Ein Lied aus alter Zeit

Thema | Unterwegs in der Fränkischen Schweiz

Mal wieder unterwegs in Franken – denn Franken geht immer! Hier gibt es alles: ein idyllisches Landleben, alte, historische Städte, mittelalterliche Burgen, gute, bodenständige Gastronomie. Das UNESCO-Welterbe der Bamberger Altstadt und der barocken Würzburger Residenz, das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth, die Veste Coburg, die komplett erhaltene Altstadt von Dinkelsbühl, das prächtige Kloster Banz und die berühmte Basilika Vierzehnheiligen. Naturschätze wie Felsenlabyrinthe und Tropfsteinhöhlen. Kurbäder wie Bad Staffelstein und Bad Rodach: Hier kann wirklich jeder sein Urlaubsglück finden. Von MARC PESCHKE

Ein kleiners Dorf in einer Senke, umrahmt von kleinen Bergen
 
Diesmal geht es in die Fränkische Schweiz in Oberfranken: Zwischen Bamberg, Erlangen, Nürnberg und Bayreuth finden wir eine ganz und gar romantische Landschaft. Hier hat sich etwas bewahrt, das wie ein Lied aus alter Zeit leise in die Gegenwart tönt: Berge, Felsen und Höhen, Burgen, Fachwerkdörfer, Täler und Flüsse formen hier eine markante Kultur- und Karstlandschaft.
 
Stalagmiten in einer TropfsteinhöhleHier ist Aktivurlaub möglich, zu jeder Jahreszeit, aber besonders schön jetzt im Herbst: Man wandert, klettert, fährt Kajak auf dem Fluss Wiesent, erforscht Tropfsteinhöhlen oder radelt mit dem Mountainbike – in einer der ältesten Urlaubsregionen Deutschlands. Die Fränkische Schweiz ist eine Genussregion, aber eine herzhafte: Bierkultur trifft auf Wurstkultur. Schnaps wird gebrannt. Das weltbekannte Rauchbier aus Bamberg, weitere Biere aus mehr als 70 Klein- und Kleinstbrauereien der Region, fränkisches Schäufele mit Klößen, »Saure Zipfel«, gebackener Karpfen oder Forelle blau – so schmeckt die Fränkische Schweiz.
 
Wir beziehen unser Quartier im empfehlenswerten Hotel Garni Regina im Touristenzentrum der Gegend, im kleinen Markt Gößweinstein – neben Pottenstein der bekannteste Ort der Region. Nicht weit von hier liegt Tüchersfeld mit seinen steilen Felstürmen, das mit seinem »Fränkische Schweiz-Museum« ebenfalls ein besonderer Anziehungspunkt ist. Das Museum ist im sogenannten »Judenhof« untergebracht, ein beeindruckendes Gebäudeensemble. Es stellt Geologie und Archäologie der Fränkischen Schweiz vor, aber auch Themen wie Religion, Brauchtum und Volksfrömmigkeit. Auch die besonders reiche jüdische Tradition Frankens wird hier präsentiert.
 
Ein kleines Schlösschen an einem FlussuferDie Fränkische Schweiz, früher wurde sie das »Muggendorfer Gebürg« genannt, ist geprägt von den markanten Kalk- und Dolomitfelsen des Weißen Jura, was ihr einen an manchen Stellen durchaus alpinen Charakter gibt, obwohl der höchste Berg, der Kleine Kulm, nur 626 Meter hoch ist. Der Tourismus ist nicht neu hier: Schon Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckten Romantiker wie Ludwig Tieck und Wilhelm Heinrich Wackenroder die Gegend. Bald kamen die ersten Kurgäste nach Muggendorf. Und auch Künstler und Literaten kamen, etwa Richard Wagner, Fürst Pückler-Muskau, Joseph Victor von Scheffel und Jean Paul. Letzterer schrieb im Jahr 1798 voller Begeisterung:»Hier läuft der Weg von einem Paradies durchs andere.«
 
Und auch heute kommen sie immer noch, die Touristen, die Urlaubsgäste. Gerade am Wochenende strömen sie herbei, aus Bamberg, Nürnberg, Erlangen oder Bayreuth. Auch viele Autos aus Erfurt, aus Berlin oder dem Rhein-Main-Gebiet sieht man.
Zwei Kirchtürme, eingerahmt von Bäumen unter einem blauen HimmelOrtsprägend ist die barocke Basilika zur Heiligen Dreifaltigkeit aus der Zeit um 1730, ein Hauptwerk von Balthasar Neumann – ein religiöser Anziehungspunkt für ganz Franken und Bayern. Mit dem angrenzenden ehemaligen Franziskanerkloster – das gerade saniert und renoviert wird – und dem sonnigen Hof, der zum Verweilen einlädt, formt sie ein herrliches Barock-Ensemble – in Auftrag gegeben vom Würzburger Fürstbischof Friedrich Carl von Schönborn, unter dessen Herrschaft sein Architekt Balthasar Neumann auch die Würzburger Residenz vollendete.

