//

Leben

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Leben

Zufrieden, fragte er, ob er mit seinem Leben zufrieden sei, wolle sie wissen, weshalb.

Wie gereizt er reagiere, dachte sie, auf eine harmlose Frage, ungewöhnlich, dachte sie, er sei doch nicht cholerisch, sagte erst einmal nichts und schenkte Tee nach, Yin Zhen.

Er betrachtete das Service, den lindgrünen Drachen, er hatte es im vergangenen Jahr aus Beijing mitgebracht, ein Geschenk.

Die Sonne spendete wohltuende Wärme an diesem herbstlichen Nachmittag, sie hingen ihren Gedanken nach.

Zufrieden, wiederholte er schließlich, zufrieden sein mit seinem Leben, und spürte, wie ohnmächtiger Zorn in ihm aufwallte und jeden nüchternen Gedanken beiseite zu räumen drohte.

Anne schwieg, vertieft in den lindgrünen Drachen, sie trank einen Schluck Tee, sie liebte dieses Service.

Wie immer, stieß er hervor, wie immer verhalte es sich umgekehrt, und wenn beim Menschen auf nichts Verlaß sei, so doch auf seine Irrtümer, denn die Frage sei keineswegs, ob er mit seinem Leben zufrieden sei, sondern ob das Leben Grund habe, mit ihm zufrieden zu sein.

Anne schenkte ihm Tee nach, sie hatte ihn auf dem falschen Fuß erwischt.

Tilman atmete tief und entspannte sich.

Grundfalsch, sagte er. Zufrieden zu sein mit seinem Leben, das bedeute, auf Erfolge zurückzublicken, auf Siege, auf Errungenschaften gar, nicht besonders originelle Gedanken, die Tür und Tor öffnen würden für den Markt, für den Wettbewerb, diese abgegriffenen Kategorien, für individuelles Streben, für Ellenbogenfreiheit, für Sieger und Verlierer, für die gesamte schale Geschichte, für all die abgeschmackten Überzeugungen von gestern, die in die Sackgasse führen, Tilman steuerte endgültig in ruhiges Fahrwasser.

Anne schwieg.

Die Antwort, sagte Tilman, die Antwort laute: Nein, das Leben habe keinen Grund, zufrieden zu sein, weder mit ihm noch mit den Menschen im Allgemeinen, denn deren Aktivitäten seien lebensfeindlich, sie plünderten den Planeten unter dem Vorwand, Gutes zu tun, und berauschten sich an ihren Erfolgen, doch diese vermeintlichen Erfolge, die errungenen Siege seien kurzfristig, und die Zeit breche an, da er auslöffeln müsse, was er sich eingebrockt habe.

Verstehe der Mensch die Signale?

Nein, dafür sei es zu früh.

Obgleich der Planet lichterloh brenne, obgleich ihn Beben erschütterten, Vulkane ausbrächen, Wasser über ihre Ufer träten, obgleich Orkane wüteten und sich Unmengen Regen ergössen – zu früh?

Er tritt unbeirrbar auf, Anne, sein Vertrauen in den technologischen Fortschritt kennt keine rote Linie, in manchen Ländern forciert er den Ausbau der Kernenergie und weigert sich, den Kollaps des Klimas überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, er feiert Party, nimmt Urlaub oder geht seinen Geschäften nach. Nein, das Leben auf diesem Planeten kann nicht zufrieden sein mit dem Menschen, er ist weit mehr Totengräber denn bloß ein unerträglicher Störenfried, und wenn es auch nicht um die Existenz des Planeten geht, so doch um die seiner Lebewesen.

Die Bewahrung der Schöpfung?

