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Kleinvieh macht manchmal auch großen Ärger

Roman | Liza Cody: Die Schnellimbissdetektivin

Nach einer Ex-Polizistin, einer Catcherin, der Witwe einer respektablen Rocklegende, einer Schriftstellerin, die das Leben einer ermordeten Sängerin recherchiert, einer Tochter indischer Einwanderer und einer obdachlosen Alkoholikerin überrascht Liza Cody in ihrem siebzehnten Roman die Leserinnen und Leser mit einer weiteren, aber ganz gut in die Reihe passenden Hauptfigur. Denn auch Hannah Abram war einmal bei der Polizei, hat sich allerdings mit einem Vorgesetzten angelegt – und das ziemlich handgreiflich. Deshalb arbeitet sie inzwischen im »Sandwich Shack« am Rande des Londoner Volksparks, hantiert gekonnt mit Toastscheiben, Würstchen und Speck und wird von Digby, ihrem cholerischen Chef, periodisch entlassen und kurz darauf wieder eingestellt. Weil ihr schmaler Verdienst weder hinten noch vorne ausreicht und ihr Ruf als Polizistin noch ein wenig nachhallt, verdient sie sich ein paar Pfund mit Detektivaufträgen dazu – nichts Großem, sondern nur Sachen, bei denen die Polizei  von vornherein abwinkt. Aber auch kleine Fälle haben gelegentlich so ihre Tücken. Von DIETMAR JACOBSEN

Verschwundene Hunde und Fahrräder finden, gestohlenem Gemüse nachforschen bis zu dem Geschäft, wo es gewinnbringend verkauft wird, einen Mann ermitteln, der seinen Mitmenschen Müll vor die Tür kippt – die Aufträge, mit denen sich die ehemalige Polizistin Hannah Abram ein kleines Zubrot zu ihrem Verdienst in einer Londoner Schnellimbissbude verdient, sind alles andere als spektakulär. Nichts, an das die Profis der hauptstädtischen Verbrechensbekämpfung auch nur einen Gedanken verschwenden würden. Und deshalb wenden sich die Betroffenen lieber gleich an Hannah. Die sich dieser Kundschaft mit der gleichen Seriosität widmet wie dem Frühstück für ihr »putzmunteres Gassigang-, Jogging-, Radfahr- und Frühschicht-Volk«. Auch wenn die Doppelbelastung manchmal schlaucht und ihr misslauniger Boss Digby gerne noch mehr Einsatz am Herd von ihr sähe.

Neue Heldin – alte Probleme

Die Heldinnen der 1944 in London geborenen und seit 1980 Romane und Erzählungen schreibenden Liza Cody, die sich vor ihrer erfolgreichen Zeit als Schriftstellerin schon in Roadie-, Künstler-, Tischler- und Restauratorenkreisen ihren Lebensunterhalt verdient hat, sind keine hard boiled women. Sondern ganz normale Frauen in einer Zeit, der man gern die Normalität absprechen würde, aber wem wäre dadurch schon geholfen. Vom Leben – wozu natürlich auch die Männer gehören, selbst Hannah sucht sich immerzu die Falschen aus – gezeichnet, gelegentlich von der Muse, aber nie vom Glück geküsst, rackern sie sich ab, ohne je wirklich auf den sprichwörtlichen grünen Zweig zu kommen. Denn da sitzen immer die anderen, die zwar in der Minderheit sind, sich dafür aber ordentlich breitmachen. Ist das ein Anlass, depressiv zu werden? Nicht für jene Frauen, die Liza Cody für ihre Leserinnen und Leser erfunden hat, Frauen, die sich nichts gefallen lassen, schlagfertige Frauen, die hart sein können, aber auch weiche Seiten haben.

