//

Rückbau

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Rückbau

Ist das jetzt schon Rückbau?

Schwierig.

In Australien arbeiten sie daran, Farb, ja, der Staat sei wieder einmal als Reparaturbetrieb für Auswüchse des Kapitalismus gefordert, die Nutzung des Internets solle reduziert, solle altersmäßig begrenzt werden.

Schlechte Erfahrungen?

Genau, Farb. Mobbing auf Social Media, Shitstorm, Erpressungen, Mißbrauch wohin du auch siehst, das Netz präsentiere sich erfolgreich als Experimentierfeld für kriminelle Machenschaften.

Die Australier wollen konsequent sein, Wette, sie arbeiten gegenwärtig daran, wie sie die Kinder vor dem Zugriff schützen können, und was ihn daran wundere, sei die Tatsache, daß all das stets nachträglich geschehe, immer nur spät und nachträglich.

Als ob man es nicht vorher hätte wissen können, sagte Wette, das Kind sei längst vorher in den Brunnen gefallen.

Farb mußte lachen, er tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Annika warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.

Wette schenkte Tee nach, Yin Zhen, sie hatten wie immer das Service mit dem Drachenmotiv aufgedeckt, rostrot, wie schlank war doch das Untier, Annika hatte sich in dieses Service verliebt, unsterblich verliebt, Tilman hatte es aus Beijing mitgebracht, wo er, wie es hieß, einen Halbmarathon auf der Großen Mauer gelaufen sei, und nein, natürlich nicht die gesamte Strecke auf der Großen Mauer, sie biete ja kaum Platz, daß drei Personen nebeneinander laufen könnten, und sei gelegentlich gar nicht vollständig renoviert, so daß rechts und links der Abgrund gähne, interessant, gewiß, Gefahren lauern überall, versprochen, ich komme darauf zurück.

Sicher, sagte Farb, man könne Fehler oder einen Mißstand gar nicht anders als nachträglich beheben, kein Zweifel, aber könne man nicht Vorsorge treffen, so daß der Mißstand gar nicht erst auftrete.

So wie man die Wohnung heize, sobald der Winter einziehe?

Farb lachte. So wie man die Wohnung heize, sobald der Winter einzuziehen drohe, oder man könne, sagte er, die Waffenproduktion einstellen, sofern man Kriege vermeiden wolle, so etwas sei einfach und wirksam, doch bislang sei niemand darauf gekommen.

Die zuständige australische Ministerin handle absolut kompromißlos, sagte Tilman, beginnend im Dezember werde es dort für Kinder unter sechzehn verboten sein, Konten bei Instagram, Tiktok, Facebook, X und Youtube zu führen; wie bei Alkohol, Zigaretten und öffentlichen Glücksspielen schlage sie außerdem vor, speziell auch für pornographische Angebote Altersgrenzen zu etablieren, damit Kinder vor Inhalten geschützt würden, die ihre Sicherheit und psychische Gesundheit gefährdeten – etwa zehn Prozent der Kinder bis zum Alter von zehn Jahren träfen im Netz unabsichtlich auf pornographische Anbieter, bis zum Alter von dreizehn Jahren handle es sich bereits um dreißig Prozent.

Als ob man das nicht längst hätte wissen können, wiederholte Wette, er habe den Eindruck, die erforderlichen staatlichen Maßnahmen erfolgten stets mit penetranter Verzögerung, man warte offenbar ab, bis eine ganze Generation unter den täuschenden Vorzeichen und Verheißungen der Internetkommunikation herangewachsen sei.

Das sei ein Erfolgsmuster expandierender Industrie, sagte Tilman, ein Produkt werde, wie es so schön heiße: vermarktet, ausgeklügelte Marketingstrategien transportierten es in die Köpfe der Konsumenten, so daß es, ebenfalls schön: sich verkaufe, und zur Zeit tobe ein heftiger Kampf um Kommunikation und Medien, wer werde sich behaupten, und sei die digitale Kommunikation nun wirklich der Weisheit letzter Schluß, es stabilisiere sich ein Überangebot: das Faxen sei bereits von gestern, und wer telefoniere denn noch im Netz, aktueller seien allzumal sms, Mobiltelefon, e-mail, Skypen, Videoanrufe per whatsapp, nur daß man letztlich eine so große Anzahl von Medien nicht brauche.

