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Sut erzählt

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Sut erzählt

Aus allen Gegenden der Welt drängten Immigranten zu den kalifornischen Claims, sagte Sut, sie erreichten die Stadt über den Pazifik oder zögen in langen Trecks von der Ostküste durch die Prärie und über die Rocky Mountains, eine gigantische Armutswanderung, sagte er, ein Goldrausch, nie dagewesen, der Mensch sei wie von Sinnen, der Kontinent sei in hellem Aufruhr.

Die Lagune lag still, die Sonne neigte sich geruhsam dem Horizont entgegen, das Licht wurde sanft und mild, die Dämmerung brach an, die Männer hatten Holz bereitliegen und waren im Begriff, ein Feuer anzuzünden, der Wal in der Lagune blieb unbehelligt, weil einige Verletzungen auskuriert werden mußten.

In Irland, ergänzte LaBelle, herrsche Hungersnot.

Freiwillig verlasse niemand seine Heimat, sagte Pirelli.

Dieser Teil der Erde sei von vielen Völkern bewohnt, sagte Sut, und täuschen wir uns nicht, sagte Sut, die Ureinwohner setzten sich zur Wehr, es tobe ein erbitterter Krieg, erst das Massaker von Wounded Knee werde das vorläufige Ende markieren, 1890, einige Jahrzehnte nach uns.

Nach unserer Zeit? Bildoon stutzte: Was ging hier vor sich?

Die Vereinigten Staaten seien ein hochexplosives Gebilde, immer schon, das sei ihnen eingebrannt, sagte Sut, die Zukunft werde daran keinen Deut ändern. Der ›Trail of Tears‹ sei keine dreißig Jahre her, sagte Sut, ihr erinnert euch, die Creek, die Cherokee, die Chickasaw, die Choctaw und die Seminole hätten in südöstlichen Staaten der USA gelebt und seien über Hunderte von Meilen nach Oklahoma umgesiedelt worden, versteht ihr, deportiert, sagte Sut, ihr fruchtbares Weideland hätten die Nachfahren der ›Pilgrim Fathers‹ in Besitz genommen.

Der Ausguck stand auf, tat einige Schritte und löste sich in der Dämmerung auf.
Nicht anders sei es den Navajo ergangen, sagte er, sie seien 1863 von einer Armee unter Colonel Kit Carson aus dem Canyon de Chelly in Arizona vertrieben und in einem desaströsen sogenannten ›Long Walk‹ – man sieht, schon in unseren Tagen gebe es Werbesprech – über dreihundert Meilen nach Fort Summers in New Mexico deportiert worden.

Bildoon stutzte erneut.

Nachfahren der ›Pilgrim Fathers‹, fragte Harmat.

Britische Immigranten, spottete Pirelli, angloamerikanische Kultur.

Ob das auf ihn gemünzt sei, fragte LaBelle. Die Spanier, protestierte er, hätten längst vorher versucht, den Canyon de Chelly zu besetzen.

Sie seien von den Navajo verjagt worden, spottete Pirelli.

Da habe er noch Canyon del Oro geheißen, sagte LaBelle, und habe bei den Spaniern als das sagenhafte Eldorado gegolten.

Jedermann erliege dem Goldrausch. Pirelli lachte.

Der Ausguck schälte sich aus Dämmerung und setzte sich.

Die Lebensweise der westlichen Eroberer, sagte LaBelle, habe der über Jahrtausende verwurzelten indigenen Kultur, die danach strebte, sich harmonisch in die Kräfte des Planeten zu fügen, keine Chance gegeben, Ureinwohner seien Opfer von Krankheiten und Seuchen geworden.

Die Spanier seien als Alphatiere aufgetreten, spottete der Ausguck.

Als Kolonialmacht, sagte Mahorner.

Für die Navajo sei es die Bestimmung des Menschen gewesen, das Gleichgewicht des Universums zu wahren, sagte LaBelle, dafür hätten ihre Tabus gesorgt und ihre Rituale, die zu vollziehen und einzuhalten waren, doch für die Spanier sei das Aberglaube gewesen.

Heftig, sagte Harmat.

Also seien es die Spanier gewesen, fragte Mahorner, die die Grundlagen der indigenen Kultur beseitigt und die Voraussetzungen für den rasanten Aufstieg des Kapitalismus geschaffen hätten.

Pirelli lachte. Keine Chance, sagte er: Schlechte Karten für LaBelle.
Bildoon stimmte in das Lachen ein.

Ruhe!, zischte Thimbleman.

Eldin legte einige Scheit Holz ins Feuer.

LaBelle rückte näher zur Flamme.

Die Melodie des Ozeans klang wie von ferne.

| WOLF SENFF

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