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Dresden nach dem großen Krieg

Krimi | Frank Goldammer: Roter Rabe

In den letzten Kriegsmonaten setzt die Reihe historischer Kriminalromane ein, mit denen sich der Dresdener Autor Frank Goldammer (Jahrgang 1975) seit ein paar Jahren eine große Lesergemeinde geschaffen hat. Max Heller heißt sein Protagonist und die einzelnen Romane verbinden geschickt spannende Kriminalfälle mit deutsch-deutscher Zeitgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Von DIETMAR JACOBSEN

Im vierten Band der Serie, Roter Rabe, schreibt man das Jahr 1951. Heller hat sich zum Oberkommissar emporgearbeitet und ist mit dem Fall zweier Männer befasst, die unter merkwürdigen Umständen in der Haft gestorben sind. Waren die beiden, die den Zeugen Jehovas angehörten, tatsächlich Spione der Amerikaner? Oder steckt doch mehr hinter dem Doppelselbstmord, in dem viele den Vorboten einer herannahenden Katastrophe sehen?

Goldammer - Roter RabeMax Heller heißt der Protagonist einer Romanserie, die zunächst auf drei Bände angelegt war, inzwischen aber so erfolgreich ist, dass der Münchner Verlag des Autors Frank Goldammer (Jahrgang 1975) in seinem Herbstprogramm bereits Band 5 ankündigt. Und der muss noch lange nicht der letzte sein.

Goldammers Held, im Ersten Weltkrieg verschüttet gewesen und schwer traumatisiert nach Hause zu Frau und zwei Söhnen zurückgekehrt, ist einer, der akribisch seine Arbeit als Kriminalpolizist tut, ohne sich politisch vereinnahmen zu lassen. Weder mit den Nazis hat er viel am Hut noch mit jenen, die nach Kriegsende in Dresden das Sagen haben. Das bringt ihn natürlich in Konflikte mit der jeweiligen Obrigkeit, die allerdings auch immer wieder einsehen muss, dass es für einen Mann mit Hellers Fähigkeiten kaum gleichwertigen Ersatz gibt.

Dresden 1944 bis 1951

1944/45, 1947 und 1948 spielen die ersten drei Fälle, in denen Heller ermittelt. Nachdem er in den letzten Kriegsmonaten – grandios und so noch nie in einem Spannungsroman zu lesen gewesen, ist Goldammers Schilderung der Dresdner Bombennacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 – einem Serientäter, der die Nächte der Verdunkelung für seine bestialischen Taten ausnützt, das Handwer gelegt hat (Der Angstmann, 2016), stehen in den folgenden beiden Bänden die unmittelbaren Folgen des verheerenden Weltkriegs im Mittelpunkt.

Dabei geht es in Tausend Teufel (2017) – Heller gehört inzwischen der neugegründeten Dresdener Volkspolizei an – um eine Reihe von Mordanschlägen auf Angehörige der sowjetischen Besatzungstruppen, während in Vergessene Seelen (2018) der Tod eines 14-jährigen Jungen Rätsel aufgibt.

Stets sind es die wehrlosen Opfer einer Zeit, in der Hunger und Kälte ihre Opfer fordern, die Städte in Trümmern liegen und das öffentliche Leben erst langsam wieder in Gang kommt, die Goldammer am meisten interessieren: elternlose Kinder, die in Banden ihr Überleben zu sichern versuchen, sowie physisch und psychisch angeschlagene Kriegsheimkehrer und ihre hilflosen Familien. Dass das geteilte Deutschland nach der Währungsreform auf einen neuen großen Krieg zuzusteuern scheint, macht dem Kriminalisten dabei die Arbeit genauso wenig leicht wie die Tatsache, dass seine beiden Söhne zwar heil aus dem Weltkrieg zurückgekehrt sind, der eine sich aber entschlossen hat, im Westen zu bleiben, während der andere in Dresden eine Karriere beginnt, die ihn in die Reihen der Staatssicherheit führt und immer mehr von seinem Vater entfremdet.

Koksende und wild kopulierende KGB-Offiziere

In Roter Rabe (2019), Max Hellers viertem, im Jahr 1951 spielendem Abenteuer, verschiebt sich der erzählerische Fokus allerdings etwas zu sehr in Richtung auf die spektakuläre Geschichte, die den Vordergrund des Romans ausmacht. Koksende und wild kopulierende KGB-Offiziere, allerhand nackte Versuchungen für Goldammers eher prüden Oberkommissar, Tote über Tote und eine Bombenüberraschung inmitten einer wild wuchernden – und damit durchaus zum Gleichnis auf die ebenso heftig ins Kraut schießende Handlung taugende – Brombeerhecke versperren zu einem Gutteil den in den ersten Bänden der Serie so gelungenen Blick hinter die Kulissen auf eine Zeit, in der das zweigeteilte Deutschland langsam Gestalt gewann.

Dabei hätte den Leser sicher interessiert, was Hellers Frau Karin bei ihrem Besuch bei Sohn Erwin in Köln widerfuhr – ein Erzählstrang, der in den ersten beiden Kapiteln angerissen, aber dann erst gegen Ende und wenig befriedigend wieder aufgegriffen wird. Interessante Personen aus den Vorgängerbänden – allen voran Hellers zweiter Sohn, der sich mehr und mehr von seinem Vater entfremdet – tauchen in Roter Rabe leider gar nicht mehr auf. Und warum der KGB-Mann Alexej Saizev, den man noch aus Band 1 der Serie in Erinnerung hat, Westspione jagen darf, obwohl er ständig im Tee ist, Ami-Zigaretten, Whisky und Kokain mehr zu brauchen scheint als die guten Ratschläge von Väterchen Stalin, will sich auch nicht so recht erschließen.

Zurück zu den Wurzeln!

Allein das Schicksal von Max Hellers Assistenten Werner Oldenbusch, dessen Verlobte sich in den Westen abgesetzt hat und ihn damit in einer gesellschaftlichen Atmosphäre, die zunehmend von Paranoia und gegenseitigen Verdächtigungen durchdrungen ist, in große Schwierigkeiten bringt, besitzt noch jene zeitgeschichtliche Brisanz, die die Bände 1 bis 3 der Serie ähnlich gelagerten Projekten wie der Gereon-Rath-Reihe des Kölner Autors Volker Kutscher oder den in Wien spielenden Krimis von Alex Beer (i.e. Daniela Larcher) ebenbürtig erscheinen ließ.

Mit dem aktuell unter dem Titel Juni 53 angekündigten Band 5 nähert sich Goldammer in der Chronologie seiner Romane wieder einem hochpolitischen Jahr. Stichwort: Volksaufstand in Deutschlands Osten. Allein das sollte Stoff genug für eine Rückkehr zu der gelungenen Verbindung von individuellen Schicksalen und deutsch-deutscher Nachkriegsgeschichte bieten, wie sie die ersten drei Bände der Reihe ausgezeichnet hatte.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Frank Goldammer: Roter Rabe
dtv: München 2018
383 Seiten. 15,90 Euro
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