So wie eben jetzt Hannah Abram. Die sich natürlich nichts gefallen lässt – schon gar nicht von Digby, der seinen Imbiss schließen müsste, hätte er nicht diese Powerfrau an seiner Seite, die er eines Tages – freilich mehr gezwungenermaßen denn aus freiem Willen – sogar zur Geschäftsführerin mit doppeltem Gehalt macht. Was die natürlich nicht davon abhält, ihre junge Kollegin Dulcie vor den Avancen des nur auf den eigenen Vorteil bedachten Chefs zu warnen. Denn loyal ist Hannah schon – aber nur ihren Kunden gegenüber. Ex-Kollegen – zu denen im Übrigen auch ihr ehemaliger Freund Tom zählt, der weiterhin fest entschlossen scheint, ihr das Leben ohne ihn so schwer wie nur möglich zu machen – hingegen bekommen ihren ganzen Frust, Verhältnisse betreffend, die Frauen wie ihr so viele Steine wie nur möglich in den Weg legen, zu spüren.

Eine tote Stalkerin

Allein die Beliebtheit, die sie in ihrem Viertel genießt, und die Offenheit, mit der sie ihren Mitmenschen in der Regel begegnet, haben auch ihre Kehrseiten. Denn ein bisschen naiv und in vielen Dingen viel zu gutgläubig ist Codys Detektivin ohne Büro schon. Dass ihr diese immer wieder zu Ärger und Enttäuschungen führenden Wesenszüge durchaus nicht unbekannt sind, heißt freilich nicht, dass sie aus bisher Erlebtem endlich die richtigen Schlüsse zöge. Stattdessen tappt sie immer wieder in dieselben Fallen. Hat plötzlich eine nervige Stalkerin am Hals, die in ihr unliebsame Konkurrenz im Kampf um einen Mann vermutet. Und träumt allen Ernstes eine Weile davon, einem besorgten Auftraggeber, dem die Frau weggelaufen ist, auch menschlich näherzukommen.

Dass beide Herren ihr, als sie sie mit Nachforschungen beauftragten, Entscheidendes verschwiegen haben, führt freilich just zu jenen kleinen Katastrophen, von denen Hannah in regelmäßigen Abständen heimgesucht wird. Und die sich dieses Mal durchaus zu einem größeren Fiasko auswachsen könnten. Denn als man die Stalkerin Deena kurz nach einem lautstark mit Hannah am »Sandwich Shack« geführten Streit tot auffindet, gehört auch der »toxische Tom« mit zu den ermittelnden Polizisten. Und der würde die Frau, die er mit seinen Macho-Allüren nicht mehr zu beeindrucken vermag, nur allzu gern hinter Gittern sehen.

Liza und der »toxische Tom«

Mit Die Schnellimbissdetektivin – perfekt übersetzt von Iris Konopik – ist Liza Cody sich und ihrem bisherigen schriftstellerischen Programm treu geblieben. Auch ihr neuer Roman zeichnet sich nicht dadurch aus, dass seine Heldin verzwickte Fälle lösen muss. Wer hinter Fahrraddieben her ist, dem pfeifen nicht die Kugeln um die Ohren. Action non stop bekommt man deshalb von dieser Autorin nicht geliefert. Dafür aber einen glasklaren Blick auf ein nach Brexit und Corona-Pandemie verunsichertes Land und die vielen Menschen, die hier täglich darum kämpfen müssen, nicht nur ihre Würde zu bewahren. Dass Liza Cody diesem Überlebenskampf all jener, die die Schattendistrikte eines Systems, in dem die Zahl der Mittellosen gegenüber jener der Bemittelten immer größer wird, bewohnen, auch noch eine gehörige Portion Humor abgewinnen kann, ist ein weiteres Argument dafür, dass man diese Autorin unbedingt lesen sollte. Denn Lachen kann ein erster Schritt auf dem Weg zur Veränderung sein.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Liza Cody: Die Schnellimbissdetektivin
Deutsch von Iris Konopik
Hamburg: Ariadne im Argument Verlag 2024
352 Seiten. 18 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

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