Liebenswerter Freund und Einzelgänger

Menschen | ›Vom Leben berührt‹ erinnert an Dieter Wellershoff zu dessen 100. Geburtstag

Der 66-jährige Autor Peter Henning hat ein ungewöhnliches und sehr persönliches Buch vorgelegt. Es erzählt auf einfühlsame, manchmal leicht bewundernde Art und Weise von Hennings Freundschaft zum 34 Jahre älteren Schriftstellerkollegen Dieter Wellershoff und dessen »Dichterstube« in der Kölner Südstadt. Eine liebevolle Erinnerung an den Autor im Vorfeld des anstehenden 100. Geburtstages. Dieter Wellershoff gehört leider immer noch zu den am meisten unterschätzten Autoren der Nachkriegszeit. Von PETER MOHR

Portraitfoto des Autors Dieter Wellershoff, der in einem Taschenbuch blättert.»Ohne Lebenserfahrung könnte man gewiss nicht so schreiben, wie ich das tue. Das heißt aber nicht, dass ich in meinen Texten ständig eigene Lebensprobleme ausagiere. Wenn der Autor wissen will, was an den Menschen dran ist, muss er sie in Schwierigkeiten bringen«, beschrieb Dieter Wellershoff einst sein dichterisches Credo. Und so lässt sich ohne waghalsige Interpretationsartistik eine verbindende Motivklammer vom Frühwerk ›Ein schöner Tag‹ (1966) bis zu seinem letzten Roman ›Der Himmel ist kein Ort‹ (2009) setzen. Es ging Wellershoff stets um die kleinen Alltags-Katastrophen, um zwischenmenschliche Störfeuer, um winzige Nadelstiche, die ein seelisches Ungleichgewicht auslösen können.

Im Jahr 2000 hatte Wellershoff, der am 3. November 1925 in Neuss geboren wurde, mit »Der Liebeswunsch« ein absolutes Meisterwerk des psychologischen Realismus vorgelegt – mit authentischen Dialogen, bestechenden Menschenbildern, alternierenden Erzählperspektiven und einer klaren, zupackend präzisen Sprache. »Vom ersten Einfall bis zum Beginn des Schreibens vergingen ungefähr fünfzehn Jahre. Und dann dauerte es noch einmal eineinhalb Jahre, bis das Buch fertig war«, bekannte Wellershoff. Sein großes Werk krönte er 2009 noch einmal mit dem fein inszenierten Roman ›Der Himmel ist kein Ort‹, der um den innerlich zerrissenen Pfarrer Henrichsen und den unter schwerem Verdacht geratenen Lehrer Karbe kreist und der (und dies war ein Novum) überaus spannend zu lesen war.

»Ich will herausbekommen, was ich aufgrund meines Lebenswissens über das Leben anderer Menschen sagen kann, und zwar in einem Erkenntnisprozess, bei dem sich Einfühlung und Analyse untrennbar mit Wahrnehmung und Phantasie mischen«, hatte Wellershoff einmal erklärt. Er nahm ab 1960 an Tagungen der Gruppe 47 teil und begleitete die Literatur mehr als 60 Jahre aus den verschiedensten Perspektiven – als Wissenschaftler (1952 Promotion über Gottfried Benn), Lektor (zwei Jahrzehnte bei Kiepenheuer und Witsch), Essayist und Autor. Nach der Veröffentlichung der Romane ›Ein schöner Tag‹ (1966) und ›Die Schattengrenze‹ (1969) bildete sich in Wellershoffs Dunstkreis die ›Kölner Schule‹ des neuen Realismus, der Schriftsteller wie Günter Herburger, Günter Seuren, Nicolas Born und Rolf-Dieter Brinkmann angehörten.

Dieter Wellershoff schien jedes Wort auf die berühmte »Goldwaage« zu legen, seine Akribie wurde in der Vergangenheit als »theorielastig« und seine Bücher als »ingenieurhafte Prosa« bezeichnet. Völlig überzogene Einschätzungen, wenn gleich sich Wellershoff zeitlebens in keine künstlerische Schublade einordnen ließ. Er war auf seine Weise ein literarischer Einzelgänger. Und gerade dieses Höchstmaß an Individualität hat offensichtlich seinen jüngeren Kollegen Peter Henning fasziniert. Sie kannten einander nur rund fünf Jahre, wurden in dieser Zeit aber intellektuelle Brüder im Geiste. Am 15. Juni 2018 ist Dieter Wellershoff im Alter von 92 Jahren in Köln verstorben.

Nun hat Peter Henning in seinem schmalen Buch vor allem an den Freund, an die Person hinter dem Werk und an dessen Ehefrau Marianne erinnert. Zu Beginn des Bandes beschrieb Henning seine Schwierigkeiten, nach Wellershoffs Tod dessen letzter Wohnstätte vorbeizufahren. Diese Hemmung hat er offensichtlich überwunden. Am Ende heißt es: »Als ich kürzlich, von Bayenthal kommend, mit dem Rad in die Kölner Südstadt fuhr, wich ich der Mainzer Straße nicht länger aus, sondern blickte unweigerlich hinauf zu den Fenstern im zweiten Stock des Hauses Nr. 45, hinter denen ich mich fast fünf Jahre lang wie zu Hause fühlen durfte. Und lächelte.«

Peter Hennings ›Vom Leben berührt‹ offenbart uns eine absolut singuläre Freundschaft. Federleicht und ohne Pathos geschrieben. Und wer auf diese eindringliche Weise Dieter Wellershoff kennengelernt hat, wird anschließend ganz sicher auch zu einem seiner großen Romane greifen. Es wäre ein wunderbarer Nebeneffekt.

| PETER MOHR

Titelangaben
Peter Henning: Vom Leben berührt
Erinnerungen an Dieter Wellershoff
Köln: Kiepenheuer und Witsch Verlag 2025
101 Seiten, 16 Euro

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