Vom Schützengraben ins Rotlichtmillieu

Comic | Chloé Cruchaudet: Das falsche Geschlecht

Viel mehr als eine weitere Abhandlung über den Ersten Weltkrieg: Die wahre Geschichte des französischen Deserteurs Paul Grappe, der gezwungen war, sich von 1915 bis 1925 als Frau zu verkleiden, bietet Stoff für eine spannende, ungewöhnliche Beziehungsgeschichte. BORIS KUNZ über die einfühlsame Graphic Novel ›Das falsche Geschlecht‹.

Das_falsche_Geschlecht_Cover_webNoch im Brautkleid bringt Louise ihren Mann Paul zum Zug, der »ganz schnell seinen Militärdienst fertig« machen will, ehe er mit Louise ein glückliches Leben beginnt. Doch leider schreiben wir das Jahr 1914, und der Militärdienst führt Paul aus der Kaserne in die Schützengräben. Nachdem Paul mit ansehen muss, wie eine Granate seinem Kameraden den Kopf zerfetzt, hat er genug. Er schneidet sich mit seinem Feldmesser den Finger ab und infiziert den Stummel absichtlich mit Wundbrand, um nicht wieder ins Feld geschickt zu werden. Als selbst das noch nicht ausreicht, flieht er aus dem Lazarett und verkriecht sich in ein billiges Hotelzimmer, das Louise für ihn gemietet hat.

Damit ist er zwar dem Krieg entkommen, aber ein glückliches Leben ist das noch lange nicht. Als gesuchter Deserteur kann er das Hotel nicht mehr verlassen, das wenige Geld, das Louise in einer Näherei verdient, muss für sie beide ausreichen. Eines Tages ist Paul so frustriert, dass er sich Louises Klamotten anzieht, um eine Flasche Wein kaufen zu gehen. Und das ist sein Erweckungserlebnis.

So wird aus Paul Suzanne. Als Suzanne bekommt auch er einen Job in der Näherei, und weil er als Frau gar keine schlechte Figur macht, beginnt Paul sein neues Leben immer mehr zu genießen. Er schminkt, epiliert und manikürt sich ausgiebiger als seine eigene Frau; er genießt es, unter den Kolleginnen unerklärlich beliebt zu sein. Und schließlich gefällt es ihm sogar, dass er es schaffen kann, allein durch sein Erscheinungsbild die Schwänze anderer Männer aufzurichten. Suzanne, die aus einer Notlage heraus geboren wurde, wird ein so wichtiger Teil von Pauls Persönlichkeit, dass er Louise damit immer wieder vor den Kopf stößt.

Was aber wird passieren, wenn Frankreich endlich beschließt, seine Deserteure zu begnadigen (der Krieg ist inzwischen längst vorbei) und die äußeren Umstände Paul keinen Vorwand mehr dafür liefern, Suzanne zu sein? Für welches Leben wird er sich dann entscheiden?

Eine Dreiecksgeschichte zwischen zwei Menschen

Von der Comickünstlerin Chloé Cruchaudet, die diesen Band als Autorin und Zeichnerin nach der Vorlage eines geschichtlichen Essays geschaffen hat, haben wir in Deutschland noch nicht viel gehört; ihre dreibändige Serie ›Ida‹ ist hierzulande leider noch nicht erschienen. Was sie mit ›Das falsche Geschlecht‹ abliefert ist allerdings beachtlich. Es gelingt ihr, in 160 Comicseiten große Themen wie Deserteure des Ersten Weltkriegs, die Transgender-Thematik oder die eigentümliche Schattengesellschaft im Bois de Boulogne der 20er Jahre unterzubringen, weil sie dies alles von Beginn an einem klaren, erzählerischen Fokus unterordnet: Der Geschichte von Paul und von Louise, die trotz aller Widrigkeiten bei ihrem Mann bleibt.

Im Prinzip erzählt der Comic von einer komplizierten und tragischen Liebesgeschichte. Pauls Verwirrung über seine eigene Geschlechterrolle ist ein wesentlicher Teil dieser Liebesgeschichte. Trotz der durchaus komplizierten emotionalen Verwirrung der Hauptfiguren und obwohl Cruchaudet die Schattenseiten ihrer Protagonisten und die Gewalt, die sie einander antun, nicht ausspart, gelingt es der Zeichnerin doch, den Zuschauer auf der emotionalen Reise der Geschichte niemals zu verlieren. Man ist selbst dann noch bei Paul, wenn dieser nicht mehr bei sich selbst ist. Und wenn er auf Louise losgeht, leidet man ebenso mit ihm wie mit ihr.

Souveräne Schilderung verwirrender Zustände

Das Artwork kann der aktuellen französischen Schule nach dem Vorbild von Joann Sfar eine neue Facette abgewinnen, irgendwo zwischen Christophe Blain und Alison Bechdel: Dünne, filigrane Tuschezeichnungen, mit Kreide direktkoloriert, und dabei immer mit viel Gespür für Körperlichkeit, weiblich weich und rund, geschlossen und nicht so zerfasert, wie der gleiche Stil bei vielen männlichen Kollegen daherkommt.

Cruchaudets Seiten sind auch ohne äußeren Panelrahmen klar strukturiert. Außergewöhnliche Seitenlayouts und ineinanderfließende Bildmontagen werden nur sehr sparsam, dafür aber mit umso größerer Wirkung eingesetzt. Und selbst das inzwischen doch leidlich abgedroschene Motiv des roten Kleids in einer sonst komplett in gedeckten Grau- und Brauntönen gehaltenen Farbgebung erfährt in diesem Album eine neue Bedeutung. Schließlich symbolisiert das rote Kleid hier das erste und einschneidende Verwandlungserlebnis von Paul und betont damit erst Louises und dann Pauls Weiblichkeit.

›Das falsche Geschlecht‹ ist wieder einmal ein gutes Beispiel dafür, was das Medium Comic so alles kann, wenn souverän mit seinen Mitteln umgegangen wird. Pauls Changieren zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit wird durch Cruchaudets Zeichnungen in einer gekonnten Gratwanderung zwischen Realismus und Expression visuell erfahrbar gemacht. Nicht umsonst wurde das Album 2014 auf Frankreichs großem Comicfestival in Angoulême mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Chloé Cruchaudet: Das falsche Geschlecht (Mauvais genre)
Aus dem Französischen von Marc André Schmachtel & Sahar Ramini
Berlin: Avant Verlag 2014, 160 Seiten, 24,95 Euro

Reinschauen
| Leseprobe (nach Registrierung)
| Über die Zeichnerin (Französisch)

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