Erst schalten, dann walten!

Literaturkalender 2016

Was wird wohl 2016 für uns bereithalten: glückliche Augenblicke und köstliche Momente, ereignisreiche Wochen und wechselnde Jahreszeiten. Vielleicht sogar lange Ferien? Auf jeden Fall einen geschenkten Schalttag obendrauf. Kalender für das nächste Jahr laden jetzt schon zur Vorfreude und zum Pläneschmieden ein – am besten häppchenweise garniert mit Literatur. Von INGEBORG JAISER

frauenkalender2016Was wäre der Lauf der Zeit ohne Feste, Jubiläen, Jahrestage? Vor einem Vierteljahrhundert hat die Germanistin und Literaturwissenschaftlerin Brigitte Ebersbach ihren Verlag mit dem Schwerpunkt »Literatur von und über außergewöhnliche Frauen« gegründet. Passgenau zum Verlagsjubiläum erscheint der sehens- und lesenswerte Kalender ›Die wilden 20er Jahre‹ mit beschwingten zeitgenössischen Fotografien und literarischen Zitaten von Irmgard Keun und Erika Mann, Sylvia Beach und Djuna Barnes, aber auch Gottfried Benn, Stefan Zweig und Franz Hessel.

Wir lernen exaltierte Tänzerinnen, abenteuerlustige Autofahrerinnen und begabte Fotografinnen kennen, vor allem jedoch eine wilde, pulsierende Epoche – festgehalten in einem liebevoll gestalteten Wochenkalender mit wechselnder Typographie und farblichen Hintergründen.

Erfüllte Träume, wohlige Wonnen

archeMagische Sekunden, blinder Freudentaumel, Momente tiefen Genusses setzt der ›Arche Literaturkalender‹ mit dem Untertitel Der glückliche Augenblick in Szene und lässt dabei zahlreiche internationale Autoren zu Wort kommen. Wieder einmal haben die Herausgeberinnen erfolgreich in Briefen, Tagebüchern, (Auto-)Biographien und literarischen Werken gestöbert und eine beachtliche Ausbeute an Glücksmomenten zutage gefördert. Robert Walser lässt sich über den Genuss einer Winterwanderung aus. Virginia Woolf träumt sich am Mittelmeer in ein neues freudvolles Leben. Der frisch vermählte Sinclair Lewis blickt auf leidenschaftliche Flitterwochen. Ingeborg Bachmann blüht unter der Zuwendung Paul Celans auf. Und Jack London frönt als kleiner Junge ganz selbstvergessen der Leidenschaft des Lesens.

Einzigartig verbindet dieser Klassiker der Literaturkalender eine Fülle hervorragend aufgearbeiteter Informationen mit kreativem, immer wieder überraschendem Layout. Die auf dem jeweiligen Blatt vorgestellte Person ist in der entsprechenden Kalenderwoche entweder geboren oder gestorben. Wer über die literarischen Appetithappen Lust auf mehr bekommen hat, erfährt im Anhang in kurzen, aufschlussreichen Biobibliographien Wissenswertes über die glücklichen Autoren und Autorinnen.

Aus Schneegestäub´ und Nebelqualm

bodenseeGanz sicher gehört der Bodensee zu den Sehnsuchtsorten der Glückssuchenden – und mancher Schriftsteller hat hier Anregungen, Eindrücke und eine zweite Heimat gefunden: Man denke nur an Annette von Droste-Hülshoff oder Hermann Hesse. Noch als Newcomer kann man den ›Bodensee Literaturkalender 2016‹ bezeichnen. Er vereint fotografische Impressionen quer durch die Jahreszeiten mit literarischen Zitaten von bekannten und eher unbekannten Autoren, die mit der Region verbunden sind und sie in ihren Werken gewürdigt haben.

Im Juni blickt Golo Mann aus dem Schweizer Exil quer über den See, auf die »hochverbotene Heimat mit einem Gefühl von Sehnsucht, Zorn und Staunen«. Im September schwärmt Carl Sternheim unter einer Konstanzer Ansicht: »Es gab Beleuchtungen, Nähen und Fernen, die ans Herz griffen.« Und im November konstatiert Paul-Ferdinand Schmidt trocken: »Mit den Bodenseedampfern verhält es sich nicht anders als mit der Eisenbahn: Man fährt im Abstand von Zeit und Raum am Eigentlichen vorüber…« Sämtliche Fotografien stammen von Jakob Maria Soedher (das Pseudonym eines Mehrfachtalentes), der auch einige stimmungsvolle Texte mit Lokalkolorit beigetragen hat.

Noch ist die Zeit der blauen Bäume

UntitledAls literarischer, visueller und haptischer Genuss präsentiert sich Harenbergs literarischer Gartenkalender, der 2016 unter dem Motto ›So grün, so still, so friedlich‹ erscheint (diese Zeile stammt übrigens aus einem humorvollen Wilhelm-Busch-Gedicht). Nuancenreich zeigt sich das zitierte Grün neben zarten Fliedertönen, sattem Orange, müdem Petrol und lichtem Himmelblau auf 53 festen, mattierten Kalenderblättern.

