Vom Vater, dem Sohn und der Literatur

Comic | Kafka als »Superheld« in Comic-Neuerscheinungen

Im Kafka-Jahr erscheinen auch einige Kafka-Comics, die sehr unterschiedlich von diesem Jahrhundertautor erzählten. Von GEORG PATZER

Am 17. März 1580 geht der Prager Rabbi Löw zu einer Lehmgrube an der Moldau und erschafft den Golem, der den Juden dienen und sie beschützen soll. Kurz vor dem Sabbat befiehlt der Rabbi ihm immer, sich nicht zu rühren, denn am Sabbat darf man nicht arbeiten. Aber dann vergisst er es einmal, und der Golem marodiert durch das Ghetto, bis der Rabbi ihn wieder zu einem Klumpen Lehm zerfallen lässt. 31 Jahre später putzt er sein Haus und findet unter dem Bett »ein vertrocknetes, trauriges Klümpchen Lehm«, ihn »rührt das Klümpchen sehr, außerdem tut er sich mit Wegschmeißen schwer«. Und so besinnt er sich auf seine alchimistischen Kräfte und macht daraus Franz Kafka: »Viel ist nicht dran, doch wenn man es ausreichend in die Länge zieht, wird doch noch ein reizendes Figürchen daraus.«

So erzählt es jedenfalls der Zeichner Nicolas Mahler in seiner Kafka-Biografie. Die Erschaffung des Golem verlegt er allerdings in das Jahr 1852, und die riesige Figur schimpft, schreit und wütet, ist immer schlechter Laune und nennt die gute Küche beim Rabbi »das Fressen«. Sein Name: Hermann Kafka. Er ist Franz Kafkas Vater, eine übermächtige Gestalt, vor der nur einer Recht hatte, er selbst: »Du konntest zum Beispiel auf die Tschechen schimpfen, dann auf die Deutschen, dann auf die Juden, und zwar nicht nur in Auswahl, sondern in jeder Hinsicht, und schließlich blieb niemand mehr übrig außer dir«, schrieb Franz Kafka in seinem hundertseitigen Brief an den Vater, den er ihm nie gegeben hat.

Es ist Kafka-Jahr, am 3. Juni 1924 ist er im Alter von 40 Jahren gestorben, überall werden Theaterstücke aufgeführt, Biografien herausgegeben, Filme und Fernsehserien gezeigt, seine Bücher neu aufgelegt. Und auch einige Comics von berühmten Comic-Künstlern, die sein Leben nacherzählen oder seine Werke als Bilder auferstehen lassen und ihn damit auch interpretieren. Mahlers Buch beginnt mit diesem ironisch gebrochenen Mythos um den übergroßen Vatergolem und dem winzigen, schmalen Sohn: Der Vater füllt fast die ganze Seite aus, Franz ist ein Strichmännchen, das sich vor Spiegeln fürchtet, »weil sie mich in einer meiner Meinung nach unvermeidlichen Hässlichkeit zeigten, die überdies nicht ganz wahrheitsgemäß abgespiegelt sein konnte, denn hätte ich wirklich so ausgesehn, hätte ich auch größeres Aufsehen erregen müssen.« Denn auch Kafka war mit einer großen Portion (Selbst)Ironie gesegnet.

Mahler begleitet Kafka durch sein Leben, lässt ihn grübeln bis zum Selbstzweifel, fleißig in seiner Versicherungsanstalt arbeiten, nachts an seinen Romanen und Geschichten schreiben. Und unter der Doppelbelastung leiden. Denn: »Die Zeit ist kurz, die Kräfte sind klein, das Bureau ist ein Schrecken, die Wohnung ist laut.« Neben den bekannten Geschichten, den Ver- und Entlobungen erzählt Mahler auch gern skurrile, humorvolle Episoden, etwa wie Kafka mit Max Brod zusammen eine Reiseführerreihe schreiben wollte: »Billig durch die Schweiz, Billig in Paris und so fort«, berichtet Brod. Mahlers Strich ist angelehnt an Kafkas Zeichnungen: Es sind minimalistische, strichelnd hingeworfene Figuren, vor allem Kafkas magere Figur ist oft expressionistisch verzerrt.

Auch David Zane Mairowitz und Robert Crumb, der große Undergroundcomic-Künstler, beginnen mit dem Prager Ghetto und dem Golem und erzählen Kafkas Leben nach, denn: »Bevor er zum Adjektiv wurde, war Franz Kafka ein Jude aus Prag, der in der Tradition von Geschichtenerzählern und Fantasten heranwuchs und das Schicksal von Ghettobewohnern und ewigen Flüchtlingen teilte.« Immer wieder bezieht er Kafkas Leben und seine Schriften auf sein Judentum, das Gefühl des Ausgestoßenseins, Nichtdazugehörens. Und dieses beklemmende Gefühl zelebriert Crumb in seinen Zeichnungen, widmet sich auch minuziös den brutalen Momenten in Kafkas Werk, wie dem Zerstückeln des Soldaten In der Strafkolonie oder dem verfaulenden Apfel im Rücken von Gregor Samsa. (Übrigens steht nirgendwo bei Kafka, es sei ein Käfer, und auch entomologisch passt diese Interpretation nicht.) Seine Charaktere ähneln denen seiner Underground-Comics, seine typischen Schraffuren zeigen genau auch die gesellschaftliche Realität Kafkas.

Eine Überraschung ist Danijel Žeželjs geniale Ansatz: In einer kraftvollen Bildsprache, durchsetzt mit filmischen Effekten wie close-ups und Zoom, gedrängten Perspektiven in Auf- und Untersichten, in eine düstere, alles überlagernde Schwärze getunkt, hat Žeželj eine Collage aus Der Hungerkünstler, Vor dem Gesetz, Der Geier und einigen anderen komponiert. Sie ergänzen und überlagern sich, bedrängen den Leser durch die bedrückende Intensität und Rauheit der Tuschezeichnung, die an Scherenschnitte oder Siebdrucke erinnern. Es ist eine düstere Schilderung eines Zirkuslebens, in dem sich der Hungerkünstler selbst ausstellt und damit eine passende Metapher für Kafkas Leben und Schaffen in einer unbarmherzigen Gesellschaft, die er als Versicherungsangestellter direkt erlebte.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Nicolas Mahler: Komplett Kafka
Berlin: Suhrkamp 2023
127 Seiten. 18 Euro
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Danijel Žeželj: Wie ein Hund
Berlin: Avant 2024
104 Seiten. 22 Euro
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David Zane Mairowitz / Robert Crumb: Kafka
Berlin: Reprodukt Verlag 2024
176 Seiten. 9,90 Euro
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Reinschauen
| Leseprobe von Komplett Kafka

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