Die Quadratur der Kreise

Comic | Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge

In seiner ersten langen Comic-Erzählung erzählt Martin Panchaud eine tragikomisch-aberwitzige Story über einen Londoner Teenager. Indem er sich dabei optisch auf Gefilden bewegt, die eher an Planskizzen als an klassische Comics denken lassen, steckt er die Grenzen seines Mediums neu ab. Von CHRISTIAN NEUBERT

Farbe der DingeWer teilt sich über Piktogramme mit? Die Pikten! Asterix-Leser wissen das. Außerdem: Martin Panchaud. Sein Comic ›Die Farbe der Dinge‹ erinnert auf den ersten Blick an eine ominöse Verquickung von Kartographie und Infografik, auf den zweiten schließlich an einen Chris Ware-Comic – und beides sollte reichen, um den Band mit einem tieferen Blick zu würdigen. Zumal sich das lohnt. Denn ›Die Farbe der Dinge‹ ist ein Husarenstreich der neunten Kunst.

Der Comic ist fast komplett aus der Vogelperspektive geschildert. Was man als Leser zu sehen bekommt, sind nicht etwa einzelne Panels, sondern grafisch arrangierte Momentaufnahmen von Orten à la Google Maps. Sie ähneln architektonischen Planskizzen, auf denen bunte Kreise darstellen, wer sich gerade wo genau befindet.

Sprechblasen gibt es keine. Stattdessen ordnen exakte Linien den maximal abstrahierten Figuren einzelne Dialogzeilen zu. Das war’s. Mal abgesehen von zwischendurch eingestreuten, tatsächlich infografisch aufbereiteten Seiten über die Blauwalpopulation im Nordatlantik, die Funktionsweise eines bestimmten Elektroschockpistolentyps, die Verwundbarkeit der Leber bei Faustkämpfen oder einer serienreifen, auf Thermoskannen basierenden »Muschi to go«.

Maximal abstrahiert

Aus all diesen Zutaten zimmert der schweizerische Künstler Martin Panchaud in seinem ersten langen Comic-Band ein Sozialdrama im Geiste Mike Leighs, das in einem leichtfüßigen Parforceritt durch komödiantische Gefilde und Road-Movie-Melancholie zum Krimi wird, während es eine Coming-Of-Age-Geschichte erzählt.

Im Zentrum des Comics steht Simon Hope, ein vierzehnjähriger Junge aus einem Londoner Vorort. Auf den Straßen vor seinem Elternhaus wird er von den anderen Jugendlichen gemobbt. Zu Hause erwartet ihn ein gewalttätiger Vater, der das ohnehin schon knappe Geld mit Pferdewetten verjubelt. Ein todsicherer Tipp für ein Pferderennen in Ascot verspricht schließlich den Ausbruch aus diesen jämmerlichen Verhältnissen – und Simon gewinnt tatsächlich.

Dumm nur, dass er sich dafür bei den Rücklagen seines Vaters bedienen musste. Und der wiederum seine Frau des Diebstahls bezichtigt, sie ins Koma prügelt und über alle Berge verschwindet. Noch dümmer ist da vielleicht nur, dass er als Minderjähriger die Unterschrift eines Elternteils benötigt, um den Wettschein einlösen zu können.

Mitreißend konstruiert

So etwas ist schnell zu viel des Guten – und selten gut. Im Falle von ›Die Farbe der Dinge‹ ist es richtig stark. Denn Panchaud versteht sein Handwerk. Und meistert die Fallstricke, die seiner ungewöhnlichen Erzähltechnik inhärent sind, was sich immer dann offenbart, wenn man zum Beispiel an Bauanleitungen scheitert.

Die Erzählstruktur hinter der nüchternen Optik der einzelnen Planskizzen wird bei ›Die Farbe der Dinge‹ zur ermittlungstechnischen Rekonstruktion eines Tathergangs. Eine solche ist naturgemäß sachlich und kühl. Durch mitreißende Dialoge wird sie allerdings stark emotional aufgeladen. Sie schaffen innere Eindrücke, die die zu Kreisen reduzierten Personen mit prallem Leben füllen.

