Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Roman | Jo Nesbø: Das Nachthaus

Der junge Richard Elauved hat seine Eltern verloren. Bei Frank und Jenny Appleby in dem kleinen, ländlichen Ort Ballantyne findet er ein neues Zuhause. Doch von Anfang an ist er ein Außenseiter unter Seinesgleichen, gehört fraglos zur »Pariakaste« der Jugendlichen im Ort. Als von den wenigen Jungen, mit denen er Umgang hat, kurz nacheinander zwei spurlos verschwinden und Richard der Letzte ist, mit dem die Vermissten gesehen wurden, beginnen sich Polizei und FBI für ihn zu interessieren. Doch niemand glaubt an die absurden Geschichten, die er den untersuchenden Beamten rund um ein mysteriöses Haus mitten im Wald nahe der Stadt auftischt. Und so landet Richard schließlich in einer gefängnisähnlichen Besserungsanstalt. Von DIETMAR JACOBSEN

Vor allem seine in Millionenauflagen verbreitete Harry-Hole-Reihe ist es, die den norwegischen Schriftsteller und Musiker Jo Nesbø (Jahrgang 1960) zum international gefeierten und mehrfach verfilmten Bestsellerautor gemacht hat. Hole, der Mann, der auch nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Polizeidienst immer wieder angeheuert wird, wenn es gilt, Jagd auf besonders blutgierige Serientäter zu machen, hatte seinen bisher letzten Auftritt in dem Roman Blutmond (2022). Dass Nesbø nach diesem, seinem bereits dreizehnten Abenteuer endgültig die Finger von ihm lassen wird, ist nach den Erfahrungen, die man zuletzt mit dem sich aus jedem Tief wieder herausarbeitenden Mann gemacht hat, mehr als unwahrscheinlich.

Pause für Harry Hole

Doch das, was Hole bei jeder Ermittlung bis an seine körperlichen und psychischen Grenzen und darüber hinaustreibt, ist offensichtlich auch an seinem Erfinder nicht spurlos vorübergegangen. Und so hat es sich Nesbø fast zu einer Regel gemacht, zwischen die einzelnen Abenteuer einer Figur, von der er einfach nicht loskommt, immer wieder Standalones zu mischen. Darunter sind auch einige Kinderbücher, weil der Autor, wie er in einem älteren Interview bekannte, nach dem Schreiben von Kinderbüchern einfach besser schläft.

Ob Letzteres auch während der Arbeit an Das Nachthaus funktioniert hat, darf freilich leise bezweifelt werden. Denn Jo Nesbøs neuer, ein wenig an Stephen King, bei dem Wirklichkeit und Phantasie sich stets auf spezifische Weise durchdringen, erinnernder Roman nimmt seine Leserinnen und Leser mit in die dunkle Welt rund um das einsam mitten in einem Wald gelegene »Nachthaus«, in dessen Nähe sich niemand so recht trauen will. Das gilt zunächst auch für den vierzehnjährigen Richard Elauved, den Helden des ersten und längsten der drei Teile von Nesbøs Roman. Richard ist nach dem Tod seiner Eltern bei Verwandten im ländlichen Ballantyne untergekommen. Auf den ersten Blick kein angenehmer Zeitgenosse, sondern ein Einzelgänger, der kaum jemand an sich heranlässt, gibt er sich Gleichaltrigen gegenüber cool und abgeklärt, verbirgt hinter der gelangweilten Miene, die er für die Menschen und Dinge in seinem Umfeld bereithält, aber auch eine Sehnsucht nach Gemeinschaft und Anerkennung.

Ein mysteriöses Haus im Wald

Die beiden Schulkameraden, mit denen er als Letzter zusammen war, bevor sie spurlos verschwanden, ahnten davon freilich nichts. Das Mädchen Karen, mit dem er in eine Klasse geht und in das er heimlich verliebt ist, dagegen schon. Als sein Weg deshalb, nachdem niemand ihm seine abenteuerlichen Erklärungen für das Verschwinden seiner beiden Schulkameraden abnehmen will – auch in diesen Rechtfertigungen spielt das »Nachthaus« im Spiegelwaldweg eine wichtige Rolle –, nahezu folgerichtig in eine berüchtigte Besserungsanstalt führt, ist Karen Taylor letztlich die Einzige, die weiterhin zu ihm hält und ihn bei seiner Flucht aus der gefängnisähnlichen Einrichtung unterstützt. Und wie magisch angezogen von dem Geheimnis, dass sich hinter seinen hohen Mauern verbirgt und von dem Richard ahnt, dass es nicht nur auf den Mann, der es dem Vernehmen nach bewohnt, bezieht, sondern ihm auch Fragen zu seiner eigenen Existenz beantworten kann, führt Richards Weg erneut zu dem mysteriösen Gebäude im Wald.

Das Nachthaus kommt als ein raffiniert verschachteltes Vexierspiel daher. Was in seinem ersten und zugleich längsten Teil aus der Perspektive des jugendlichen Richard Elauved – für den Namen dieser fiktiven Figur bietet der Roman später eine überraschende Erklärung an – erzählt wird, entpuppt sich im Mittelteil des Buches plötzlich als schriftstellerische Fantasie. Eine noch dazu höchst erfolgreiche Fantasie, denn zurück nach Ballantyne kommt Richard 15 Jahre später als gefeierter Jugendbuchautor. Im »Nachthaus«, das inzwischen von der Familie eines ehemaligen Klassenkameraden bewohnt wird, will er an einem Jahrgangstreffen mit seinen ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschülern teilnehmen.

Raffiniert verschachteltes Vexierspiel

Doch auch diese erneute Konfrontation mit einer Vergangenheit, die er durch deren literarische Bearbeitung im Stile eines Mysterythrillers für jugendliche Leser endgültig bewältigt zu haben schien, schlägt auf ihrem Höhepunkt in ein Horrorszenarium um, indem das Bild, dass ein Mensch von seiner unbewältigten Vergangenheit praktisch aufgefressen werden kann, im »Nachthaus« zur schrecklichen Wirklichkeit wird und die Wahrheit hinter der Fiktion seines Jugendbuches plötzlich zum Vorschein kommt.

Um Wirklichkeit und Wahn geht es auch im abschließenden dritten Teil von Nesbøs Roman. Auf weniger als 40 Seiten wird in ihm noch einmal alles, was man bisher wusste, gehörig durcheinandergeschüttelt. Bekannte Personen in bisher verborgenen Rollen, der Ort namens Ballantyne, hinter dem sich plötzlich etwas ganz anderes verbirgt als die Gegend, in die ein junger Mann nach dem Unfalltod seiner Eltern kam, vor allem aber jenes Haus, um das seine Gedanken von Anfang an kreisten, das »Nachthaus« – dies alles erscheint plötzlich in einem völlig neuem Licht, einem Licht, dessen Quelle hier freilich nicht verraten werden soll. Denn es ist schon gekonnt, wie Nesbø sich die einzelnen Welten, die er in seinen drei Romanteilen beschreibt, ineinander spiegeln lässt und mit dem Schluss seines Buches auf raffinierte Weise wieder an dessen Anfang zurückkehrt.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Jo Nesbø: Das Nachthaus
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob
Berlin: Ullstein 2023
283 Seiten. 24 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

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| Leseprobe
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