//

Eldin

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Eldin

›Neuzeit‹. Er könnte sich aufregen. Welch eingebildetes Pack. Oder ›Moderne‹. So nannten sie sich auch. Er wußte das von Gramner. Nicht daß es ihn sonderlich interessiert hätte, aber es war immer gut, jemanden wie Gramner an Bord zu haben, zumindest konnte es nicht schaden, denn Walfang war harte Arbeit, die Mannschaft war unterhalten.

Er faßte sich an die Schulter, sie schmerzte gelegentlich bei einer unbedachten Bewegung, mit einer Schulter ist nicht zu spaßen. Zwei Tage, höchstens drei, hoffte er, dann wäre er einsatzbereit.

Eine moderne Stadt voller Wolkenkratzer. EIne Walfluke taucht in die Stadt ein und löst sich in viele Pixel auf.

Oder Termoth von der ›Marin‹ oder Sut. Scammon konnte sich glücklich schätzen. Nicht ein einziger Mann lief aus dem Ruder. Die Geschichte mit dem Bootswächter, gut, eine Ausnahme. Möglich daß er in diesem Fall zu harsch aufgetreten war, er war nun einmal impulsiv, das wußte er, cholerisch, aber eine Mannschaft braucht Orientierung, keine Frage.

Die Ojo de Liebre war unvergleichlich. Welche Stille! Das wäre ihm nicht aufgefallen, nie im Leben, wenn die Verletzungen nicht einige Tage Pause erzwungen hätten. Sogar der Teufelsfisch fügte sich zu einem Teil des Idylls, unvergleichlich, seine Fluke ein Kunstwerk der Schöpfung.

Er lachte. ›Neue Zeit‹? ›Moderne‹? Beschrieb das vielleicht den gierigen Eifer, die Lagunen im großen Maßstab für die Salzgewinnung umzugestalten? Ausgehendes zwanzigstes Jahrhundert, Mitsubishi war zu neunundvierzig Prozent Miteigentümer der ESSA, das Veto des mexikanischen Staates hatte diesen Eingriff begrenzt, aber nicht die industrielle Expansion verhindert.

Wie nennt er sich? Homo sapiens? Und echauffiert sich über Schwule, diskriminiert sie, grenzt sie aus, entlädt seinen Haß auf Randgruppen? Nein, er wüßte nicht, wer von seinen Männern homosexuelle Neigungen hätte. Das kam wohl vor, doch es interessierte ihn nicht, war nicht der Rede wert, wer wollte schlafende Hunde wecken. Er war zufrieden mit der Mannschaft, sie tat ihre Arbeit, sie war zuverlässig und korrigierte Fehler oder Nachlässigkeiten, ohne daß daraus Probleme entstanden. Was wollte er denn mehr?

Zweierbeziehungen? Alle Zweierbeziehungen haben ähnliche Konflikte, das wäre ein Thema für sich, ein schwieriges Thema, das er für sich mit Annabelle geregelt hatte, sie hatte einige Jahre in der Barbary Row gearbeitet, das wurde hier an anderer Stelle erwähnt, Annabelle war eine selbstbewußte, begehrenswerte  Frau. Eldin besuchte sie mehrere Male im Jahr in der Walstation und fühlte sich nicht unglücklich damit, man muß die Dinge nehmen, wie sie sind, das Thema stellt sich für homosexuelle Paare nicht anders. Nein, er verstand nicht, weshalb sich eine sogenannte Moderne darüber aufregen konnte, da wäre Wichtigeres zu tun, vermutlich wolle man  von aufkommenden Problemen ablenken, eine Übung aus dem Standardrepertoire der Politik.

Eine irrsinnige Zeit, diese ›Moderne‹, nach allem was er darüber erfahren hatte. Die Ausrottung des Wals konnte zwar kurzzeitig gebremst werden, aber die Industrialisierung verbrauchte die natürlichen Ressourcen und richtete das Leben auf dem Planeten zugrunde, der Homo sapiens leistete gründliche Arbeit, zuverlässig, desaströs, seine Zeit war abgelaufen. Nein, er hätte nicht dabei sein mögen, doch in der Ojo de Liebre hielte er es aus, von der Stadt zeitlich wie räumlich weit entfernt.

