dozent an der Universität für Agrarwissenschaften in Ultuna gearbeitet hat, ehe er sich entschloss, der menschlichen Gesellschaft den Rücken zu kehren und fortan auf sich allein gestellt in Schwedens Wäldern zu leben.

Ein Kommissar auf Abwegen

Dass ein Prepper oder Survivalist, der sich auf fanatische Weise für den Umweltschutz einsetzt und die Welt an einem Punkt angekommen sieht, von dem aus der Untergang schon zu erahnen ist, zum Mittel des Terrors greift, um die Gesellschaft wachzurütteln, will Eva Nyman zunächst nicht einleuchten, wenn sie an den Mann denkt, von dem sie einst das meiste für ihren Job gelernt hat. Lukas Frisell ein kaltblütiger Bombenleger? Ein Mann, dem Menschenleben nicht nur egal sind, sondern der sich vorgenommen zu haben scheint, die Menschen in seiner Heimat in Angst und Schrecken zu versetzen, um sie endlich zur Umkehr zu zwingen?  Aber warum kündigt er seine nächsten Attentate ausgerechnet seiner einstigen Untergebenen an? Was das betrifft, so ist Eva Nyman sich sicher: »Ich glaube, Lukas Frisell will, dass ich ihn jage.«

Mit Stummer Schrei beginnt der schwedische Bestsellerautor Arne Dahl (Jahrgang 1963) eine neue Serie. In deren Mittelpunkt steht eine Frau, der man in seinem umfangreichen Werk bereits hier und da begegnen konnte, allerdings nur am Rande. Nun schickt sich die knapp 50-jährige Kriminalhauptkommissarin Eva Nyman zusammen mit ihrem kleinen, vierköpfigen Team an, ebenso brisante Fälle zu lösen wie früher die international operierende A-Gruppe um Paul Hjelm und Kerstin Holm, mit deren Abenteuern Dahl seinen Durchbruch als Thrillerautor schaffte, oder das Detektivpaar Sam Berger und Molly Blom in der letzten, fünfbändigen Romanreihe des schwedischen Bestsellerautors.

Und gleich der erste Fall, mit dem sich Team NOVA, die »Sondereinheit für außergewöhnliche Verbrechen« bei der Nationalen Operativen Abteilung (NOA), zu befassen hat, ist so komplex, dass Eva Nyman und ihre 4 Mitstreiter – zwei Frauen und zwei Männer, handverlesen und hochspezialisiert – bei der Jagd nach dem fanatischen Bombenleger und seinen Helfern bis an ihre physischen und psychischen Grenzen gehen müssen.

Bis zum Schluss spannend sowie action- und wendungsreich

In 108 meist kurzen Kapiteln und gegliedert in drei Hauptteile, denen ein Prolog voran- und ein Epilog nachgestellt wurden, macht Arne Dahl auch in Stummer Schrei das, was er schon immer am besten konnte: eine bis zum Schluss spannende, actionreiche Geschichte erzählen, ohne dabei das, was seine einzelnen Figuren auf ihrer menschlichen Ebene bewegt, außer Acht zu lassen. So gewinnen nicht nur die fünf im Zentrum stehenden Ermittlerfiguren schnell eine je eigene Kontur, sondern auch der Mann, den sie als Ersten ins Visier genommen haben und der sich, als sie ihm schließlich gegenüberstehen, als ein anderer erweist als vermutet.

Stummer Schrei hält das Erzähltempo hoch, spielt geschickt mit den Erwartungen seiner Leserinnen und Leser und wirft ganz nebenbei noch einen kritischen Blick auf die Verfasstheit der heutigen schwedischen Gesellschaft. Und da sieht es relativ düster aus:  Rechte Parteien sind auf dem Vormarsch, der Klimawandel ist noch nicht im Bewusstsein aller angekommen und des schnöden Profits wegen begehen selbst namhafte Konzerne Umweltsünden, die von willfährigen Lobbyisten zu notwendigen Zugeständnissen an die Zukunft umgedeutet werden.

Team NOVA ermittelt weiter

Dass Lukas Frisell letzten Endes doch nicht der »gesellschaftskritische Wilde vom Typ Unabomber« ist, ahnt man übrigens als Leser von Beginn an. Allein einer Schuld hat sich der Mann schließlich doch zu stellen, nämlich einem Versagen im Persönlichen, das letzten Endes dazu führt, dass aus einer privaten Racheaktion eine das ganze Land aufwühlende Anschlagsserie wird. Beim nächsten Fall für Eva Nyman und ihre »wild zusammengewürfelte Truppe« wird Frisell, nachdem er sein außerzivilisatorisches Waldleben endgültig beendet hat, jedenfalls wieder dazugehören. Womit sich die Sondereinheit dann abgeben muss, deutet im Übrigen ein Cliffhanger am Ende des Romans bereits an. Und der macht gespannt auf einen weiteren echten Arne Dahl.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Arne Dahl: Stummer Schrei
Eva Nymans erster Fall
Aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps
München: Piper Verlag 2024
458 Seiten. 17 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

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