Überangebot, wiederholte Annika.

Das habe noch stets zum Kollaps geführt, spottete Farb.

Wer bei Sinn und Verstand sei, sagte Wette, müsse Maßnahmen zum Rückbau einleiten, die gegenwärtig um sich greifende Besinnung auf nationale Verantwortung sei möglicherweise ein erster zaghafter Schritt, und auch die Maßnahmen, die seitens der EU vorbereitet würden, ließen sich als Rückbau verstehen, nur daß man sich hüten werde, sie so bezeichnen, sie klammerten sich dort verzweifelt an ihr Wachstum und an ihren Fortschritt.

Seien es nicht die Taliban in Afghanistan gewesen, die sich vor wenigen Tagen komplett aus dem Internet ausgeschaltet hätten, fragte Farb.

Wette lachte. Das, sagte er, sei ihnen zu viel des Guten gewesen, sie hätten das flugs revidiert.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

»Was machen wir aus unserem Leben? «

Nächster Artikel

»Die Kinder werden den Erwachsenen den Weg zeigen« (Jella Lepman)

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Ramses IX.

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ramses IX.

Ramses lächelte. Wie abenteuerlich, sich in fremden Gegenden und Kulturen herumzutreiben und einen Eindruck von den Menschen zu gewinnen, durchaus interessant, gewiß, die Kultur der Industriegesellschaft ist hochentwickelt, außerordentlich leistungsbezogen, auch wenn sie seit lediglich zwei Jahrhunderten besteht. Unmengen von Menschen bevölkern den Planeten, das würde ihm niemand glauben, und für sie muß gesorgt werden, da nimmt die Verteilung auch urwüchsige Züge an, der zivilisatorische Standard droht zu kippen, das wird man verstehen.

Zerbrechlich

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Zerbrechlich

Sensible Systeme sind störanfällig.

Ist hinlänglich bekannt.

Nur daß ungern darüber geredet wird, Tilman, schon gar nicht öffentlich.

Beim Ausbruch des Vulkans Hunga-Tonga-Hunga-Ha'apai in der Südsee riß an zwei Stellen ein wichtiges Unterseekabel ein, mit dem nahezu alle digitalen Informationen einschließlich Telefon- und Internetkommunikation übertragen werden, die internationalen Verbindungen mit Tonga sind seitdem gekappt, man muß sich das ausmalen, es werde Wochen dauern, den Schaden zu beheben, ein Kabelreparaturschiff sei unterwegs, die Dinge gestalten sich kompliziert.

Erst schalten, dann walten!

Literaturkalender 2016 Was wird wohl 2016 für uns bereithalten: glückliche Augenblicke und köstliche Momente, ereignisreiche Wochen und wechselnde Jahreszeiten. Vielleicht sogar lange Ferien? Auf jeden Fall einen geschenkten Schalttag obendrauf. Kalender für das nächste Jahr laden jetzt schon zur Vorfreude und zum Pläneschmieden ein – am besten häppchenweise garniert mit Literatur. Von INGEBORG JAISER

Umblättern bitte!

Literatur | Literaturkalender 2019 Kalender sind uns Taktgeber und Maßband, Lebensplaner und Orientierungshilfe übers ganze Jahr hinweg. Garniert mit literarischen Appetithappen versüßen sie so manchen Tag, bieten neue Anregungen und überraschende Entdeckungen. Als Geschenk entfalten sie sogar eine ungeahnte Langzeitwirkung. INGEBORG JAISER stellt eine kleine Auswahl von lesens- und beachtenswerten Wegbegleitern vor.

Kein Ausweg

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kein Ausweg Auf Dauer fällt es schwer, ihm zuzuhören, findest du nicht, Thimbleman? Schon, ja. Auch wenn er ja recht hat. Daß er nur Katastrophen heraufbeschwört, kannst du aber auch nicht behaupten, Ausguck. Nein, nicht. Und wenn es nun einmal so ist – was kann man tun?