Ein Maß für die Zeit

Kinderbuch | Sigrid Eyb-Green: Die Sonnenschaukel

Vier Zwerginnen sind jedes Jahr zu Gast im Garten. Eine besondere Begegnung mit Frau Morgenzwerg, der grünen Frau, Frau Westen und Frau Knochenbein. ANDREA WANNER folgte ihren Spuren.

Die Jahreszeiten unterteilen das Jahr in verschiedene Perioden, in unseren Breiten sind das Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Wir kennen die charakteristischen Eigenschaften, haben sie in Bildern und Liedern von klein auf gehört und gesehen: Der Frühling bringt Blumen, der Sommer den Klee, der Herbst, der bringt Trauben, der Winter den Schnee. Ihre klassische Darstellung prägt Bilderbücher, das Jahr wird geviertelt, in meteorologisch deutlich voneinander unterscheidbare Jahresabschnitte geteilt, das Symmetrische dominiert. Als könne damit eine Welt im Gleichgewicht gehalten werden.

Sigrid Eyb Green Die SonnenschaukelAll das wirft Sigrid Eyb-Green fast komplett über Bord, nähert sich poetisch und ungewöhnlich den Jahreszeiten in Form von vier Zwerginnen, die als fast unsichtbare Wolkengestalten Einzug halten, fröhlich begrüßt von Schattenscheck, einem munteren kleinen Hund, der nur auf der Titelei zu entdecken ist. Und nachdem sie sich gemeinsam vorgestellt haben – die erste mit Wolkenlocken und einem Schirmchen, die zweite mit einem Ährenkranz auf dem Kopf, die dritte auf einem Einrad und die vierte warm verpackt mit Muff und Schlittschuhen an den winzigen Füßchen – haben sie ihre Einzelauftritte.

Frau Morgenzwerg, immer im Schlafrock, macht den Anfang. Der Hintergrund ist braun wie die Erde zu Beginn des Jahres. Ein paar Schneeglöckchen haben es schon geschafft, zartes Grün auf das Papier zu hauchen. Die leuchtenden Locken und das »Gold im Mund« lassen den Sonnenschein spüren, der neues Leben verspricht. So ist bereits die nächste Seite in fröhlichem Lindgrün gehalten, auf dem die Farben explodieren. Violette Veilchen, gelbe Schlüsselblumen, blaue Leberblümchen und weiße Anemonen, dazwischen tummeln sich Käfer, Hähne, schlingen sich Regenwürmer zu einem Herzchen zusammen. Der Fuchs trägt eine Hasenmaske und der Hase eine Fuchsmaske. Gemeinsam haben sie ein Plätzchen gefunden und prosten sich zu, mit Erdbeerwein und Hollersekt. Was für eine fröhliche Ausgelassenheit. Frühling eben.

Dann übernimmt die grüne Frau das Zepter und es folgen drei Sommerseiten, die sie als Malerin zeigen, die eine wundersame Nachtwelt zeigen, die einer märchenhaften Unterwasserwelt gleichen, und kontrapunktisch zu den detailreichen Szenen eine Doppelseite einem orangeroten Fuchs widmen, der sich im Brombeerbusch niedergelassen hat. Spektakulär der Abschied der grünen Frau auf ihrer vierten Doppelseite. Sie steht auf einem von vier Hügeln, deren Bewuchs ornamental gestaltet ist und schon den Herbst andeutet. Es bläst ein heftiger Wind, der ihr ihr Blätterkleid vom Körper weht. Wie wunderschön auch die Sprache. Gereimt, ohne Naheliegendem zu erliegen: »Den roten Fuchs im Brombeerbusch hat sie besonders lieb. Im Herbst gibt sie ihr Sommerkleid dem Wind, dem alten Dieb.« Auch hier prägen Rhythmusveränderungen, schnelleres Tempo und Verzögern, die Sprache, dominieren ungewohnte, neue Bilder, wird mit Farben, Worten, Neuschöpfungen gespielt. Nichts davon ist abgedroschen, alles öffnet neue Blicke auf Altbekanntes.

So erntet Frau Westen den Hagebuttenstrauch ab, an dem noch ganz andere Dinge wachsen. Wunderliches, noch einmal bunt leuchtend auf dunklem Blau. Dann verlieren sich die Farben, machen monochromen Braun- und Beigetönen Platz. Die Zeit des Erntens ist vorbei. Das Jahr noch nicht und auch die vierte Zwergin, Frau Knochenbein bringt noch Überraschendes und auch ihrem Zauber kann man erliegen.

Das Bild der Sonnenschaukel, die nicht nur im Titel auftaucht, prägt das ungewöhnliche Bilderbuch. Das Schwungholen, das Vor- und Zurück, das Verändern der Perspektive – man spürt es mehr, als es wirklich zu finden. Die Sonne und ihr Gold finden sich als Versprechen in allen Bildern, aber nicht als plakativer leuchtender Stern am Himmel, sondern als golden leuchtendes Auge des Fuchses, als grüngold fliegendes Blatt, als gelbes Gingkoblatt oder saftig-pralle gelbe Birne, als milchiggelbes Schneckenhaus oder in einem grauen Winterweiß gelbe Flügelfedern der Distelfinken – die früher ein Symbol für Ausdauer, Fruchtbarkeit und Beharrlichkeit darstellten.

Eine eigene Welt, die poetisch verdichtet von den Jahreszeiten erzählt. Prachtvoll und leise zugleich, überraschend und noch nur von dem berichtend, was wir vor der Haustüre finden können.

Titelangaben
Sigrid Eyb-Green: Die Sonnenschaukel
Wien: Jungbrunnen 2016
32 Seiten, 14,95 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
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