Diese ›Moderne‹ setzte ja gerade eben ein, in der Stadt herrschten schlimme Zustände, der Goldrausch spukte in den Köpfen herum, zahlreiches Volk kam aus aller Herren Länder, zurückgelassene Windjammer lagen im Hafen, Vigilantenkomitees drängten an die Macht, indigene Ureinwohner und aus den Südstaaten geflohene Sklaven wurden verfolgt, die Eisenbahnlinie von Osten her wurde fertig, nein, schlimme Zustände, die Stadt war kein angenehmer Aufenthalt, und die Zustände würden nicht besser werden, keineswegs, irgendwann würde das Silicon Valley die kommunikativen Abläufe digitalisieren, würde das Maschinenwesen ein für allemal seine totalitäre Herrschaft etablieren, exakt, so und nicht anders, er habe das von Gramner und Sut, und er wolle sich das gar nicht erst ausmalen, und der wie immer neunmalklug auftretende Homo sapiens, als ein rechter Klugscheißer, bezeichnete das schamlos als Evolution, nein, er wolle all das gar nicht wissen, er war froh mit Scammons Mannschaft weit ab vom Schuß, diese erzwungenen Tage des Nichtstuns in der Ojo de Liebre waren ein Geschenk des Himmels.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Shitbuch

Nächster Artikel

Schluss mit Konventionen!

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Ein X oder ein U

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ein X oder ein U

Wenn nichts sonst, sagte Gramner, so müsse man doch das Ausmaß an Selbsttäuschung schätzen, zu dem der Mensch fähig sei.

Ein Scherz, sagte der Ausguck und lachte lauthals, er war guter Stimmung und hatte Lust, einen Salto zu schlagen.

Harmat blickte verständnislos.

Interessant, sagte LaBelle, beugte sich über die Reling und blickte hinaus auf die Lagune und die Einöde, die sie umgab und sich bis zum Horizont erstreckte, ein trostloser Ort.

Touste hielt die Augen geschlossen und träumte.

Ohnmacht

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ohnmacht

Sie können sich das nicht erklären, sagte Farb, nein, sie waschen die Hände in Unschuld.

Von wo er komme, fragte Annika.

Exakt, sagte Farb, woher er komme, der Haß, so unerwartet, das frage man sich, so heftig, wer solle das verstehen, es handle sich um einen grundlegenden Klimawandel im sozialen Leben, wie könne das sein, Rettungsdienste würden angegriffen, Feuerwehren in der Arbeit behindert.

Integration

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Integration

Er hat sich sehr aufgeregt, sagte Farb, du hättest ihn erleben sollen.

Tilman nickte.

Annika schlug ihre Reisezeitschrift zu und legte sie beiseite.

Cheyne Beach liegt an der südwestlichen Ecke Australiens, nicht weit von Albany, sagte Tilman, fünfundsechzig Kilometer westlich, und wurde zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts Stützpunkt der Walfänger, dort vor der Küste wurde immer schon dem Wal nachgesetzt, anderthalb Jahrhunderte lang war es eine einträgliche Industrie, und Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde dort eine Station zur Verwertung der Walkadaver eingerichtet, die Cheyne Beach Whaling Company, die allerdings nicht besonders ertragreich war.

Annika lächelte. Das, sagte sie, war schon die Folge der ersten Jahre der weltweiten Proteste gegen den Walfang.

Die Proteste waren höchst wirksam, sagte Tilman, der Einsatz war allerdings lebensgefährlich, den Walfangbooten wurde mit wendigen Schlauchbooten in die Parade gefahren, so daß eine geordnete Jagd kaum möglich war, die Fangquoten gingen zurück, und im November 1978, alles gut, wurde die Walstation aufgelöst.

Einen Geist sehen wollen

Kurzprosa | Marie Pohl: Geisterreise

Marie Pohls Roman Geisterreise – eine Weltreise ins Ungewisse. Von PETER MOHR

Macher

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Macher

Der Mensch ist ein Macher, verstehst du, sagte Farb, packen wir’s an, verstehst du, der Russe, der Bomben wirft, ist da nur eine Spitze des Eisbergs, ein Macher in Reinkultur, er hat etwas vor und führt es bedenkenlos aus, und der Ukrainer, der steht ihm in nichts nach, Männer, sie zündeln, wie soll das enden.

Tilman lächelte. Romane ließen sich schreiben, sagte er, über diese Kultur der Macher, trial and error, hieß es vor Jahren noch herablassend und rief in Erinnerung, daß jedes Tun wohlüberlegt sein müsse.

Auch sorgfältig geplantes Handeln könne sich als Fehler erweisen, wandte Annika ein.