/

Wenn zwei sich streiten

Bühne | Theater Das Sandkorn: ›Tatort – so isch's wore!‹

Armin (ein bisschen träge und gemütlich, aber zwischendurch sehr eloquent: Winnie Bartsch) sitzt im Sessel und liest ein Buch. Seine Ehefrau Renate (emanzipiert, selbstbewusst und auch nicht um Worte verlegen: Ute Merz) sitzt auf dem Sofa, die Fernbedienung und abwechselnd ein Glas Prosecco oder Wein in der Hand. Ausgerechnet kurz vor der besten Sendezeit zum ›Tatort‹ kommt die Frage aller Fragen auf: Hat er sie betrogen oder nicht? Von JENNIFER WARZECHA

Ein älterer Mann und eine ältere Frau sitzen auf einem SofaBeide sprechen die ganze Aufführungszeit im ›Das Sandkorn‹ ihre Texte in badischer Mundart. Kein Wunder, denn der im Juni letzten Jahres verstorbene und bekannte Karlsruher Mundart-Schriftsteller Harald Hurst hat den Text dazu verfasst.

Wiederkennungseffekt

Nicht nur dieser, sondern auch der Wiederkennungseffekt sorgen beim Publikum, das auch aus einigen Paaren besteht, immer wieder für Lacher. Er möchte lesen, sie möchte Fernsehen bzw. einfach wieder eine Liebesnacht mit ihm verbringen. Das lehnt er ab. Natürlich macht sie das unglücklich und misstrauisch – leider zu Recht. Zunächst sind beide ergriffen vom Tod von Arnims Freund. Er hat ihm sogar eine Trauerrede für seinen würdigen Abschied vorbereitet. Renate sagt, das ganze Prozedere habe ein professioneller Service übernommen. Zwischen dem Hochhalten und Zerreißen des Manuskripts beteuert Armin immer wieder, wie wichtig ihm sein Freund gewesen sei und dass er selbst die Rede halten wolle. Auch hier erkennt man, wie weit die Eheleute sich schon voneinander entfernt haben. Schon eingangs streiten sich beide darum, ob denn ein Sonntag jedes Mal gleich verlaufen müsse, mit einem Glas Wein und dem ›Tatort.‹

Armin zumindest mag sich möglicherweise auch wieder einmal mehr Abwechslung gewünscht haben. Denn eben just vorm Tatort entdeckt Renate eine Rechnung über den Aufenthalt ihres Mannes in einem Romantikhotel, in einem Doppelzimmer. Ihr Mann redet sich im zutiefst badischen Dialekt heraus. Sie ist natürlich verärgert. Letztendlich stellt sich ihr Verdacht als richtig heraus. Die Zuschauerin und der Zuschauer sind sicherlich mitgerissen, mitleidig, empört und dank dem so typischen Harald Hurst-Charme auch humoristisch verzückt. Wie es »wore« ist, das kann man sich bei einem Besuch des Stückes bei einer Wiederaufnahme im Programm des Sandkorns selbst ansehen.

| JENNIFER WARZECHA

Titelangaben
Theater Das Sandkorn (Karlsruhe): ›Tatort – so isch’s wore!‹
Es spielen: Ute Merz und Winnie Bartsch
Inszenierung: Hendrik van Ryk
Ausstattung: Ursina Zürcher
Wiederaufnahme in den Spielplan ab 30. April 26

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Spuren führen nach Schweden

Nächster Artikel

Vertreibung ins Paradies

Weitere Artikel der Kategorie »Bühne«

Bigmouth Strikes Again: Morrissey Live In Belfast!

Music | Bittles‘ Magazine: The music column from the end of the world In Belfast we are somewhat starved of concerts by people you would actually pay money to go see. Local ›talent‹ and terrible tribute bands seem to make up the majority of the gig-goer’s choice here. And, when someone does decide to make the short trip over the Irish sea it tends to be people like McBusted or Nicki Minaj who aren’t going to excite anyone over the age of twelve. By JOHN BITTLES

»Ich will sterben« – Der mediale Werther

Bühne | Goethes ›Die Leiden des jungen Werthers‹ im Badischen Staatstheater Karlsruhe Werther (Seit 2012/13 im Ensemble und souverän im jugendlichen Elan: Michel Brandt) liebt und leidet − unglücklich mit dem Gefühl für die Frau eines anderen Mannes im Herzen. Von JENNIFER WARZECHA

Der Preis der Freiheit

Bühne | Theater: Schmetterlinge sind frei

»Schmetterlinge sind frei« entstand Ende der 60er Jahre am Broadway. Die Komödie zählt zu den bekanntesten von Leonard Gershe, war weit über tausendmal zu sehen und wurde auch erfolgreich verfilmt .
ANNA NOAH freut sich auf die aktuelle Bühnenadaption.

Die Welt als Tollhaus

Bühne | Friedrich Dürrenmatts ›Die Physiker‹ – Volkstheater Wien Elias Perrig inszeniert Dürrenmatts ›Physiker‹ am Volkstheater. Ein alles in allem missglückter Versuch, dem Meister der Katastrophe mit humoristischem Vorpostengeplänkel beizukommen – findet ALBERT EIBL

Ein Traum wird zur Tanzrealität

Bühne | Show: Breaking Salsa In der Verti Music Hall wirbelten bei »Breaking Salsa« neben Kim Wojtera nicht nur Weltklassetänzer aus acht Ländern über die Bühne, sondern es gab auch den Weltmeister im Popping und den Grammy-Gewinner Nené Vasquez und das Mingaco Orchestra live zu erleben. Nach »Flying Bach« und neben »Break the Tango« ist das nun die dritte Verschmelzung zweier völlig unterschiedlicher Tanzrichtungen. ANNA NOAH schlendert durch die Träume der Darsteller.