Perfektionismus im Garten

Kinderbuch | Marie Dorléans: Wilde Blätter

Familie Picobello hat einen Garten, der sich sehen lassen kann. Akkurat gestutzte Büsche, ein Rasen wie aus dem Bilderbuch, Symmetrie und Ordnung, wohin man auch schaut. Ihr Gärtner, Herr Bluhm, hat alles Hände voll zu tun. ANDREA WANNER versteht gut, dass es ihm eines Tages zu bunt wird.

Zwei Männer und eine Frau schneiden Muster in eine HeckeWunderbar, dieses Cover, wo der Natur mit Lineal, Lot und Schere zu Leibe gerückt wird. Perfektionismus pur, der einen Schriftzug entstehen lässt, der im totalen Widerspruch zu dem steht, was da gerade passiert: Wilde Blätter … Wild und ungezügelt ist hier gar nichts. Die Familie samt Gärtner attackieren das Grün, bändigen es und bringen es in Form. Nur »geregelte und zurechtgestutzte Natur« duldet die Familie rund um ihr Haus. Aufgereiht wie die Soldaten blühen die Blumen in Reih und Glied, Abweichungen werden nicht geduldet und sofort eliminiert. Und dann geht Herr Bluhm.

Was dann passiert, ist eine explodierende und absolut unerwartete Rückeroberung der Natur. Es grünt und blüht, sprießt und wächst in ungeahntem Ausmaß. Die Pflanzen lassen sich nicht mehr bändigen, dringen ins Haus vor, überwuchern alles. Und Familie Picobello? Ist zunächst schockiert und dann – begeistert!

Eine zauberhafte Geschichte hat sich Marie Dorléans da ausgedacht. Ein wundervoller Kontrast von Ordnung und Chaos, Kontrolle und Freiheit und die Erkenntnis, dass der Mensch nicht alles seinen kleinlichen Maßstäben unterordnen soll. Der Chaosgarten als der Weg zum Glück. Und dann wiederum die Einsicht, dass man der Natur nicht immer und überall freien Lauf lassen kann, sondern dass es um ein – fragiles – Gleichgewicht geht. Das transportieren Text und die Bilder, die von genau diesem Gegensatz strenge Linie versus überbordende Pflanzenwelt leben, auf perfekte Art und Weise. Mittendrin die dreiköpfige Familie, die eine Menge lernt und ihren Weg zum Glück findet.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Marie Dorléans: Wilde Blätter
(Herbes Folles, 2022) Aus dem Französischen von Andreas Illmann
Berlin: Schaltzeit Verlag 2024
48 Seiten, 18 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Vielseitiger Poet und renommierter Gelehrter

Nächster Artikel

Ein verhängnisvoller Fehler und seine Folgen

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Turbulentes Abenteuer mit Sechsbeinern und einem Denkfehler

Kinderbuch | M.G. Leonard: Käferkumpel Wer in Abenteuergeschichten sechs (oder mehr) Beine hat, hat schlechte Karten. Aufgespießt, zerquetscht, ausgeräuchert werden, ist an der Tagesordnung. In M.G. Leonards turbulenter Geschichte ist das anders. Hier bekommen Käfer eine würdige Rolle als heldenmütige Kumpel der Zweibeiner. Allerdings ist die Autorin in ihrer Begeisterung für Käfer einem Denkfehler erlegen. Von MAGALI HEISSLER

Einfach lecker!

Kinderbuch | Lukas Hartmann: Spuren in der Polenta

Kochbücher verführen zu kulinarischen Genüssen, begeistern mit einladenden Bildern und vielversprechenden Rezepten. Jetzt lockt Lukas Hartmann junge Leser in die Küche und ködert sie mit Geschichten. Von ANDREA WANNER

Un-glaub-lich!

Kinderbuch | Antje Damm: Was passiert denn da?

Der schlagfertige Bildwitz von Anje Damm ist in jedem neuen Bilderbuch eine Überraschung, fordert heraus, provoziert, bringt zum Lachen. ANDREA WANNER freut sich ein weiteres Mal an einem grandiosen Bilderbuch der Künstlerin.

Mit doppeltem Boden

Kinderbuch | Judith Rossell: Midwatch. Schule der unerwünschten Mädchen

Maggie hat den Bogen endgültig überspannt. Die Schwestern des Waisenhauses in Mud Harbour haben ihre Drohung wahr gemacht und Schwester Immaculata bringt das aufsässige Mädchen in die Stadt, in das Midwatch Institut, einer Einrichtung für »Waisen, Ausreißerinnen und unerwünschte Mädchen«. Schlimmer kann es nicht mehr werden, befürchtet sicher nicht nur ANDREA WANNER.

Licht an!

Kinderbuch | Constance Ørbeck-Nilssen und Øyvind Torseter: So dunkel!

Achluophobie ist die Angst vor der Dunkelheit. Ein bisschen davon ist ganz normal – und wenn man so wie ein Junge im Fahrstuhl feststeckt, gehört sie schlicht dazu, findet ANDREA WANNER