Pandemie 2.0

Roman | Ewan Morrison: Überleben ist alles

Als ihr Vater die 15-jährige Haley Cooper Crowe zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Ben in die schottischen Berge entführt, wo sich in größter Abgeschiedenheit eine Gruppe von Preppern vor einer erwarteten tödlichen Pandemie – das Virus hört diesmal auf das Kürzel CHF-4 – versteckt, findet das Mädchen das am Anfang noch ganz aufregend. Doch allmählich stellen sich ihr Fragen. Muss tatsächlich in nächster Zeit mit zunehmenden Chaos und dem Untergang der Menschheit gerechnet werden? Oder ist sie nur auf einen Verschwörungsfanatiker hereingefallen und in der Welt ringsum geht alles seinen gewohnten Gang? Aber so richtig motiviert, dem Unterschlupf schnellsten wieder den Rücken zu kehren, ist sie trotzdem nicht. Denn zusammen mit dem jungen Danny genießt sei gerade das Auf und Ab ihrer ersten Liebe. Von DIETMAR JACOBSEN

Ausgerüstet mit »80 Packungen Erbsen« sowie allem, was nach Meinung des Vaters in ein Notfall-Kit gehört – von Wandersocken über Wasserentkeimungstabletten und Antibiotika bis hin zu Pfefferspray und Jagdmessern – machen sich die Crowes eines frühen Morgens in die schottischen Berge auf. Eigentlich ist es eine Entführung, denn Vater Edward hatte versprochen, Haley und Ben wieder wie bereits Hunderte Male zuvor bei ihrer Mutter abzuliefern. Aber der Mann hat einen anderen Plan, lange und akribisch zusammen mit einer kleinen Gruppe von Gleichgesinnten vorbereitet.

Denn im Unterschied zu seiner geschiedenen Frau, die ihn für einen Spinner und Anhänger von Verschwörungstheorien hält, glaubt der Ex-Journalist und erfolglose Erfinder fest daran, dass eine neue Pandemie bevorsteht. Und nachdem Corona endgültig ihre Schrecken verloren zu haben scheint, wird der nächste weltweite Lockdown 2025 mit Sicherheit nicht so glimpflich ausgehen. Also muss man sich und diejenigen, die man liebt, entsprechend vorbereiten, damit sie das erwartete Chaos überleben können.

Unter Preppern und anderen Chaoten

Edward Crowe hat die wichtigsten Verhaltensregeln für die kommenden Tage, Wochen, Monate, ja vielleicht Jahre seit Langem in einem »Survival Guide« genannten Buch festgehalten. Jede nur denkbare Extremsituation ist darin einkalkuliert und Schritt für Schritt wird erklärt, wie jeweils zu tun ist, will man überleben. Damit die ahnungslose Mutter seiner Kinder die drei Flüchtigen nicht aufspüren und Haley und Ben zurückholen kann, ist es natürlich wichtig, keinen irgendwie gearteten Kontakt zur Außenwelt mehr zu unterhalten. Also: Handys und sämtliche anderen Kommunikationsgeräte ade! Und sich dem Leben anpassen, das die vier bereits zusammen mit Edward in der Abgeschiedenheit von Haleys und Bens neuem Zuhause lebenden Menschen schon führen.

Ewan Morrison (Jahrgang 1968) arbeitete als Kunstkritiker und Filmemacher, bevor er sich 2005 hauptsächlich dem Schreiben zuwandte. Überleben ist alles ist sein achter Roman. Er erschien unter seinem Originaltitel How to Survive Everything 2021. Der mit seiner zweiten Frau, der Dichterin und Drehbuchautorin Emily Ballou, in Glasgow lebende und zuweilen mit ihr an Drehbuchprojekten arbeitende Morrison gilt als einer der intelligentesten Autoren seiner Generation, wird von der Kritik gelegentlich mit Michel Houellebecq verglichen und zeichnet sich besonders dadurch aus, dass er immer wieder Frauen zu überzeugenden Heldinnen und Erzählerinnen seiner Bücher macht. In Überleben ist alles ist es deshalb folgerichtig die 15-jährige Haley Cooper Crowe, mit deren Augen die Leserinnen und Leser auf eine Welt blicken, in der eine ganze Menge nicht zu stimmen scheint.

Wem soll man glauben?

Aufgeweckt und nicht auf den Mund gefallen ist dieses Mädchen, das sich gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Ben zunächst noch relativ widerstandslos auf den verrückten Plan ihres Vaters einlässt. Was soll man auch machen? Der Mann könnte ja Recht haben und es gut mit seiner Familie meinen. Und in dem gleichaltrigen Danny, zu dem sich Haley von Beginn an hingezogen  fühlt, und seiner Mutter Meg hat die Fünfzehnjährige nun Tag für Tag Menschen um sich, die an die Untergangsfantasien Edwards glauben und wie die beiden anderen Bewohner des Compounds bereit sind, ihre neue Welt bis zuletzt vor allen zu erwartenden Eindringlingen zu verteidigen.

Der Platz zum Überleben des Schlimmsten, was der Erde und der sie besiedelnden Menschheit passieren kann, enthält auf jeden Fall alles Notwendige für eine autarke Existenz der kleinen Gemeinde. Lebensmittel hat man gehortet. Man ist gewappnet für den Ausbruch aller denkbaren Krankheiten und verfügt über ein in offensichtlich jahrelanger Arbeit entstandenes unterirdisches Tunnelsystem, das randvoll mit Vorräten gepackt und hermetisch verschließbar ist. Dass nach dem erwarteten großen Crash Horden von Überlebenden mordend, raubend und brandschatzend durchs Land ziehen könnten, hat Edward Crowe natürlich einkalkuliert. Ein Patrouillensystem an den Grenzzäunen des kleinen Reiches und die Schulung seiner Bewohner im Gebrauch von Waffen sind die Mittel, mit denen solchen und ähnlichen Situationen begegnet werden soll.

