Von Menschen und Affen

in Comic

Comic | W .Lupano, J. Moreau: Der Affe von Hartlepool / P. Bonifay, F. Meddour: John Arthur Livingstone – Herr der Affen

Titelbilder mit Affen darauf haben in den 60er Jahren beim Comicverlag DC immer wieder für gut verkaufte Comichefte gesorgt. Auch heute sind unsere nächsten Verwandten im Tierreich als Sujet für Comicstories längst nicht passé: BORIS KUNZ hat sich mit dem ›Affen von Hartlepool‹ (avant) und dem ›Herrn der Affen‹ (Splitter) auseinandergesetzt.

Eine Karikatur aus dem Jahre 1871 verunglimpft den Naturforscher Charles Darwin.
Eine Karikatur aus dem Jahre 1871 verunglimpft den Naturforscher Charles Darwin.
Charles Darwin (der in einem der beiden Comicalben auch einen überraschenden Auftritt hat) stellte mit seiner Evolutionstheorie eine bis dahin fest gefügte Grenze infrage: Wenn der Mensch vom Affen abstammt – gibt es dann überhaupt einen gottgegebenen, fundamentalen Unterschied zwischen Mensch und Tier? Auch die beiden vorliegenden Geschichten stellen dies auf subtile Art in Frage: Während die ungebildete Bevölkerung des Küstenkaffs Hartlepool in ihrer Unwissenheit einen bekleideten Schimpansen für einen Franzosen hält, muss sich die gebildete Londoner Oberschicht fragen, wie viel von einem Tier eigentlich in dem Lord John Arthur Livingstone steckt, der als Kind von Affen im Dschungel großgezogen wurde, und ob man seinem späteren Domestizierungsprozess trauen kann.

Der Affe als Mensch: Der Affe von Hartlepool

Der_Affe_von_Hartlepool_Cover1814, zur Zeit des Napoleon Bonaparte, herrscht zwischen Frankreich und England Feindschaft. Ein französisches Kriegsschiff kentert vor der britischen Küste im Sturm, und nur zwei Überlebende werden an Land gespült: Der Schiffsjunge Philip, der dank seiner Englischkenntnisse von der Dorfjugend als einer der Ihren akzeptiert wird und dem folgenden, absurden Geschehen als kindlicher Beobachter folgen kann, sowie der Schimpanse des Kapitäns, den dieser zu seinem Amüsement in eine Uniform gesteckt hat, die dem armen Tier jetzt zum Verhängnis wird. Denn die Bewohner in dem verschlafenen Nest Hartlepool sind sich sicher: Einer, der so unverständlich herumschreit, einen so unförmigen Körper hat, so behaart ist und stinkt, der sich so uneinsichtig gebärdet, das kann nur ein Franzose sein. Zunächst versucht man, dem Tier die Angriffspläne Napoleons zu entlocken, und als dieses beharrlich die Auskunft verweigert, wird ihm ein Schauprozess gemacht.

Diese Geschichte soll sich vor 200 Jahren tatsächlich zugetragen haben, und ihr verdankt die Stadt Hartlepool heute das Maskottchen ihres Fußballklubs. Der versierte Comic-Autor Wilfrid Lupano stellt diese Legende mit viel Lust an der großen Geste als absurde Komödie dar, und mokiert sich ohne erhobenen Zeigefinger über menschliche Eitelkeiten, Dummheit und Überheblichkeit. Die einzig vernünftige Figur in der Geschichte, ein zufällig durchreisender Arzt, ist so sehr damit beschäftigt, die Kollateralschäden des Chaos zu versorgen, welche durch die Ankunft des Franzmanns im Dorf verursacht werden, dass er nicht dazu kommt, den Irrtum seiner Landsleute aufzuklären. Ansonsten erweisen sich die Kinder des Dorfes in ihrer natürlichen Naivität und Neugier noch als die besseren Erwachsenen, denen wiederum aus ihrer Verbohrtheit kaum herauszuhelfen ist.

Dem Zeichner Jérémie Moreau ist seine Herkunft vom Trickfilm durchaus anzumerken, vor allem beim Design der Figuren, die oft etwas Übersteigertes und Cartooneskes haben. Obwohl mit dünnen, manchmal zittrigen Tuschelinien ausgeführt und mit Wasserfarben koloriert, sind seine Zeichnungen und seine ohne Panelrahmen auskommenden Seiten gut durchkomponiert. Sie sind aufwendig gestaltet und bieten ein stimmungsvolles Bild der sturmgrauen, verregneten und ungastlichen englischen Küste. Damit schafft er eine spannende Balance zwischen der Ästhetik eines Manuele Fior und der eines Disneyfilms.
Damit wird dieses Comicalbum zu einer kurzweiligen Lektüre, die sich weniger darum bemüht, profunde Erkenntnisse zum Thema Rassismus zu vermitteln, sondern eher versucht, aus der absurden Grundsituation möglichst viel Komik zu erzeugen, ohne den Bogen der Glaubwürdigkeit zu überspannen. Während der arme Schimpanse einfach versucht, seinen Instinkten gemäß in einer feindseligen Umgebung zu überleben, ist es das Unverständnis des »vernunftbegabten« Menschen für dessen tierische Natur (und für seine eigene), die alles Übel herbeiführt.

