»Wozu wird das führen?«

TITEL-Thema | Utopien

Der Begriff Utopie hat in seiner Karriere zahlreiche Wandlungen erlebt, viele verschiedene Erwartungen wurden an ihn gerichtet. Vom Kampfbegriff bis zum futuristischen Ideal reicht dabei seine Spannbreite. RUDOLF INDERST hat sich mit Vorstellungen von Utopien auseinandergesetzt.

Schriftsteller wie Comte de Saint-Simon (1760-1825), Charles Fourier (1772-1856), Robert Owen (1771-1858), Étienne Cabet (1788-1856) oder Edward Bellamy (1850-1889) waren es, welche im 19. Jahrhundert die Prozesse der Industrialisierung als globalhistorische Herausforderung deuteten. Die teils vor und teils zeitlich parallel zu Marx Wirken entstandenen sozialistischen und sozialreformerischen Ideen sind unter der Bezeichnung »Frühsozialismus« (in der marxistischen Forschungsliteratur/Terminologie: »vorwissenschaftlicher« bzw. »utopischer Sozialismus«) in die wissenschaftliche Diskussion eingegangen. Sie bilden ein Konglomerat an philosophischen, religiös-schwärmerischen und ökonomisch-politischen Vorstellungen und Visionen. Hauptsächlich tritt dieser Frühsozialismus – beeinflusst von aufklärerischen Ideen einer allgemeinen Weltverbesserung – in Frankreich auf.

Der Begriff »Utopie« wird zu diesem Zeitpunkt ein politischer Kampfbegriff. Liberale und Sozialisten beziehungsweise deren Programme werden von konservativer Seite als utopisch, sprich unrealisierbar und träumerisch verdächtigt. Umgekehrt bezichtigen linksgerichtete Kräfte den Konservatismus einer restaurativ-utopischen Diskriminierung.

Der frühsozialistische oder bolschewistische, oft auch uneinheitliche Utopiediskurs wurde von Marx und Engels heftig kritisiert. Der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit stand im Raum: Angeblich verstünden die frühsozialistischen Utopisten nicht die Rolle des industriellen Proletariats bei der gesellschaftlichen Umwälzung, außerdem durchschauten die Schriftsteller nicht die kapitalistische Gesellschaft, was zu verzerrten Gegenentwürfen in Form von literarischen Utopien führe. Grundlage für den marxistischen, »wissenschaftlichen« Sozialismus, der den utopischen ablösen sollte, war die materialistische Geschichtsauffassung und die dialektische Analyse der Gesellschaft.

Tatsächlich versuchten Owen sowie Fourier und Cabet, utopische Gemeinden zu installieren. Die Umsetzungsversuche der theoretischen Ideale in Form von verschiedenen Siedlungen und Gemeinschaften in den Vereinigten Staaten von Amerika scheiterten allerdings.

Neben geschilderten frühsozialistischen Visionen bestimmte noch ein anderes Sujet parallel, sich manchmal verzahnend und überscheidend die utopische Literaturlandschaft: Das 19. Jahrhundert war gekennzeichnet von einem enormen Handels-, Industrie- und Verkehrswachstum.

Aber auch die technischen sowie wissenschaftlichen Neuerungen und Möglichkeiten erfuhren diesen Innovationsschub. Damit eng verknüpft waren Hoffnungen von Autoren wie H. G. Wells oder Alexander Bogdanov auf eine allgemeine Verbesserung bzw. Erleichterung des menschlichen Daseins.

Das Grundmotiv H.G. Wells‘ Denkens war stets die Frage »Wozu wird das führen?« Sein gesamtes literarisches Werk, von theoretischen Schriften zu Biologie, Zeitgeschichte, Politik und Philosophie bis hin zu den Romanen und Erzählungen, unterstreicht die bedeutsame Rolle, die die Prognostik in der modernen Utopie künftig spielen sollte.

Leistungen von Naturwissenschaft und Technik sollten von nun an Ver- beziehungsweise Misstrauen bezüglich zukünftiger Entwicklungen prägen.

Der Wells’sche Umbruch bewirkt eine Art Entpolitisierung der alten Staatsromane. Interessanterweise gaben Samjatin, Orwell und Huxley, die drei großen Dystopiker des 20. Jahrhunderts, an, mit ihren Werken in gewisser Weise auf Wells‘ Schriften zu antworten.

H.G. Wells sah die einzige Überlebenschance der Menschheit in der Gründung eines Weltstaates. Er war ein Verfechter der Idee der Vereinten Nationen, war deren erster Generalsekretär und unterstützte zuvor die Idee des Völkerbundes. Zu seinen bekanntesten Werken zählen: ›The Time Machine‹ (1895), ›The Island of Dr. Moreau‹ (1896) und ›The War of the Worlds‹ (1889). Besonders bedeutsam erscheint ›The Shape of Things to Come‹. Die pessimistische Zukunftsvision vom Rückfall in die Barbarei erscheint im Jahr der Machtergreifung Hitlers 1933.