Lieber ein Ende mit Schrecken …

Nicht geahnt freilich hat der umsichtige Vater, dass ihm seine Ehefrau letzten Endes einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Denn als es der gewitzten Haley – durch das Erleben des Scheidungskriegs der Eltern, »400 Snapchat-Freunde und zwei Semester Sexualkundeunterricht« ist das Mädchen auf jede nur denkbare Extremsituation vorbereitet – gelingt, einen Kontakt zur Außenwelt herzustellen, hat die kleine Überlebens-Gemeinschaft schon bald ein neues Problem in Gestalt einer um ihre Kinder mit allen Mitteln kämpfenden Mutter am Hals. Und die merkt schnell, dass mit Gewalt gegen Ed und seine Crew wenig auszurichten ist. Also greift sie zum Mittel der List, umschmeichelt die nichtsahnenden Anhängerinnen und Anhänger ihres Mannes und bringt letzten Endes auch ihre Tochter dazu, die geplante Flucht zurück in die Welt da draußen nicht durch ihre Widerborstigkeit zu gefährden.

Am Ende – Kriege und Katastrophen sind noch einmal an der Menschheit vorbeigegangen – hat Haley eines gelernt. Und sie gibt es an alle weiter, die ihrem spannenden Bericht über das Leben in einer Extremsituation bis dahin gefolgt sind: »Betrachte die Welt nicht als etwas Selbstverständliches. Verschwende dein Leben nicht damit, dir zu wünschen, dass sie besser wäre, und gib nicht anderen die Schuld für deinen eigenen Mist.« Das klingt nach Sätzen aus der Überlebensfibel ihres Vaters. Es sind aber ihre, aus den Erfahrungen der letzten Zeit gewonnenen Ratschläge, die beherzigen sollte, wer in unseren Tagen nicht auf jene hereinfallen will, in deren Mund das Falsche klingt wie die Wahrheit.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Ewan Morrison: Überleben ist alles
Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet
Berlin: Suhrkamp 2025
441 Seiten, 18 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Wettermacherinnen

Nächster Artikel

Wer bin ich?

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Tugend und Sünde

Roman | Zum 80. Geburtstag von Isabel Allende erscheint der Roman ›Violeta‹

Da ist wieder eine der typischen Frauenfiguren von Isabel Allende: kämpferisch, selbstbewusst und manchmal ihrer Zeit auch etwas voraus. Und doch ist Violeta, die Protagonistin des 26. Romans aus der Feder der chilenischen Erfolgsautorin, die seit vielen Jahren in den USA lebt, etwas anders. Von PETER MOHR

Spaniens Unglück

Roman | Almudena Grandes: Inés und die Freude Almudena Grandes ist eine der wichtigsten Stimmen der spanischen Gegenwartsliteratur. Seit einigen Jahren arbeitet sich die 54-jährige Autorin in ihren Romanen aus alternierenden Perspektiven an ihrem großen Lebensthema ab: dem Spanischen Bürgerkrieg mit all seinen blutigen Facetten. Ihr ebenso ambitioniertes wie gewagtes Projekt ist ein sechsbändiges Opus Magnum über dieses dunkle Kapitel der spanischen Geschichte. Zuletzt hatte sie einen neunjährigen Jungen namens Nino ins Zentrum ihres Romans ›Der Feind meines Vaters‹ (dt. 2013) gerückt. Jetzt ist ihr neuer Roman ›Inés und die Freude‹ bei Hanser erschienen. Von PETER MOHR

Moral auf der Briefwaage

Roman | Maxim Biller: Der falsche Gruß

Findet in diesem Herbst das große Hinterfragen moralischer Kategorien bei den Schriftstellern der mittleren Generation statt? Eva Menasse hat sich in ihrem opulenten Opus Dunkelblum mit einem dunklen Kapitel der Geschichte im Burgenland auseinander gesetzt, Johanna Adorján beschäftigte sich in ihrem Roman Ciao mit Veränderungen im Feuilleton-Betrieb, und nun deckt der große Provokateur Maxim Biller mit seinem kurzen, novellenhaften Roman gleich beide Bereiche ab – das Geschichtsbewusstsein und den Kulturbetrieb. Von PETER MOHR

Unter Mädchen und Mördern

Roman | Tana French: Geheimer Ort Tana French ist längst keine Unbekannte mehr. Wenn ein neuer Roman von ihr angekündigt wird, weckt das sofort Erwartungen. Denn die vier bisher vorliegenden Bücher der 41-jährigen Bestsellerautorin aus Dublin haben durch unheimliche Spannung, psychologisches Feingefühl und eine Sprache, die alle Nuancen beherrscht, die Latte ziemlich hoch gelegt. Nicht hoch genug freilich für Geheimer Ort, Tana Frenchs aktuellem Buch. Es ist ihr bisher bestes und ein nachgerade atemlos machendes Meisterwerk. Von DIETMAR JACOBSEN

Das Glück kommt per Taube

Roman | Bettina Balàka: Die Tauben von Brünn Ein Kriminalfall, ein Stück Zeitgeschichte aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, das einfühlsame Porträt einer Frau, die sich als Vollwaise durchschlagen muss und ein Roman über Tauben, die alles andere als nicht so gern gesehene »Ratten der Lüfte« sind. Dieser sehr dichte Roman von Bettina Baláka Die Tauben von Brünn hat ausgesprochen viel zu bieten – findet jedenfalls BARBARA WEGMANN.