Ein Trauerspiel, Anne. Sehenden Auges, aber ohnmächtig folgst du dem Artensterben, du siehst den Planeten zu einer gigantischen Müllhalde werden, nein, wer traut sich noch, davon zu reden, daß er zufrieden sei. Die Dinge sind, wie sie sind, Anne, wir verstehen sie nicht, und täglich nebulöser wird auch die Antwort auf die Frage, was denn das Leben sei, verstehst du, die Antwort gleitet uns aus den Händen, wir wissen sie weniger von Tag zu Tag, eine stolze Blüte, ein flüchtig Gut, und ist es vielleicht doch der tosende Orkan, in dem sich seit neuestem die Energie des Lebens sammelt, ist es die brodelnde Lava, ist etwa das hereinbrechende Gewitter ein Lebenszeichen, wir taumeln orientierungslos durch die uns zugemessene Zeit, wir wissen weniger von Tag zu Tag, nein, welcher Mensch hätte einen Grund, von Zufriedenheit zu reden.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Drei Gedichte

Nächster Artikel

Pars pro toto – eine Familie zeigt, wie Demokratie funktioniert

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Sonne

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Sonne

Er wüßte schon gern mehr darüber, sagte Farb, am Toten Meer sei ihm jemand begegnet, der behauptet habe, die Sonne sei sein Gott, und das nicht so dahergesagt, sondern mit innerer Überzeugung, allen Ernstes, und nachzufragen, zu einem Gespräch zu kommen, dazu war keine Gelegenheit.

Laura

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Laura

Sie war aus der Therapie ausgestiegen, es reichte ihr, sie hatte genug von dieser Methode, die Dauer des Lebens zu verlängern, vermutlich war so etwas von Nutzen für die Statistik, und doch war es lediglich das Sterben, das in die Länge gedehnt wurde, nein, Jürgen hatte zu diesem Zeitpunkt nichts mehr mit ihr zu tun gehabt, sagte Tilman, er werde das später erklären, sie ruhte einige Schritte entfernt von Kapelle neun, Ohlsdorf, eingeäschert.

Irrfahrt mit dem Navigator

Kurzprosa | Hartmut Lange: Der Lichthof

»Es gibt kein Problem, das man nicht aus der Welt schaffen kann. Man muss nur verstehen, worum es geht«, lässt der inzwischen 83-jährige Hartmut Lange eine seiner Figuren, den Politologen Ronnefelder gleich zweimal sagen. Das klingt Lange-untypisch, fast simpel, beinahe wie ein Kalenderspruch aus einem philosophischen Ratgeber. Vom Berliner Novellisten ist man anderes gewohnt: jede Menge Düsternis, Rätselhaftigkeiten, tiefe seelische Abgründe und bisweilen schaurige Naturbeschreibungen, die er zumeist an einsamen Ufern der vielen Seen im Berliner Umland angesiedelt hat. PETER MOHR hat den neuen Novellenband von Hartmut Lange Der Lichthof gelesen.

Den Atem verschlagen

Kurzprosa | Armin T. Wegner: Der Knabe Hüssein und andere Erzählungen Die Vergessenen dem Vergessen zu entreißen, das war das erklärte Ziel von Volker Weidermann mit seinem Buch der verbrannten Bücher. Es wurde vor fünf Jahren schnell zum Bestseller und rief Namen ins kollektive Gedächtnis zurück, die von den Nazis im Mai 1933 ein für alle Mal aus der Erinnerung ausgelöscht werden sollten. Und für eine sehr lange Zeit tatsächlich auch wurden. Unter den über hundert Autoren, die der Feuilletonchef der FAS damals porträtierte, war auch Armin T. Wegner, einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Weimarer Republik. Seine Erzählungen Der Knabe

Walfang

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Walfang

Wir kennen überzeugende Beispiele für erfolgreichen Rückbau.

Das wäre?

Die Historie des industriellen Walfangs.

Du redest nicht über Scammons Walfänger in der Ojo de Liebre?

Nein, Susanne, sie sitzen in ihrer Lagune, zeitlich und örtlich in weiter Ferne, es fällt ihnen leicht, über unsere Gegenwart zu reden, sie sind nicht in das aktuelle Geschehen verstrickt, ihre Existenz ist nicht durch die klimatischen Veränderungen gefährdet, und ihre Erzählung klingt, wie wenn wir über Vergangenheit reden.