Die Wallfahrer zieht es nach Gößweinstein, natürlich, in diesen ganz und gar heiligen Ort. Sie strömen seit dem späten 16. Jahrhundert nach Gößweinstein, um das Gnadenbild in der Basilika anzubeten, das die Krönung Mariens durch die Dreifaltigkeit zeigt, durch Vater, Sohn und Heiligen Geist. Und auch auf den Wanderwegen, unter freiem Himmel, halten sie Fürbitten und beten im Gehen den Rosenkranz. Sie sind ein prägnanter und auch anrührender Teil des Ortsbildes.
 
Auch wir besteigen den Kreuzberg und blicken hinunter auf das Örtchen und in die Hügellandschaft – ein Blick, der uns in Erinnerung bleiben wird. Auf dem Hügel gegenüber thront ein zweites großartiges Baudenkmal, die Burg Gößweinstein, die 1076 erstmals urkundlich erwähnt wurde.
 
Die Geschichte der Wallfahrt in Gößweinstein veranschaulicht das Wallfahrtsmuseum. Die Besonderheit hier sind die Votivmenschen aus Wachs: bekleidete Figuren, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem in Bamberg hergestellt wurden. Sie sind, wie wir im Museum erfahren, »Stellvertreter in Not geratener oder bedrückter Menschen, die ihr Vertrauen in Gott setzten«. Sie wurden von den Pilgern als Opfergabe gespendet. Diese Art des Votivbrauchtums war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts einzigartig in Franken.
 
Nur wenige Kilometer entfernt liegt Pottenstein am Flüsschen Püttlach, das schon lange mit Gößweinstein konkurriert, der schönste Ort der Fränkischen Schweiz zu sein. Jeder darf das selbst entscheiden. Aber wären wir nur wenige Tage früher gekommen! So leuchtend der Spätsommer nun auch ist – nur bis Mitte September lädt hier das schon 1926 eröffnete Felsenbad zur Erfrischung ein. Das älteste Freibad Bayerns am Fuße einer gewaltigen Felswand ist eines der schönsten Schwimmbäder Deutschlands – in diesem Naturbad sollte man unbedingt einmal geschwommen haben. Auch in Gößweinstein gibt es ein Naturbad, das Höhenschwimmbad, mit biologischer Wasseraufbereitung. Auch dieses: toll. Aber auch dieses: leider schon geschlossen.

Ein kleines Burggebäude auf eienr Felsenkante
 
Auch über Pottenstein erhebt sich eine Burg, etwa 1060 erbaut, trutzig über dem Tal. Pottenstein ist bekannt für seine »Teufelshöhle«. Die Tropfsteinhöhle mit ihren großen Hallen und Stollen – eine der größten Höhlen der Fränkischen Schweiz – lohnt unbedingt einen Besuch. Sie wurde 1922 entdeckt und hat jährlich rund 160.000 Besucher. Eine Führung dauert etwa eine Stunde und ist ein wirkliches Erlebnis! Hinter dem Ausgang erstreckt sich noch ein besonders schönes Stück Fränkische Schweiz: Ein Felsengarten leitet zum Eingangsbereich zurück.
 
Ein historisches Wirtshausschild vor einer FachwerkfassadeNach der Expedition in die Tiefe hat man sich ein Bier redlich verdient. Gleich drei Brauereien gibt es am Ort. Wie empfehlen den Brauereigasthof der Brauerei Mager. Und natürlich wird man kulinarisch nicht nur in Pottenstein, sondern auch in Gößweinstein fündig: Der Scheffel-Gasthof, der einstmals Joseph Victor von Scheffel beherbergte, ist auch heute noch ein Beispiel für ein klassisches oberfränkisches Gasthaus. In eine ähnliche Kerbe schlägt man gastronomisch im Gasthaus Fränkische Schweiz – auch hier lädt ein schöner Biergarten zum Verweilen ein. Oder auch der Dorfgasthof ›Zum Felsentor‹ in Türkelstein, den man von Gößweinstein auch erwandern kann, am schönsten über den Terrainweg »gelbes Herz«, beginnend am Kapellchen direkt neben dem Hotel Regina. Dort wird man in einem Biergarten prächtig versorgt. Im sonnigen Herbst in Franken unterwegs – da fehlt nichts zum Urlaubsglück.

