/

Eliten

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Eliten

Aber selbstverständlich, sagte Gramner, sie seien nicht von gestern.

Nicht daß sie ahnungslos wären, die Eliten der Moderne, sagte Pirelli, sie seien informiert, einundzwanzigstes Jahrhundert, sagte er, kommuniziert werde digital ohne zeitlichen Verzug, Spitzentechnologie, Hochleistungsgesellschaft, besser geht’s nimmer, das sei ein anderes Thema als hier bei uns, wo gerade einmal die Bahnverbindung quer über den Kontinent gelegt werde, Union Pacific, und der Goldrausch die Berichterstattung in den Gazetten dominiere.

Die Eliten wüßten bestens Bescheid, spottete Crockeye, sie führen uns.

Absolut, sagte London und lachte, die Eliten gäben den Ton an.

Der Zwilling nahm einen Schluck aus der Flasche.

Da seien wir in unserer Lagune weit ab vom Schuß, sagte Bildoon und lächelte verträumt.

Zurückgeblieben, sagte London.

Sowieso, sagte der Zwilling.

Aber weshalb werde das Thema so zurückhaltend bedient, fragte der Ausguck.

Wovon eigentlich die Rede sei, fragte Rostock.

Es gehe um den Klimawandel, sagte Crockeye.

Das Ende menschlicher Existenz, präzisierte der Ausguck.

Das, fragte Rostock, sei in der Moderne kein Thema.

Schon, sagte Gramner, aber nicht in der gebotenen Tragweite, man habe wohl Pläne, den Klimawandel einzugrenzen, die Maßnahmen würden eingeleitet, doch eine Bedrohung der menschlichen Existenz sei öffentlich kein Thema.

Das werde weitgehend ignoriert, sagte Pirelli, die Eliten hätten kein Interesse an dieser Diskussion.

Nur daß die Tatsachen eine andere Sprache sprächen, sagte der Ausguck, die Maßnahmen seien vergebliche Liebesmüh, der Planet sei heruntergewirtschaftet, die Böden seien geplündert, die Meere seien verschmutzt, die Luft sei vergiftet, die Temperaturen stiegen.

Thimbleman nickte.

LaBelle legte die Stirn in Falten.

Höchste Zeit, sagte Rostock, sich der Vernichtung der menschlichen Existenz zu stellen.

Exakt diese Diskussion werde unterdrückt, sagte Pirelli.

Den herrschenden Eliten ginge es ja gut, sagte Crockeye, sie hätten es sich eingerichtet auf dem Planeten und sähen keinen Grund zu verzichten, sie seien diejenigen, die ihren Besitzstand mit Zähnen und Klauen verteidigen, bei ihnen fänden sich denkbar schlechte Eigenschaften: Raffgier, Eigennutz, Rücksichtslosigkeit.

Sie sähen mit an, wie die Balance des Lebendigen einbreche, sagte LaBelle, als ginge sie all das nichts an, als wären sie Publikum, und wüßten dennoch genau, daß ihr  luxuriöser Lebenswandel maßgeblich zum Klimakollaps beitrage.

Privatflugzeuge, Fernreisen, Motorjachten, spottete Crockeye, ein Leben als Party, und das wollen sie nicht aufgeben.

Der Ausguck stand auf, tat einige Schritte und löste sich in der Dunkelheit auf, sie hörten ihn einen Salto schlagen.

Was gehe es uns an, fragte Bildoon, das seien ferne Welten fast zweihundert Jahre in der Zukunft.

Ferne Welten, fragte Crockeye und lachte, es handle sich um das Endstadium des Industriezeitalters, das gegenwärtig, sagte er, werft einen Blick auf die Stadt, sagte er, in seinen Anfängen liege, seht die unersättliche Gier der Goldgräber, seht den rassistischen Umgang mit indigenen Stämmen, den Haß, die Niedertracht unter den Menschen – jetzt wäre die Zeit, einzuschreiten.

Der Zwilling nahm einen Schluck aus der Flasche.

Touste schlug einige Akkorde an.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

LaBelle schwieg.

Die Ojo de Liebre lag still, der Ozean rauschte behaglich.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Rothenburg, ein uralter Zauber

Nächster Artikel

Ein Märchenklassiker aufgepeppt

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Intellektuell betreutes Wohnen

Kurzprosa | Sigrid Nunez: Sempre Susan

Die Schriftstellerin Susan Sontag (1933-2004) war in den USA eine ungemein populäre, allerdings auch von vielen kritischen Attacken begleitete Intellektuelle. Die promovierte Philosophin, die 2003 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hat es als scharfsinnige Essayistin zu internationaler Anerkennung gebracht. Sie selbst sah sich aber lieber als Romanautorin und fühlte sich in dieser Haltung bestätigt, als sie für ihren letzten Roman In Amerika (dt. 2002 bei Hanser) den National Book Award erhielt. Nun ist ein kleiner, aber ungemein gehaltvoller Band der amerikanischen Schriftstellerin Sigrid Nunez erschienen, der über ihre Begegnung, über ihr kurzzeitiges Zusammenleben und die gemeinsame Arbeit mit Susan Sontag berichtet. Die Erinnerungen an Susan Sontag hat PETER MOHR gelesen

Walfang

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Walfang

Wir kennen überzeugende Beispiele für erfolgreichen Rückbau.

Das wäre?

Die Historie des industriellen Walfangs.

Du redest nicht über Scammons Walfänger in der Ojo de Liebre?

Nein, Susanne, sie sitzen in ihrer Lagune, zeitlich und örtlich in weiter Ferne, es fällt ihnen leicht, über unsere Gegenwart zu reden, sie sind nicht in das aktuelle Geschehen verstrickt, ihre Existenz ist nicht durch die klimatischen Veränderungen gefährdet, und ihre Erzählung klingt, wie wenn wir über Vergangenheit reden.

Vorgeblättert

Kurzprosa | Literaturkalender 2024

Wer möchte nicht gern in die Zukunft blicken? All die kommenden Freuden, Überraschungen, Begebenheiten voraussehen? Zu den Geschenken, die man sich selbst oder anderen bereiten kann, zählt immer ein Kalender für das kommende Jahr. Geschmückt mit literarischen Zitaten und anregenden Texten liegt des Leseglück schon jetzt in unserer Hand. INGEBORG JAISER stellt einige bemerkenswerte Literaturkalender vor.

Zivilisation III

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Zivilisation

Nein, unmöglich, sagte Harmat, wie solle er sich das vorstellen.

Bildoon lächelte. Zum Ende, sagte er, es gehe auf das Ende zu.

Mit Siebenmeilenstiefeln, spottete Crockeye.

Gewiß, das habe er verstanden, schön und gut, sagte Harmat, aber wie – werde da ein Gong geschlagen, eine Glocke geläutet, knipse jemand das Licht aus.

Wie aus der Ferne klang sanft das Rauschen des Ozeans.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.