/

Der alte Mann, der sein Leben bei sich trug

TITEL-Textfeld | Verena Stegemann: Der alte Mann, der sein Leben bei sich trug

Jeder kannte ihn, er war der alte Mann mit der schwarzen Tasche. Er trug sie immer bei sich und sie spekulierten, ob er sein gesamtes Geld darin trüge, seine Kriegstagebücher oder nur ein paar vergilbte Fotos. Manch einer vermutete einfach die gewisse lebensrettende Flasche Schnaps.

Abb: Michal SpisakAber niemand wagte es, zu fragen, zu intim schien diese Frage und man fühlte eine tiefe bürgerliche Scham vor dieser zu offensichtlich zur Schau gestellten Neugier. Der Mann saß auf einer Bank in der Sonne, blickte über das offene Meer und hielt seine Tasche im Arm, wie andere ihre Frau im Arm halten, oder vielleicht auch ihren Hund. Er war nicht verrückt, nein, darüber war man sich einig, denn er redete nicht mit sich selbst und zwinkerte nicht mit einem Auge, oder machte sonstige verrückte Anstalten. Wenn einer verrückt ist, dann redet er mit sich selbst und schneidet Grimassen und zuckt mit dem Auge. Aber der Mann mit der Tasche war ein normaler Mann, nur seine Tasche, die er immer mit sich trug, war ein Gesprächsthema nach der Messe am Sonntag, und halbseidenes Getuschel wert wenn man ihn traf, und er dabei nur stumm lächelte und nickte. Fast war sie ein Ärgernis.

Einmal hatten die jungen Kerle versucht, ihn auf einem Fest, bei dem er abseits auf einer Bank saß, betrunken zu machen. Betrunken und schläfrig. Im Koma des Alkohols hatten sie versuchen wollen, seine Tasche, von ihm unbemerkt, zu öffnen und das Geheimnis ihres Inhalts ein für allemal zu lüften. Aber er hatte ein Nachschenken dankend abgelehnt. Man konnte nichts tun.

Eigentlich war es ja keine große Sache: Jemand trug eine Tasche, und trug sie überallhin mit, und öffnete sie nicht vor anderen. Eigentlich war das erlaubt. Nicht strafbar. Es gab keine Anzeichen für eine Straftat.

Aber niemand sonst trug so eine schwarze Tasche mit sich herum und öffnete sie nicht. Und wenn niemand sonst es tat, dann musste es falsch sein, unmoralisch, im schlimmsten Fall sogar kriminell. Und so rang sich doch endlich jemand dazu durch, die Polizei zu rufen und den Namen des alten Mannes zu nennen, seinen eigenen aber nicht. Und die Adresse des altes Mannes zu melden und zu bekunden, dass die Frauen große Angst um ihre Kinder, die auf der Straße spielten, hätten, Kinder, die der Mann anstarre und dabei drohend die Augen zusammenkneife. Man lebe in Angst, dass er eines Tages um sich schießen könne, einmal, irgendwann.

Die Polizeistreife hielt vor seinem Haus, er kam gerade wieder, sie trugen kugelsichere Westen und warnten ihn schon von Weitem, die Hände an den Hinterkopf zu nehmen. Er tat, wie ihm befohlen, und nahm seine linke Hand von der Tasche und faltete sie hinter seinen Kopf. Er ging langsam, wie ihm bedeutet, und doch rutschte der Gurt der Tasche bei jedem Schritt und drohte, von seiner Schulter zu gleiten. Er blieb stehen und wollte den Gurt richten, und nahm seine Hände vom Kopf.

Die Kugel streifte seinen Oberarm und seine Hände sanken zu Boden, die Tasche fiel, er nickte stumm und hielt sich die klaffende, blutende Wunde und sah sie an, mit großen Augen, mit weitem Blick, und sank dann zu Boden.

Sie legten ihm Handschellen an, dann riefen sie einen Arzt, dann empfahlen sie ihm einen Anwalt, aber er lehnte ab, und dann sagten sie, sie müssten seine Tasche konfiszieren, es gäbe begründete Annahme zu einer Gefährdung der Öffentlichkeit, eventuell zu einer geplanten Straftat. Er sah sie an, mit großen, weiten Augen und nickte stumm und hielt sich die Wunde am Arm. Sie baten ihn, zu warten und dann verließen sie den Raum, zogen Handschuhe an und legten die schwarze Tasche auf einen Metalltisch und zogen das Oberlicht tief zu sich hinunter. Dann öffnete einer den Verschluss und man klappte das schwarze Leder auf. Mit spitzen Fingern öffnete man Innenfach für Innenfach, zog die Reißverschlüsse auf, durchkämmte die Stofftaschen mit der Handfläche. Nichts.