›Die Farbe der Dinge‹ steckt die Grenzen seines Mediums auf originelle Weise neu ab. Für nostalgische Comic-Leser ist das sicher nicht leicht zu verdauen. ›Die Farbe der Dinge‹ sei ihnen dennoch empfohlen. Allen anderen übrigens auch.

Vor ›Die Farbe der Dinge‹ hat Martin Panchaud mit denselben erzählerischen Mitteln übrigens den Film ›Star Wars – A new Hope‹ adaptiert – online, zum Runterscrollen.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge
Aus dem Französischen von Christoph Schuler
Zürich: Edition Moderne 2020
224 Seiten, 35 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Webseite des Künstlers

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Macht korrumpiert

Nächster Artikel

»Wozu wird das führen?«

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Karikaturen und Comic-Paraden

Comic | ICSE 2016 Spezial: Rückblick auf den 17. Internationalen Comic Salon Erlangen 2016 Während 2014 der Internationale Comic Salon in Erlangen noch das Thema »Erster Weltkrieg« wählte, ging es dieses Jahr sowohl thematisch als auch stilistisch wesentlich vielfältiger und bunter zu, mit Kunst aus der ganzen Welt. 25 000 Comicinteressierte besuchten vom Donnerstag, den 26. Mai, bis Sonntag, den 29. Mai den Comic Salon. 500 Künstler und 150 Aussteller waren mit dabei. Es ist der 17. Comic Salon, der alle zwei Jahre Farbe und Leben in die sonst so beschauliche und ruhige fränkische Stadt Erlangen bringt. PHILIP J. DINGELDEY

Vergessene Heldinnen

Comic | Pénélope Bagieu: Unerschrocken Mit ihrem Episodencomic ›Unerschrocken‹ zeichnet Pénélope Bagieu 15 bemerkenswerte Frauenbiografien nach – und findet dafür luftig-leichte Bilder. Und BIRTE FÖRSTER? Findet den Comic aufgrund seines Humors und seiner Informationsdichte gut.

Perspektivenwechsel

Kinderbuch | Martin Baltscheit & Anne Becker: Selma tauscht Sachen – Opaleben

Die Alten sind stur und miesepetrig, die Jungen rücksichtlos und frech: Generationenübergreifende Begegnungen sind nicht immer einfach. Die Graphic Novel von Baltscheit & Becker verfolgt einen spannenden Ansatz, findet ANDREA WANNER

Surreale Superhelden

Comic | Asaf Hanuka (Texte und Zeichnungen): Der Realist, Bd. 1 Es gibt diverse Graphic Novels, die sich mit Israel und der dortigen politischen Kultur auseinandersetzen. Mit der Kriegsstimmung, den religiös-ethnischen Konflikten, der Armut, der Angst, manchmal auch der Paranoia. Nun gesellt sich ein weiterer Comic dazu, nämlich Asaf Hanukas ›Der Realist, Band 1‹. Die in diesem Band versammelten Cartoons stammen ursprünglich aus einer Wochenzeitung und schildern autobiographisch und auf witzige und dezidiert surrealistische Weise den Alltag von Hanuka in Tel Aviv. PHILIP J. DINGELDEY hat sich den Comic angesehen.

»Ikon hat es etwas Tragikomisches«

Comic | Interview mit Simon Schwartz Es kommt noch recht selten vor, dass ein Comic-Künstler von Mainstream-Medien gefeiert wird, doch Simon Schwartz hat das geschafft. Der 1982 in Erfurt geborene Künstler zeichnet diverse deutsche Medien erregt seit seinem Debüt ›Drüben‹ großes Aufsehen in der Comic-Szene. 2012 gewann er für seinen Comic ›Packeis‹ den Max-und-Moritz-Preis. Sein neuer Graphic Novel ›Ikon‹ beschäftigt sich mit dem obskuren Gleb Botkin, dem Sohn des letzten Leibarztes der Zarenfamilie, der nach der Russischen Revolution glaubt, die ermordete Zarentochter und Großfürstin Anastasia, Schwarm seiner Kindheit, wiedergefunden zu haben. Diese falsche Anastasia, die Ansprüche auf den russischen Thron