Ungeahnte Möglichkeiten

Kinderbuch | Jens Rassmus: Rosa und Bleistift unterwegs im Land der Bilder

Wer hätte geahnt, dass angefangene Bilder, die im Kinderzimmer rumliegen, nachts zum Leben erwachen? Der dicke Farbstift Rosa und der spindelige Bleistift nutzen die Gelegenheit während Irma schläft, die Geschichte auf ihre Art weiterzuerzählen. Von ANDREA WANNER

Zwei Buntstifte fahren in einem blauen Auto durch eine offene LandschaftAuf dem Blatt Papier sind zwei Bäume zu erkennen, einer rechts, einer linke. Dazwischen steckt ein blauer Rennwagen, in dem aber niemand sitzt. Zunächst mal wundern sich die beiden, dass an diesem Nachmittag vor allem Frau Braun und Herr Blau in Aktion traten. »Und ich war den ganzen Tag arbeitslos«, jammert Rosa. Vor allem aber sind Rosa und Bleistift neugierig, ob das Auto überhaupt fahren kann. Kurzerhand hüpfen sie direkt ins Bild – naja, Bleistift ist eigentlich dagegen, aber die unternehmungslustig Rosa setzt sich durch. Und schon sind sie unterwegs zu einem unglaublichen Abenteuer, müssen Abgründe überwinden, demolieren das Auto – und treffen schließlich in einem kleinen Haus auf ein schlafendes Mädchen. Und das ist niemand anderes als Irma, die ein ganz eigenes Problem hat: Sie hat Angst vor dem schrecklichen Etwas.

Traum und Realität fließen in der Geschichte von Jens Rassmus nahtlos ineinander. Es lässt sich nicht sagen, wo die Grenzen sind, weder im Text noch in den expressiven Zeichnungen, wo sich die beiden Stifte so richtig austoben dürfen. Anfangs noch ein bisschen zögerlich und mit der Angst vor dem Radiergummi im Nacken, düsen sie schon bald durch eine magische Fantasiewelt, die fantastische und rätselhafte Dinge zeigt. Hindernisse werden durch energische Striche überwunden oder aus der Welt geschafft.

2011 ist das Bilderbuch erstmals – mit anderem Cover – erschienen. Carla und Knut, die Kinder von Jens Rassmus, haben daran mitgewirkt. Tatsächlich sind die unbefangenen und frischen Kinderillustrationen perfekt in die Bilder integriert, schaffen eine besondere Dynamik – und weisen auch auf eine sich auflösende Grenze hin, die zwischen Professionalität und dem kreativen kindlichen Tun.

Anhören kann man sich das verwegene Unternehmen auch h: im Buch gibt es einen QR-Code, mit dem man zum Hörbuch gelangt, das Jens Rassmus höchstpersönlich eingelesen hat.

Rassmus ist ein Meister seines Fachs. Allein der Hinweis auf das Haus, das die beiden Freunde entdecken auf der Suche nach jemandem, der ihnen bei der Reparatur des Autos hilft, ist genial: »Aus dem Schornstein steigt Rauch auf«, sagt Rosa. Da landen wir bei Bert Brecht und seinem Gedicht »Der Rauch«, wo das Bedürfnis, das Bild »Das kleine Haus unter Bäumen am See« durch den Schornstein mit dem Qualm zu komplementieren und damit zu zeigen: Hier wohnt jemand, hierhin kann ich wenden, hier wird mir geholfen. So wie das auch Rosa und Bleistift erleben und im Gegenzug Irma. Um am Ende ist sogar der grummelige Radiergummi glücklich.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Jens Rassmus: Rosa und Bleistift unterwegs im Land der Bilder
Wien: Edition Nilpferd
2. überarbeitete Auflage 2025
40 Seiten, 18 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
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