Eine Liebe am Wattenmeer im Zeichen des Klimawandels

Roman | Kristin Höller: Leute von früher

»Als sie Strand zum ersten Mal betrat, zwickte ihr Unterleib, und sie spürte, dass sie zu bluten begann. Sie hatte keine starken Schmerzen, bemerkte kaum Stimmungsschwankungen, ab und zu vergaß sie sogar, dass sie einen Zyklus hatte. Ihr Körper funktionierte und war unauffällig, aber so hatte sie nie gelernt, in sich hineinzuhorchen.« In ihrem zweiten Roman schickt die Autorin ihre Protagonistin Marlene als Saisonkraft in das Erlebnisdorf »Strand« auf eine der Restinseln der längst untergegangenen gleichnamigen Nordseeinsel, die mitsamt dem dort gelegenen berühmten Handelsort Rungholt einst vom Meer überflutet wurde, bei der verheerenden Sturmflut im Jahre 1362. Von Rungholt erzählt auch Barbara, eine ältere Arbeitskollegin Marlenes, und das Magische und Gruselige durchzieht den ganze Roman Höllers. Von DIETER KALTWASSER

Bereits Theodor Storm erwähnt den untergegangenen Ort in seiner Novelle ›Eine Halligfahrt‹. Noch heute erzählen sich die Leute an der Küste, dass man bei ruhigem Wetter die Glocken von Rungholts Kirche im Watt läuten hören könne. Man kann auch noch Reste von Strand besuchen: die Inseln Nordstrand, Pellworm und die Hallig Nordstrandischmoor. Höller, geboren 1996 und aufgewachsen in Bonn, studierte Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften in Dresden. Die Autorin hat ein Faible für szenisches Schreiben. Ihr Debütroman ›Schöner als überall‹ (2019) verhalf ihr zum Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium. Jetzt zeigt sie uns ein Ferienparadies rückwärtsgewandter Art.

Marlene hat mit Ende 20 endlich ihr Studium der Medienpraxis beendet. Bevor es weitergeht, möchte sie zunächst einmal abschalten und will sich nach ihrem Studienende erst mal »einfach ein halbes Jahr keine Gedanken machen« müssen. Sie hat in dem Erlebnisdorf am Wattenmeer eine Stelle als Aushilfskraft in einem Souvenirladen angenommen. Dort müssen sie und andere Aushilfen, die dort in einfachen Baracken leben, in historischen Kostümen das nordfriesische Inselleben um 1900 für die Touristen »authentisch« aufführen bzw. simulieren. »Sie betrachtete das Fachwerk und die Strohdächer links und rechts des Weges. Alles wirkte unnatürlich geordnet, als würde jeder Kopfstein poliert, als wüchsen die knospenden Sträucher unter strengster Kontrolle, und es würde sie nicht wundern, wenn sich hinter den Haustüren bloß weites, flaches Land befände. Es lag eine Stille über dem Ort, die sie schaudern ließ und zugleich alles in eine Schläfrigkeit kleidete. Es war, als beträte sie ein Gemälde.« Alles dort soll sein wie schon rund 100 Jahre zuvor: Brauchtum, Handwerk, Kleidung. Marlene kommt an ihrem Geburtstag auf die Insel und zieht in einen Schlafraum in einer der Baracken. Sie wird eingekleidet und in die Gebräuche des Freilichtmuseums eingewiesen: Innerhalb der »Kostümgrenze« ist keine moderne Kleidung gestattet, kein Handy, keine Kopfhörer, kein Radio.

Als Marlene dann Janne kennenlernt, die hier aufgewachsen ist, verliebt sie sich in sie, sie fühlt sich wie elektrisiert und von ihr magisch angezogen. Beide kommen sich näher, und bald spürt Marlene auch körperlich, dass Janne ein Geheimnis in sich trägt, welches weit in die Vergangenheit der Insel führt. Die Autorin verbindet gekonnt eine Liebesgeschichte mit der Klimakrise, im Watt erinnern Überreste der untergegangenen Stadt Rungolt ständig daran, welche Gefahr durch den steigenden Meeresspiegel und die Erderwärmung droht, und in ihrem Roman vermischen sich mitunter Zauber und düstere Realität. Nicht nur ihre Liebe zu Janne verändert die Gefühlswelt und die Wahrnehmung von Marlene, sondern die Insel selbst. Von der Entzauberung dieser rückwärtsgewandten Idyllenbildung, dem Geschehen hinter den Fassaden und Kostümen und von Menschen, die den vermeintlichen flachen Äußerlichkeiten Tiefe geben und sich lieben, davon erzählt Kristin Höller in ihrem fein gewobenen und fesselnden Roman. Ein sehr empfehlenswertes Buch!