Der Mensch als Affe: John Arthur Livingstone – Herr der Affen

herr_der_affen_01_kleinEin Dreivierteljahrhundert später, England hat sich inzwischen mit dem Werk von Charles Darwin ebenso auseinandersetzen müssen wie mit dem von Jack the Ripper, ist man sich dieser Problematik schon etwas deutlicher bewusst. Diesmal hat ein Schiffbruch eine genau umgekehrte Konfusion verursacht, und der junge Saturnin Farandoul wird als Baby auf einer Insel in Borneo von einer Horde Orang Utangs aufgenommen und im Dschungel großgezogen. Inzwischen ist er ein stattlicher Mann mit langen dunklen Haaren und einem ausgeprägten Geruchssinn geworden, der unter dem Namen John Arthur Livingstone den Weg zurück in die Zivilisation gefunden hat. Richtig heimisch fühlt er sich im düsteren London allerdings nicht, und das Tier in ihm, das ihm eher brutal ausgetrieben als wirklich aberzogen wurde, verlangt hin und wieder schon mal nach einem Kopfsprung in die Themse – und vielleicht sogar nach mehr?

Denn kaum ist Livingstone in der Stadt, kommt es zu einer Mordserie an Straßendirnen. Das Gerücht über eine Rückkehr des monströsen Rippers geht um, doch an den Leichen werden keinerlei äußere Verletzungen oder sonstige Todesursachen festgestellt. Trotzdem: Der ermittelnde Inspektor Mark Douglas (sowie die verschachtelte Erzählweise von Autor Philippe Bonifay) legen den Verdacht nahe, dass Arthur Livingstone, der neue Liebling der geistigen Elite der Stadt, der sowohl als Entertainer sowie als Studienobjekt überzeugt, hinter den Morden stecken könnte. Die animalische Energie, die in dem Heimkehrer vielleicht noch immer schlummert, ist derweil nicht nur von wissenschaftlichem oder kriminologischem, sondern auch von erotischem Interesse: Zumindest bei der bezaubernden, rothaarigen Schönheit Alice, der dritten Hauptfigur des Albums, die sich immer mehr zu Livingstone hingezogen fühlt …

herr_der_affen_01_s_seite_01Parallel zu den Ermittlungen des Inspektors und der Annäherung von Alice und Livingstone entführt uns der Comic immer wieder in Rückblenden in die Kindheit und Jugend des Verschollenen, der schließlich von Seeleuten »gerettet« und von einer Missionarin erzogen wird. Er hat wenig Verständnis für seine »zivilisierten« Artgenossen, die ohne Not auf seine Affenmutter schießen oder ihn zwingen wollen, seinen Körper mit einengender Kleidung zu bedecken. In diesen Rückblenden kommt einem die Figur von Livingstone am nächsten, während er in der Gegenwartserzählung, in der er einerseits eloquente Vorträge hält, andererseits aber wie ein getriebenes Tier durch London streift, ja auch beim Leser als Mordverdächtiger durchgehen soll.

Es ist faszinierend, wie Bonifay mit Erzählmustern spielt und ganz in der Tradition von Alan Moore den Mythos von Jack the Ripper mit dem von Tarzan verknüpft. Das Artwork lässt uns die Welt ein klein wenig mit Livingstones Augen sehen und zeigt den Dschungel Borneos als warmes Paradies intensiver Farben und London als düstere, schmutzige Welt voller zugeknöpfter Gestalten. Die Zeichnungen von Farbrice Meddour sind ohne die kongeniale Kolorierung von Stéphane Paintreau nicht vorstellbar. Die Farben verliehen London und seinen gealterten Gesichtern die Patina und die Fleischlichkeit, die für die Stimmung dieses Thrillers eine wichtige Rolle spielen.

Leider hat die Erzählung das Problem, dass Bonifay die Story eher langsam entwickelt, und alle Figuren irgendein Geheimnis mit sich herumschleppen, welches sie nicht schon im ersten Band mit dem Leser teilen möchten. Hier fragt man sich, ob der Comic in einem Splitter Double nicht besser aufgehoben gewesen wäre als in zwei Einzelbänden. Was hat es mit Alice Mutter auf sich? Ist Livingstone der geheimnisvolle, augenscheinlich ohne jede Waffe agierende Frauenmörder? Begibt Alice sich in Gefahr? All diese Fragen will uns Band 1 noch nicht beantworten.

Klar ist nur, dass in beiden Alben der zivilisierte Mensch als Anwärter auf den Titel »Krone der Schöpfung« nicht unbedingt eine gute Figur macht.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Wilfrid Lupano (Text), Jérémie Moreau (Zeichnungen): Der Affe von Hartlepool
(Le singe de Hartlepool)
Aus dem Französischen von Claudia Sandberg
Berlin: avant-verlag 2013
96 Seiten, 19,95 Euro
| Leseprobe

Philippe Bonifay (Text), Fabrice Meddour (Zeichnungen): John Arthur Livingstone – Herr der Affen
(John Arthur Livingstone – Le Roi des Singes)
Aus dem Französischen von Swantje Baumgart
Bielefeld: Splitter Verlag 2014
56 Seiten, 14,80 Euro

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