| MARC PESCHKE

Lesetipps
Herbert Popp, Klaus Bitzer, Haik-Thomas Porada (Hgg.): Die Fränkische Schweiz
Traditionsreiche touristische Region in einer Karstlandschaft
Köln: Böhlau Verlag 1. Auflage, 2019
402 Seiten, 30 Euro

Stefan Herbke und Anette Köhler: Rother Wanderführer Fränkische Schweiz
mit Oberem Maintal und Hersbrucker Schweiz
Oberhaching: Rother Bergverlag: 12., aktualisierte Auflage 2023
160 Seiten, 16,90 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Davos ist ein Schwindel

Nächster Artikel

Instandsetzungen

Weitere Artikel der Kategorie »Thema«

Der globale Rausch

Interview | Thema: Alkohol

In Andreas Pichlers Dokumentarfilm ›Alkohol - Der globale Rausch‹ entpuppt sich Alkohol als der Blinde Fleck unter den Drogen. Der Film erkundet, warum Alkohol so erfolgreich ist, trotz der massiven volkswirtschaftlichen und gesundheitlichen Schäden. Und wie stark die Industrie Politik und Gesellschaft beeinflusst.

Ein Interview von SABINE MATTHES mit:
Daniel Drepper, Journalist, verfasste mit Sanaz Saleh-Ebrahimi für Correctiv die Recherche ›Wie die Alkoholindustrie uns dazu bringt, immer weiter zu trinken‹,
Andreas Pichler, italienischer Dokumentarfilmemacher und Grimme-Preisträger aus Bozen und
Mariann Skar, Generalsekretärin von Eurocare (European Alcohol Policy Alliance), Brüssel

Der Staat als Erwartungsmaschine

Thema | Über ein strukturelles Spannungsverhältnis moderner Politik

Moderne Staaten sind keine bloßen Ordnungsinstanzen mehr. Sie sind Produzenten von Erwartungen. Kaum ein Bereich gesellschaftlichen Lebens bleibt unberührt von der Vorstellung, dass staatliches Handeln Sicherheit gewährleistet, Risiken abfedert, Chancen ermöglicht oder zumindest regulierend eingreift. Diese Erwartungsdichte ist historisch gewachsen. Und sie prägt das Verhältnis zwischen Politik und Gesellschaft fundamental. Gerade in den letzten 10 bis 20 Jahren hat dies nochmal einen Schub erhalten. Von Dr. DANIEL MEIS

Wir wünschen Erfolg

Kommentar | Wolf Senff: Vorsätze   Vorsätze. Den Zusammenhalt fördern, hat Frau Merkel gesagt. Neujahrsansprache. Sonntagsrede. Doch recht hat sie, und wenn sie den Zusammenhalt fördern will, muss sie an jenen Baustellen arbeiten, an denen man uns auseinander treibt. Von WOLF SENFF

Unter dem Regenbogen

Thema | 40 Jahre Edition Suhrkamp

Salut nach 40 Jahren »edition suhrkamp«. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Vorbereitet oder wertfrei – wie soll ich einem Werk begegnen?

TITEL-Thema | Bühne

Da sitzt man in der Oper und lauscht der schönen Musik – und auf einmal wird Israel überfallen und heroisch Menschen geköpft. Zumindest ist mir das in einer Händel Oper widerfahren. Wer sich von so etwas nicht überraschen lassen möchte, sollte vorbereitet in ein Konzert gehen. Viele Konzerthäuser bieten Einführungsveranstaltungen an, die vorab über ein Stück informieren und den Fokus auf gewisse Punkte lenken. Ist das überhaupt wichtig? Wird dadurch gar der unwiderrufliche erste Eindruck eines Musikstücks vernichtet? Muss Kunst aufgearbeitet werden, bevor sie rezipiert wird? Im Gespräch von MARC HOINKIS mit Professorin Elena Ungeheuer und Tabea Hilser wird einiges deutlich.