| DIETER KALTWASSER

Titelangaben
Kristin Höller: Leute von früher
Berlin Suhrkamp Verlag 2024
316 Seiten. 22 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Kleinvieh macht manchmal auch großen Ärger

Nächster Artikel

Flüchtlinge

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Heiligenfigur und Nervensäge

Roman | John Maxwell Coetzee: Die Kindheit Jesu Die Kindheit Jesu – der neue Roman von Nobelpreisträger J.M. Coetzee. Von PETER MOHR

Stille Nacht an der Moldau

Roman | Jaroslav Rudiš: Weihnachten in Prag

Was macht das Christkind an Heiligabend? Wohin treiben all die nächtlichen Gestrandeten in einer Großstadt? Worin verwandeln sich die Geister von Kafka, Hašek und Hrabal? Jaroslav Rudiš´ Weihnachten in Prag ist eine stimmungsvolle Liebeserklärung an die Moldaumetropole und ein modernes Märchen, das anrührt, ohne von falscher Rührseligkeit getrübt zu werden. Von INGEBORG JAISER

Von anständigen Dieben und diebischen Ehrenmännern

Roman | Ross Thomas: Das Procane-Projekt / Zu hoch gepokert

Fünf Romane hat Ross Thomas (1926-1995) unter dem Pseudonym Oliver Bleeck geschrieben. In ihnen allen steht der Wiederbeschaffungsexperte Philip St. Ives, ein enddreißiger Ex-Reporter mit Dandy-Appeal, im Mittelpunkt. Das Procane-Projekt ist Nummer 3 und erschien im Original 1971 unter dem Titel The Procane Chronicle. Zu hoch gepokert folgte 1974 als vierter Fall für St. Ives unter dem Originaltitel The Highbinders. Um eine Chronik der besonderen Art geht es im ersten Roman. Um ein Schwert von historischer Bedeutung im zweiten. Einfach wird es für Thomas‘ Helden in keinem der beiden Fälle. Denn wo es um viel geht, wollen meist auch viele ein Stück vom Kuchen abhaben. Von DIETMAR JACOBSEN

Alles, was ich über Onkel Grischa weiß

Roman | Lena Gorelik: Die Listensammlerin Ein totgeschwiegener Onkel, eine sterbende Großmutter und eine schwerkranke Tochter lassen die Nerven blank liegen. Und dennoch vermag es Die Listensammlerin – und natürlich Lena Gorelik –, mit Verve und Einfallsreichtum die Bruchstücke einer ungewöhnlichen Familienchronik zu schreiben. Von INGEBORG JAISER

Erinnere dich!

Roman | Zoë Beck: Memoria

Zoë Becks neuer Roman Memoria spielt wie schon ihre beiden letzten Bücher – Die Lieferantin (2017) und Paradise City (2020) – in naher Zukunft. Die Folgen des Klimawandels haben die Welt fest im Griff. Heiße Sommer mit zahlreichen Waldbränden und   Wasserknappheit machen auch das Leben in Deutschland immer komplizierter. Für Harriet Laurent, deren einst verheißungsvolle Karriere als Konzertpianistin durch eine Handoperation ihr jähes Ende fand und die sich aktuell als Klavierstimmerin und Mitarbeiterin einer Sicherheitsfirma durch ihr prekäres Leben schlägt, verändert ein nicht fahrplangemäßer Halt auf der Zugreise von Frankfurt nach Gießen alles. Plötzlich muss sich die junge Frau fragen, ob es noch ihr Leben ist, an das sie sich zurückerinnert. Denn immer mehr Bruchstücke aus einer Vergangenheit, mit der sie nichts gemein zu haben scheint, tauchen zunächst in ihren Träumen, dann aber auch nach und nach in der sie umgebenden Realität auf. Von DIETMAR JACOBSEN