//

Wenn das Leben im Moment des Todes an einem vorüberzieht

Bühne | Am Ende Licht

Ein Blick in die menschliche Seele, Rückschau auf das Leben und in die Zukunft – so in etwa könnte man das Schauspiel ›Am Ende Licht‹ von Simon Stephens, Deutsch von Barbara Christ, beschreiben. Im Stadttheater Pforzheim brillierte Markus Löchner, der das Stück dort inszeniert hatte, in seiner Rolle als Michael, in der Vertretung von Timon Schleheck. Dieser erkrankte kurzfristig. Auf berührende Art und Weise führt das Schauspiel nicht nur sämtliche Verflechtungen vor, wie sie innerhalb von Familien auftreten, sondern in der Gesellschaft generell.
Von JENNIFER WARZECHA

Protagonistin, Mutter, Ehefrau und Alkoholikerin Christine stirbt eines Tages an einer plötzlichen Gehirnblutung. Nicht nur das: In beeindruckender sowie präziser Art und Weise beschreibt sie die anatomischen Zusammenhänge in der Vorausschau. Als sie stirbt, setzt im gesamten Norden Englands, dem Schauplatz, Regen ein – wie als würde der Himmel über Christines Tod weinen. Nicht unbedingt der Himmel, aber besonders ihr Ehemann Bernard (überzeugt in Gestik, Mimik und Ausdruck: Jens Peter) und ihre jüngere Tochter Ashe (charakter- und ausdrucksstark: Magali Vogel) weinen sehr um sie.

Bei Christines Ehemann zeigt sich zudem Reue, hat er sie im Moment ihres Todes doch gleich zweifach mit Michaela (adrett, würdevoll und überzeugend: Michaela Fent) sowie Emma (lasziv, naiv und frech zugleich: Joanna Lissai) betrogen. Eine Situation, direkt aus dem Leben gegriffen, präsentiert sich dadurch dem Zuschauenden. Auch Ashe plagen Probleme, wie sie sicherlich auch der eine oder andere Zuschauende kennt. Joe, Ashes Exfreund und Vater ihres Sohnes Leighton (authentisch und würdevoll: Nicolas Martin), kämpft um Frau und Sohn, indem er sich zu sich selbst und zu seiner Vergangenheit als Ex-Junkie bekennt.

Ashe quält ihn in den verschiedenen Szenen mit Schuldzuweisungen und konfrontiert ihn auch mit ihrer Schwäche und Hilflosigkeit – möchte sie doch ihren Sohn versorgen und ist auf sein Geld angewiesen. Nicht nur das: Auch Krankheiten plagen das Kind. Die junge Mutter scheint zusehends verzweifelter. Zugleich behauptet sie sich in ihrer Rolle als starke Frau und Feministin, nimmt am Ende aber doch Joes Vorschlag entgegen, dass seine Mutter als Oma sie und ihren Sohn finanziell unterstützt – aber erst nachdem sie diesen Wunsch mit einem lautstarken »Nein« abgelehnt hatte. Widersprüche, die das Leben schreibt, spiegeln sich in diesen Szenen genauso wider, wie auch der reuige Ehemann seine Frau vermisst.

Genauso lässt sich seine eben noch distanzierte ältere Tochter Jess (ebenso ausdrucksstark und überzeugend: Nika Wanderer) dann doch auf ihre Zufallsbekanntschaft Michael (charmant und empathisch: Markus Löchner) ein und ist dann sehr glücklich, wie ihr Gesichtsausdruck beweist. Auch der Sohn der Familie, Steven, (sympathisch, engagiert und couragiert: Kai Friebus) einigt sich mit seinem Partner Andy (geradlinig, ehrlich und authentisch: Bernhard Meindl). Bei der Beerdigung Christines treffen sich die Familienmitglieder und finden so auf beeindruckende Art und Weise wieder zusammen.

Szenenfoto: Am Ende Licht
AM ENDE LICHT
Ashe und ihre Mutter verbindet zudem noch etwas ganz Besonderes. Nach ihrem Tod erscheint Christine ihrer Tochter. Die Tochter errät ihren Tod, schreckt auf und verabschiedet sich innerhalb des Gesprächs mit ihr relativ zufrieden und gelassen von ihr. Nach ihrem »Bist Du tot, Mama?« gibt sie ihrer Mutter die Chance, mit liebevoller Sorge um ihre Tochter sich von dieser zu verabschieden, nicht ohne ihrem Enkelkind liebevoll »Ade« zu sagen. Besonders diese Szene geht ins Herz, mag sie jede oder jede, die oder der seine Mutter schon je verloren hat, nachempfinden können, gleich wie die Wege des Abschieds im Einzelnen verlaufen sein mögen – ob im Traum, am Sterbebett direkt, im persönlichen Abschiedsgespräch, einem Telefonat oder anderen Möglichkeiten. Auch wie Christine den Moment des Todes schildert, macht nachdenklich.

»Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden«, heißt es in Psalm 90:12 der Bibel. Dies dürfte die stellvertretende Lehre sein, die wir aus dem Stück ziehen können. Gespielt ist es in gewohnter Pforzheimer Manier, einfach Meisterklasse!

| JENNIFER WARZECHA
| Fotos: MARTIN SIGMUND

Titelangaben
Am Ende Licht
Schauspiel von Simon Stephens
Theater Pforzheim
CHRISTINE / Cafébesitzerin CLAUDIE / Bedienung ANDREA / Touristin VICTORIA — Kristine Walther
JESS, ihre ältere Tochter — Nika Wanderer
ASHE, ihre jüngere Tochter — Magali Vogel
MICHAELA, Geliebte von Bernard — Michaela Fent
EMMA, Bernards jüngere Affäre — Joanna Lissai
BERNARD, Christines Mann — Jens Peter
STEVEN, ihr Sohn — Kai Friebus
MICHAEL, Jess‘ Zufallsbekanntschaft — Timon Schleheck
ANDY, Freund von Steven — Bernhard Meindl
JOE, Ashes Ex und Vater ihres Sohnes Leighton — Nicolas Martin
Inszenierung — Markus Löchner
Bühnenbild — Jörg Brombacher
Kostüme — Anjana Berger
Dramaturgie — Ulrike Brambeer
Regieassistenz, Abendspielleitung — Anne-Kathrin Lipps
Inspizienz — Lutz Nitzsche

Termine
Fr. 11.03.2022, 19:30 Uhr; Do. 17.03.2022, 20:00 Uhr; Do. 24.03.2022, 20:00 Uhr; Fr. 01.04.2022, 19:30 Uhr; Do. 07.04.2022, 20:00 Uhr; Sa. 09.04.2022, 19:30 Uhr; So. 10.04.2022 15:00 Uhr; Mi. 27.04.2022, 20:00 Uhr; Sa. 21.05.2022, 19:30 Uhr; So. 29.05.2022, 19:00 Uhr; Mi. 22.06.2022, 20:00 Uhr

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

What is in a Name?

Nächster Artikel

Gesundes voll im Trend

Weitere Artikel der Kategorie »Bühne«

Gottes Zorn und Menschens Recht

Bühne | Sophokles im Theater das Zimmer

Der Vorhang hebt sich endlich wieder im kleinsten Theater Hamburgs, doch die Raumgröße erlaubt pandemiebedingt nur einen Darsteller auf der Bühne. Was nun? Die Intendanz hat eine Idee. Von MONA KAMPE

Ein schmaler Grat zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Bühne | Wer hat Angst vor Virginia Woolf? Deutsches SchauSpielHaus Hamburg Lieben sich Martha und George wirklich? Zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Zuneigung und Hass, perfektem Spiel und schönem Schein, sind sich weder die Protagonisten noch die Besucher sicher, was wirklich auf der Bühne vor sich geht. Von MONA KAMPE PDF erstellen

»Sex, drugs and Rock ‚n‘ Roll« oder: »The times they are a-changin‘«

Bühne | Badisches Staatstheater Karlsruhe: Dylan – The Times they are a-changin’ Er gilt als eine der schillerndsten Figuren der Rockgeschichte und einer der musikalischen Heroen des 20. Jahrhunderts, Robert Allen Zimmerman, besser bekannt als Bob Dylan. Genauso wie er an der Spitze vieler Protest- und Widerstandsbewegungen stand, genauso – musikalisch und in seiner Lebensfülle bewegend – abwechslungsreich verlief die Karriere des mittlerweile über 70jährigen bisher. Egal, ob er die Richtung seiner Songs – vom Folksong bis hin zur Protestballade, vom Rocksong bis hin zu fast schon missionarisch anmutenden Liedern änderte, stets hat er seine Fangemeinde begeistert und hält sie

Das sind die Bretter, die die Welt bedeuten!

Bühne | Mikro-Musical am Altonaer Theater Hamburg »Und nimm‘ jetzt auch mal bitte die Hand von meinem Knie, ich bin zweimal so alt und stehe nicht auf Päderastie!« »Madame, was die Zahl der Jahre angeht, das sag‘ ich einfach mal, das ist mir so was von schnurzpiepscheißegal!« Als Delio bei einem Casting auf seine frühere Lehrerin trifft, flammen nicht nur alte Gefühle wieder auf. Ein hochamüsantes Duett über die Liebe zum Leben und zur Bühne. Aber Vorsicht: Hier bleibt kein lachendes Auge trocken. Von MONA KAMPE PDF erstellen

Crap Gigs, And How To Survive Them

Bittles‘ Magazine We have all been there! You’re at a show and the sound is so bad you can’t discern the music from the feedback. Or you are squeezed into a corner so tightly by an unforgiving and unwashed throng of people that you literally feel like you might die from lack of oxygen. Perhaps you enter the venue like an eager beaver and scan the crowd for friendly faces only to realise straight away that you have made a huge mistake. By JOHN BITTLES PDF erstellen