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Eldin

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Eldin

Keineswegs, nein, Eldin machte sich keinen Kopf deswegen, weshalb auch, sein Leben war geordnet, er war der Erste Maat auf Scammons Boston, die schmerzende Schulter mochte ärgerlich sein, doch sie schuf keine neuen Fakten, er hatte sich sogar, wer hätte das geahnt, an die Abende mit der Mannschaft gewöhnt, saß jedesmal schweigend da, legte ab und zu einen Scheit Holz ins Feuer, gab sich unbeteiligt, und die Mannschaft gewöhnte sich an seine Anwesenheit.

Scammon hockte in seiner Kajüte, brütete über seinen Aufzeichnungen und kümmerte sich selten um das Tagesgeschäft.

WalfangSie hatten, wie es schien, alle Zeit der Welt, die Ojo de Liebre war ein Idyll, der Alltag in der Stadt dagegen war lebensgefährlich, und dennoch, das Nichtstun setzte ihnen zu, gut eine Woche war es her, daß sie sich Verletzungen zugezogen hatten, die meisten waren ausgeheilt, und nun, Eldin nahm es aufmerksam wahr, begannen die ersten, die Tage zu zählen.

London hatte es angesprochen, der Harpunier müsse ausgetauscht werden, das war auf Eldin gemünzt, ihren ersten Mann an der Harpune, ein heikles Thema, und Eldin schwieg noch, als sie am Strand beisammen saßen, er legte einen Scheit Holz ins Feuer, der Ausguck schlug wie üblich seinen Salto, Crockeye war gereizt, Streit lag in der Luft, viele der Männer waren nicht darauf aus, hier ihre Zeit zu vertrödeln, sie wurden zu Hause erwartet, hatten ihre Verpflichtungen, der Alltag war an keinem Ort der Welt dazu geschaffen, ihn in idyllischer Abgeschiedenheit zu genießen, weshalb, nicht einmal der Ausguck und Thimbleman waren dafür, weitere Tage stillzuhalten, denn alle anderen waren wieder einsatzfähig, nur Eldins Schulter blieb störrisch.

Im übrigen waren sie längst wieder heiß darauf, dem Wal einen Kampf bis aufs Messer zu liefern, einen Kampf um Leben und Tod, in dem sie nicht ohne Blessuren blieben, manchmal entkam ihnen die Beute, doch zumeist war der Jubel groß.

Gewiß, es war unübersehbar, daß all das Eldin zu denken gab, ihm war unbehaglich zumute, und er nahm die zweifelnden Blicke der Männer wahr, keine Frage, sie wurden ungeduldig.

Ein unbeschwertes Gespräch ergab sich an diesem Abend naturgemäß nicht, nein, und es fiel auf, daß einige gar nicht erschienen waren, Gramner war nicht da, Pirelli fehlte, das konnte auch Eldin nicht kalt lassen, der Zusammenhalt einer Mannschaft ist ein hoher Wert – wenn er sich denn ergibt, und auf der Boston war er unübersehbar – und eine wichtige Grundlage für ihren Erfolg.

Eldin schwieg beharrlich.

Er ziere sich, glaubte Crockeye.

Mahorner hielt sich raus.

London wollte sich nicht noch einmal die Finger verbrennen.

Nicht einmal das Feuer schien an diesem Abend mittun zu wollen, Eldin mußte einen Scheit Holz nachlegen, und Mahorner stocherte verbissen in der Glut, bis die Flammen hoch aufflackerten, so hoch, daß einige Männer erschrocken zurückwichen, die Atmosphäre war angespannt.

Der Ausguck stand auf, tat einige Schritte und löste sich in der Dunkelheit auf, es blieb still, man hörte ihn einen Salto schlagen.

Crockeye drehte sich ein wenig seitwärts, was hatte er vor, er streckte ein Bein aus und wartete.

Bildoon sah ihm zu und dachte sich nichts dabei, weshalb sollte er, erschrak aber und ahnte die Absicht, als er den Ausguck zurückkommen hörte, doch nun geschah alles zu schnell, als daß er den Ausguck noch hätte warnen können, der aus der Dunkelheit auftauchte, prompt stolperte, Crockeye hatte das Bein noch leicht angehoben, und der Länge nach hinfiel, was nicht ungefährlich war, weil es so dicht am Feuer geschah.

Crockeye lachte lauthals über das vermeintliche Ungeschick, der Ausguck stand auf und warf ihm einen bösen Blick zu, was sollte er auch tun, die Stimmung war angespannt.

Eldin räusperte sich vernehmlich, Crockeye erschrak und setzte sich wieder aufrecht.

Thimbleman stocherte entrüstet in der Glut.

London gab sich ahnungslos.

LaBelle war irritiert.

Touste schlug einige Akkorde auf seiner Gitarre an.

Was mochte in Eldin vorgehen? Fürchtete er um die Disziplin in der Mannschaft? Und nein, er dachte nicht daran, sich einzumischen, doch der Zwist war ein Warnsignal, es war höchste Zeit, dem Nichtstun ein Ende zu bereiten, da gab es nichts zu deuteln, ein Vorfall wie dieser durfte nicht ignoriert werden.

Letzten Endes führte, so schwer es ihm fiele, nichts daran vorbei, die Jagd auf den Wal erneut aufzunehmen, am nächsten Tag schon, und das hieße für ihn, seinen Platz an der Harpune abzutreten, an Gramner oder an Mahorner, wenn es auch lediglich für einige Tage wäre, seine Schulter war einfach noch nicht hinreichend bei Kräften, sei’s drum, ihm bräche deshalb kein Zacken aus der Krone, weiß Gott nicht.

| WOLF SENFF

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