Schriftsteller, Philosophen und Künstler lassen Gedanken und Gedichte sprießen, steuern Aphorismen und Briefzeilen, Romanauszüge und Zitate bei. Kleine meditative Besinnungsmomente sind dies: ein Eichendorff-Gedicht unter den ersten Schneeglöckchen im Januar, ein tiefviolett grundierter Gedanke des Malers Matisse im August. Farbenpracht und Literaturgenuss gehen hier eine überaus gelungene Symbiose ein, wobei auf Quellenhinweise oder biographische Notizen zu den Autoren gänzlich verzichtet wurde. Wem hat wohl Elizabeth von Arnim diese Offenbarung anvertraut: »Hätte Eva im Paradies einen Spaten gehabt und etwas damit anfangen können, hätten wir nicht diese ganze traurige Geschichte mit dem Apfel.«

Kalligrafierter Gedichtekalender

Der-Gedichtekalender-2016In petrolgrüner Variation kommt auch ›Der Gedichtekalender 2016‹ daher. Längst hatte sein berühmter Vorgänger – der handgeschriebene und faksimilierte ›Wetzstein Gedichtekalender‹ – eine beachtliche Anhängerschaft erlangt, als nach dem frühen Tod seines Schöpfers Thomas Bader unversehens ein abruptes Ende drohte. Doch nun führt der Verleger Hubert Klöpfer selbst beherzt die Tradition des Kalligrafierens fort. Dessen neue, noch unbekannte Handschrift überrascht mit steilen Ober- und Unterlängen, mit verharrenden Leerstellen und lichtem Duktus.

Die von Klöpfer ausgewählten Gedichte folgen herrlich poetisch dem Jahreslauf und stammen (mit wenigen Ausnahmen) überwiegend von Autoren seines Verlages: von Karl Corino über Susanne Stephan bis Helmut Zwanger. Johann Peter Hebel intoniert ein ›Neujahrslied‹, Tina Stroheker räkelt sich hochsommerlich ›In der Sonne‹ und Walle Sawyer sinniert im September ›Beim Äpfelbrechen‹. Die gewohnt auserlesene Ausstattung macht diesen hochformatigen Kalender zur schmuckvollen, aber zugleich zurückhaltenden Zierde jeden Raumes.

Es muss nicht immer Kaviar sein

2016_kueche_01Wie viel appetitanregende Zutaten passen auf ein Kalenderblatt? Der ›Arche Küchen Kalender 2016‹ vereint Rezepte und Romanausschnitte, klassische Abbildungen und Autorenlebensläufe, Fotografien und feinschmeckerische Fachsimpelei – und vermengt sie zu einer sinnlichen Melange. Nun schon seit 10 Jahren schmökert sich die Herausgeberin Sybil Gräfin Schönfeldt durch die Weltliteratur und fördert kulinarische Passagen zutage, die sie liebenswürdig aufbereitet und mit selbst ausprobierten Rezepten krönt. Als Besonderheit befindet sich das Kalendarium nicht am unteren, sondern am rechten Rand und lässt tatsächlich noch Platz für kurze Notizen.

Doch auf jedem der 60 Kalenderblätter stellt sich erneut das Dilemma: soll man zuerst den literarischen oder den kulinarischen Anregungen folgen, zuerst (vor)lesen oder (nach)kochen? Meine persönlichen Favoriten sind: ein russischer Salat, den Elisabeth de Waal Donnerstags bei Kanakis auftragen lässt, sowie die rezenten Kässpatzen, die das Autoren-Duo Klüpfel/Kobr ihrem Kommissar Kluftinger als Leibspeise andichten. Zum Dessert gibt´s die süßen Topfengolatschen aus dem letzten Roman des österreichischen Schriftstellers Constantin Göttfert.

| INGEBORG JAISER

Kalender:
Die wilden 20er Jahre: Der literarische Frauenkalender 2016
Berlin: ebersbach & simon, 2015. 22,00 €

Arche Literatur Kalender 2016: Glückliche Augenblicke
Zürich, Hamburg: Arche Kalender Verlag, 2015. 22,00 €

Bodensee Literaturkalender 2016
Augsburg: edition hochfeld, 2015. 19,95 €

So grün, so still, so friedlich 2016: Literarischer Gartenkalender
Unterhaching: Harenberg, 2015. 17,99 €

Der Gedichtekalender 2016
Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2015. 22,00 €

Arche Küchen Kalender 2016: Literatur & Küche
Zürich, Hamburg: Arche Kalender Verlag, 2015. 22,00 €

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Er hat sich sehr aufgeregt, sagte Farb, du hättest ihn erleben sollen.

Tilman nickte.

Annika schlug ihre Reisezeitschrift zu und legte sie beiseite.

Cheyne Beach liegt an der südwestlichen Ecke Australiens, nicht weit von Albany, sagte Tilman, fünfundsechzig Kilometer westlich, und wurde zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts Stützpunkt der Walfänger, dort vor der Küste wurde immer schon dem Wal nachgesetzt, anderthalb Jahrhunderte lang war es eine einträgliche Industrie, und Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde dort eine Station zur Verwertung der Walkadaver eingerichtet, die Cheyne Beach Whaling Company, die allerdings nicht besonders ertragreich war.

Annika lächelte. Das, sagte sie, war schon die Folge der ersten Jahre der weltweiten Proteste gegen den Walfang.

Die Proteste waren höchst wirksam, sagte Tilman, der Einsatz war allerdings lebensgefährlich, den Walfangbooten wurde mit wendigen Schlauchbooten in die Parade gefahren, so daß eine geordnete Jagd kaum möglich war, die Fangquoten gingen zurück, und im November 1978, alles gut, wurde die Walstation aufgelöst.

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