Zusammengefasst nimmt das 19. Jahrhundert in der Utopien-Betrachtung einen besonderen Platz ein: Während sich bereits im 18. Jahrhundert ein zarter, funktionaler Paradigmenwechsel durch den Sprung von der »Raum«- zur »Zeit«-Utopie (U-Chronie bzw. Zeitreiseromane) und den damit verbundenen Verwirklichungs-Imaginationen der AutorInnen literarischer Entwürfe abzeichnete, ist es im 19. Jahrhundert der frühsozialistische Utopiediskurs, der eine zentrale Rolle einnimmt.

Industrie, Technik und Wissenschaft nehmen Schlüsselpositionen in diesen Schriften ein und eine frühe – mitunter abenteuerlustige – Science Fiction nimmt Fahrt auf, wenngleich am Ende dieser Periode bereits ein finsteres 20. Jahrhundert seine dystopischen Schatten mit den großen Drei –  Jewgenij Samjatin, George Orwell und Aldous Huxley – vorauswirft.

| RUDOLF INDERST
| Titelfoto: PxHere

Lesetipp
Thomas Schölderle: Geschichte der Utopie
Eine Einführung (2. Auflage, Neuausg.)
Böhlau/Köln: utb 2017
211 Seiten, 17,99 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Quadratur der Kreise

Nächster Artikel

Pack die Badehose ein…

Weitere Artikel der Kategorie »Thema«

Die Rückkehr der frankobelgischen Serien

Comic | Buchmesse spezial Eine halbe Stunde im Comiczentrum der Frankfurter Buchmesse war arg knapp bemessen für die Geschichte des neuen Comicmagazins Zack. Es war vor 15 Jahren auf der Buchmesse wiederbelebt worden. Den dennoch aufschlussreichen Rückblick von drei der vier Chefredakteure des neuen Magazins und Verlagsleiter Klaus Schleiter hörte sich ANDREAS ALT an.

Dystopische Dominanz: ein düsteres 20. Jahrhundert?

TITEL-Thema | Utopien (I)

Zeitenwenden stellen den Blick auf die Zukunft besonders auf die Probe. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert verlor der utopische Fortschrittsglaube an visionärer Kraft: Dystopien oder »Schwarze Utopien« wurden zu dominanten Spielarten der Utopie. Gründe für das vermehrte Auftreten dieser Negativ-Utopien waren vielfältig. RUDOLF INDERST blickt auf eine Zeit, in der die Zukunft nicht bloß Verheißung war.

Schwarze Schwäne

Live | Late Night Schwarze Schwäne

»Man muss sich das vorstellen: Sie hat gerade einen Menschen getötet und zeigt einfach keine Reue.« Von diesen zwei Sätzen im Schauspiel ›Schwarze Schwäne‹ von Christina Kettering, das zur Zeit auf dem Podium des Theaters Pforzheim zu sehen und zu hören ist, ging der ›Late Night Schwarze Schwäne‹, die Podiumsdiskussion mit Publikum samt Einblick in den aktuellen Forschungsstand des Verhältnisses von Pflege zu humanoider Robotik und Künstlicher Intelligenz (KI) sowie ethischen und technologischen Fragestellungen dahinter, am vergangenen Samstagabend aus. Von JENNIFER WARZECHA

Die Kleine Schwester Weimars

TITEL-Thema | Klassizismus in Meiningen

Entdeckungslust kommt bei MARC PESCHKE auf. Doch ganz so weit soll Anfahrt für fünf Tage nicht sein. Also mal wieder nach Thüringen – diesmal nach Meiningen im Landkreis Schmalkalden-Meiningen. Die Kreisstadt im fränkisch geprägten Süden Thüringens hat etwa 25.000 Bewohner, liegt im Tal der Werra und ist – man sieht es gleich – eine Perle des Klassizismus.

Alles in allem: vergnügliche Vorfreude

Thema | 11 Freunde – Sonderheft WM 2014 Uns wird in den nächsten Wochen allerhand begegnen, was über die am 16. Juni eröffnende Fußball-WM informiert, via TV, via Print, via Online. Wir sind weltweit die eifrigsten Sammelbildsammler, deutsche Kultur definiert sich nicht ohne Fußball, Walter Jens war glühender Fan des ETV gewesen, und im TATORT, das liegt gar nicht lange zurück, wurde Fußball gleich zweimal zum Thema: bei Charlotte Lindholm (›Mord in der ersten Liga‹, März 11) und Lena Odenthal/Mario Kopper (›Im Abseits‹, Juni 11). Von WOLF SENFF