Die Eroberung der Welt

Roman | Tommy Wieringa: Nirwana

Der 58-jährige niederländische Autor Tommy Wieringa ist im deutschsprachigen Raum noch weitestgehend unbekannt. Das dürfte sich jetzt spätestens nach der Veröffentlichung seines Romans Nirwana ändern. Ein Buch, das als subtiler Familienroman, tiefsinnige Gesellschaftsanalyse und tiefer Blick in die Geschichte daherkommt. Nirvana ist als großes Epos des 20. Jahrhunderts angelegt. In seiner Heimat hatte Wieringa mit der Veröffentlichung von Joe Speedboot 2005 den Durchbruch geschafft. Von PETER MOHR

Die Handlung dreht sich um den 100-jährigen Willem Adema. Der ehemalige SS-Offizier baute nach dem Krieg ein erfolgreiches Offshore-Unternehmen auf. Er hatte sich nie wirklich mit der Nazi-Ideologie identifiziert, wollte in erster Linie die Kommunisten bekämpfen und schloss sich zum Kriegsende dem aktiven Widerstand an. Ein rätselhafter Patriarch mit vielen Geheimnissen. Sein Unternehmen gehört in der Erzählgegenwart seinem Namensvetter und Enkel Willem, dem Zwillingsbruder der Hauptfigur Hugo.

Die Zwillinge könnten unterschiedlicher kaum sein. Willem junior, der Firmenchef, ist ein knallharter Geschäftsmann, der ausschließlich in Bilanzen denkt und fühlt. Dem gegenüber steht der feinsinnige, erfolgreiche Künstler Hugo – ein Außenseiter, aber eine vielseitig interessierte Figur mit Affinität zum Buddhismus, in dem Feuer als reinigendes Prinzip angesehen wird. In Teenagerjahren – so erfahren wir im erzählerischen Rückblick – ist Maler Hugo oft von seinem Zwillingsbruder brutal verprügelt worden.

Der Roman rekonstruiert die Familiengeschichte aus der Perspektive der Gegenwart, wobei Hugo, der sich früh sein Erbe auszahlen ließ, einerseits die Nazi-Vergangenheit seines Großvaters anhand seiner Kunst enthüllt, während andererseits Willem Ademas Vergangenheit anhand von Tagebüchern und Archivdokumenten nach und nach enthüllt wird. Da heißt es, dass der Senior noch immer ein Soldat sei, der »die Eroberung der Welt« anstrebte – nicht mehr mit Waffen, sondern mit seinem international agierenden Unternehmen.

Im gesamten Buch werden Argumente vorgebracht, die zeigen, dass der Protagonist Hugo keine positive Zukunftsperspektive hat. Der Außenseiter als prädestinierter »Looser«. So spricht er beispielsweise von einer »Ära extremen Leidens«, die anbrechen werde. Wieringas Roman spielt mit großer Symbolik. So werden die Zwillingsbrüder Hugo und Willem beispielsweise mit Epimetheus (dem Rückblickenden) und Prometheus (dem Vorblickenden) verglichen.

Die Geschichte, in der auch ein Schriftsteller Tommy Wieringa auftritt, der Hugo animiert, in die Geschichte einzutauchen, basiert teilweise auf dem Leben eines niederländischen Unternehmers, der nach dem Krieg zu einem der reichsten Männer des Landes avancierte Niederlande. Unübersehbar ist Tommy Wieringas Sympathie für Künstler Hugo, den ambitionierten Weltverbesserer, der dem Kapitalismus (auch in seiner Familie) den Kampf angesagt hat.

Wieringa stellt der Geschichte von Feuer und Zerstörung eine herzzerreißende, nahe an den Kitsch reichende, Episode von Mitgefühl und Fürsorge gegenüber. Hugo besucht eine behinderte Tante, die in einem Heim versteckt ist. Einer der vielen dunklen Flecken in der Geschichte der Familie Adema. Nirwana ist ein faszinierender Roman über eine erfolgreiche, gesellschaftlich angesehenen Familie mit mehr oder weniger großen Geheimnissen in der Vergangenheit und ein ambitionierter zeitgenössischer Roman über die zerstörerische Kraft des Kapitalismus. Wieringa verbindet die großen historischen Themen (die Verquickung von Wirtschaft und Faschismus) mit dem Kampf eines Künstlers, der an der gesellschaftlichen Irrelevanz seiner Kunst innerlich zu zerbrechen droht.

