Schreiben, um zu überleben

Menschen | Zum Tod des Schriftstellers Paul Auster

»Ich glaube, dass jeder Autor gewissen inneren Zwängen unterliegt. Ich jedenfalls verspüre den ständigen Druck, weiterzuschreiben, weiterzuarbeiten. Jedes Mal, wenn ich etwas abgeschlossen habe, fürchte ich, versagt zu haben«, hatte Paul Auster in einem Interview mit der Wochenzeitung ›Die Zeit‹ erklärt und uns 2017 ein ausladend umfangreiches Erzählwerk mit dem Titel ›4321‹ vorgelegt. Es war ein opulentes biografisches Verwirrspiel, ein höchst ambitioniertes literarisches Rätsel, ein ausschweifendes Zeitpanorama – vor allem aber auch die bilanzierende Selbstbefragung eines verdienstvollen Autors. Von PETER MOHR

Paul Auster hat über 30 Bücher geschrieben, die in rund 40 Sprachen übersetzt wurden. Fast immer drehte es sich darin um New York und Brooklyn, wo er viele Jahre mit seiner Frau, der Schriftstellerin Siri Hustvedt, lebte. Hustvedt hatte vor ziemlich genau einem Jahr via Instagram mitgeteilt, dass Paul Auster an Krebs erkrankt und nicht geheilt sei. Sein letzter, vergleichsweise schmaler Roman ›Baumgartner‹ (2023) kreiste (keineswegs zufällig) um die großen Themen Tod und Liebe, Trauer und Verzweiflung, Vergänglichkeit und Resthoffnung.

Im Mittelpunkt stand der emeritierte Princeton-Professor Seymour Tecumse Baumgartner, der die 70 überschritten hat, immer noch viel und gerne schreibt und seit zehn Jahren Witwer ist. Seine Frau Anna, die als Übersetzerin und Lyrikerin gearbeitet hat und mit der er mehr als 30 Jahre glücklich zusammengelebt hatte, war bei einem Badeunfall ums Leben gekommen.

Paul Austers Schriftstellerkarriere begann einst ziemlich holprig. Das Manuskript seines Romans ›Die Stadt aus Glas‹ hatte er an 17 Verleger geschickt und zunächst nur Ablehnungen kassiert. Trotzdem hat der US-Schriftsteller weiter geschrieben und seit Abschluss seiner ›New-York-Trilogie‹, deren Eröffnungsband der einst verschmähte Roman ›Die Stadt aus Glas‹ war, Ende der 1980er Jahre Kultstatus erlangt.

Viele seiner Figuren sind selbst Schriftsteller, die oft vom Weg abkommen und ziellos durchs Leben vagabundieren – wie Taumelnde in einem Labyrinth der Zufälle. Keineswegs zufällig ist es hingegen, dass dieser labyrinthische Handlungsschauplatz oftmals New York ist. Anderes Personal ließ Auster nach vielen Jahren wieder auftauchen; so ist aus der attraktiven Anna Blume aus dem ›Land der letzten Dinge‹ (1989) in ›Reisen im Skriptorium‹ (2007) eine in die Jahre gekommene fürsorgliche Krankenschwester geworden.

Paul Auster, der am 3. Februar 1947 als Sohn österreichischer Juden in Newark geboren wurde, studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaft, ehe er sich in den frühen 1970er Jahren mehrmals nach Europa begab – in Irland die Fährte von James Joyce aufspüren wollte und in Paris Samuel Beckett begegnete. Später machte er sich auch als Übersetzer französischer Literatur (u.a. Sartre und Mallarmé) einen Namen. Überhaupt war Austers Vielseitigkeit und sein Arbeitspensum geradezu bewundernswert. Mehr als ein Dutzend Romane, Film-Drehbücher, Erzählungen, Essays, autobiografische Skizzen, Übersetzungen, selbst Gedichte gehören zu seinem opulenten Oeuvre. Beim Film ›Lulu on the bridge‹ stand er sogar als Regisseur hinter der Kamera.

»Schreiben ist für mich kein Akt des freien Willens, es ist eine Frage des Überlebens«, hatte Auster einst sein dichterisches Credo beschrieben. In seinen letzten Lebensjahren hatte sich der Schriftsteller auch politisch eindeutig positioniert und während der Corona-Krise angeprangert, dass die Republikanische Partei und das Monster an ihrer Spitze »die Krise benutzen, um das Land immer noch weiter zu spalten.« Nun hat Paul Auster, einer der bedeutendsten zeitgenössischen US-amerikanischen Schriftsteller, in New York im Alter von 77 Jahren den Kampf gegen den Krebs verloren.

| PETER MOHR
| Abb: David Shankbone creator QS:P170,Q12899557, Paul Auster BBF 2010 Shankbone, CC BY 3.0

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