Man schnitt die Nähte auf und untersuchte auf Zwischennähte und doppelten Boden. Aber die Tasche war leer. Nichts. Sie sahen sich an, und überspielten die Beschämung, und der Funke Anstand in jedem wich sofort der erleichterten Rechtfertigung über die Wichtigkeit, jedem Hinweis nachgehen zu müssen. Es hätte auch anders ausgehen können. Man hätte auch ein Blutbad verhindern können. Fast hätte man ein Blutbad verhindert!

Sie sprachen den alten Mann frei und sagten, man bedauere, aber das Gesetz schütze die Bürger und man hätte, dem ernsthaften, anonymen Hinweis folgend, jegliche Gefährdung ausschließen müssen. Sie gaben ihm die zerschnittenen Reste seiner Tasche in einer Plastiktüte zurück. Einen Kompressionsverband. Der alte Mann weinte, und drückte die Tüte und Päckchen an sich und nickte und verließ das Kommissariat und ging los und setzte sich irgendwo am Wasser auf jene Bank, die alle Meere und jeden Abgrund überblickt.

| VERENA STEGEMANN
| Abb: MICHAL SPISAK

Lesetipp
Verena Stegemann: Leandra-Lou Runway. Catwalk. Holzweg.
Mit Illustrationen von Orlando Hoetzel
Mannheim: Kunstanstifter Verlag 2013
100 Seiten, 22,50 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Leandra-Lou

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ghostvillains and Love Songs: New Album Reviews

Nächster Artikel

Ein Maß für die Zeit

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Hui-neng

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Hui-neng

Diese Dinge liegen uns fern, sagte Termoth, das Reden vom Sechsten Patriarchen klinge wie eine Erzählung aus einer stillstehenden Zeit, habe nicht Gramner ihn kürzlich erwähnt.

Als ob es das gäbe, sagte Harmat, eine stillstehende Zeit.

Kaum zu glauben, sagte Thimbleman.

Auch hier in der Ojo de Liebre, versicherte dagegen Bildoon, stehe die Zeit still

Der Meister des Film noir

Kurzprosa | Christoph Haas: Eine Nacht im Juli, eine Nacht im Dezember

In den kurzen Geschichten scheint ein romantischer Grundton mitzuschwingen, eine Sehnsucht, der Blick auf etwas Vertrautes – eine erste Stimmung, die jedoch nach wenigen Zeilen bereits wieder durchbrochen wird. Der kleine Band mit Erzählungen von Christoph Haas Eine Nacht im Juli, eine Nacht im Dezember sammelt alltägliche Szenen, die es in sich haben. Nichts Dramatisches und Extravagantes, aber dennoch gibt es kleine Unregelmäßigkeiten in der scheinbaren Normalität. Ein bemerkenswertes Debüt findet HUBERT HOLZMANN

Umblättern bitte!

Literatur | Literaturkalender 2019 Kalender sind uns Taktgeber und Maßband, Lebensplaner und Orientierungshilfe übers ganze Jahr hinweg. Garniert mit literarischen Appetithappen versüßen sie so manchen Tag, bieten neue Anregungen und überraschende Entdeckungen. Als Geschenk entfalten sie sogar eine ungeahnte Langzeitwirkung. INGEBORG JAISER stellt eine kleine Auswahl von lesens- und beachtenswerten Wegbegleitern vor. PDF erstellen

Moral

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Moral Der Planet ist im Begriff, dem Menschen die Gastfreundschaft aufzukündigen. Er beträgt sich nicht wie ein Gast, oder? Das wird niemand bestreiten, Tilman. PDF erstellen

Kosten & Nutzen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kosten & Nutzen

Eine der größten Ölpipelines in den USA wurde das Ziel eines Hackerangriffs. Der Betrieb der knapp neuntausend Kilometer langen Pipeline zwischen Texas und New York habe im Mai vorübergehend eingestellt werden müssen, teilte Colonial Pipeline mit, was zu erheblicher Versorgungsknappheit geführt habe, und konnte, wie es heißt, erst nach Zahlung von fünf Millionen Dollar Lösegeld wieder aufgenommen werden.