Zum Ende des Romans heißt es über Künstler Hugo: »Er hatte weder den Tod noch die Erleuchtung aktiv gesucht, sondern war in seinen letzten Lebensjahren immer länger an seiner Stelle im Wald sitzen geblieben, im Schutz einer breiten Buche, wie der Buddha unter dem Bodhi-Baum.« Tommy Wieringas Roman ist ein trauriges Buch, zeigt es uns doch mit unerbittlicher Schärfe, dass die Guten zumeist die Verlierer sind. Aber Hugo Adema ist ein absolut sympathischer Verlierer.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Tommy Wieringa: Nirwana
Aus dem Niederländischen von Bettina Bach
München: Carl Hanser 2025
474 Seiten. 28 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Was hinter der Schokoladentafel steckt

Nächster Artikel

Sex, Lügen und Machtspiele

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Eine Herausforderung für Sebastian Bergman

Roman | Hjorth & Rosenfeldt: Die Schuld, die man trägt

Sebastian Bergman, Psychologe und, wann immer es brenzlig wird, Unterstützer von Schwedens Reichsmordkommission, hat in seinem Leben schon viel kaputt gemacht: Ehen, Freundschaften sowie berufliche Beziehungen aller Art gehörten dazu. Manches davon ließ sich kitten, anderes nicht. Schuldig hat sich Sebastian dabei aber nur in den wenigsten Fällen gefühlt – zu groß sein Ego, zu wenig empathisch ausgerichtet seine Gefühlswelt. Das sieht der Killer, auf dessen Spuren sich die Reichsmordkommission in Die Schuld, die man trägt, dem achten Sebastian-Bergman-Roman des Autorengespanns Hjorth & Rosenfeldt, begibt, allerdings anders. Und fordert den Psychologen zu einem intellektuellen Wettstreit heraus, in dem er als Opfer Menschen auswählt, denen Sebastian in seiner Vergangenheit Unrecht getan hat. Von DIETMAR JACOBSEN

Fastfood für die Fantasie

Kurzprosa | François Loeb: Zeitweichen. Fast-Read-Romane François Loeb ist ein Relikt. Seine Erscheinung erinnert an die eines klassischen Gentleman, nonchalant, gebildet, beredt. Seinen Ruhestand hat sich der weltmännische Unternehmer, Politiker und Autor wohl verdient und darf ihn seinen Lieblingstätigkeiten widmen – ein beneidenswerter Zustand. Es passt zum Image des Bohemien, dass er in einem großen Schweizer Blatt seine Fast-Read-Romane veröffentlichen kann. Die vorliegende Printausgabe widmet er der Zeit. In Zeitweichen begegnet VIOLA STOCKER der Herausforderung, die Zeit nicht unnötig zu vergeuden.

Große Erwartungen

Jugendbuch | Antonia Michaelis: Nashville oder das Wolfsspiel Eine neue Stadt erobern, den nächsten Schritt in einem spannenden Studienfach zu machen, Menschen kennenlernen und die Liebe, vielleicht sogar die große, kann es für junge Menschen mit achtzehn, neunzehn Jahren etwas Aufregenderes geben? Mit großen Erwartungen marschieren sie in das Leben. Aber der Weg ist voller Stolpersteine und Fallen und sie zeigen sich früher, als man es gedacht hat. Antonia Michaelis schickt in Nashville oder das Wolfspiel ihre junge Heldin auf einen Weg, der mehr Schrecken birgt, als diese je erwartet hätte. Von MAGALI HEISSLER

Kettenspiele

Roman | Adrian McKinty: The Chain Der heute in New York lebende Nordire Adrian McKinty (Jahrgang 1968) hat sich als Thrillerautor vor allem einen Namen mit der bis dato siebenbändigen Reihe um den in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts als »katholischer Bulle« in der Nähe von Belfast lebenden Mordermittler Sean Duffy gemacht. Von DIETMAR JACOBSEN

Die Rollstuhlfahrerin

Roman | Sten Nadolny: Herbstgeschichte

Einmal quer durch Europa und durch mehrere Jahrzehnte springt Sten Nadolnys Herbstgeschichte, benutzt Züge, Kreuzfahrtschiffe, Segelboote und den Rollstuhl, vereint und entzweit Freunde, driftet durch das Zeitgeschehen, um sich am Ende als das Werk zweier Autoren zu erweisen. Erfunden ist mindestens einer davon – wie die ganze Geschichte. Von INGEBORG JAISER