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Täuschen und Blenden

Bühne | Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

»Mehr Schein als Sein« – dieses geflügelte Wort ist dem ein oder anderen sicherlich bekannt. Auch auf das Wesen eines Hochstaplers trifft das zu, versucht er doch auf charmante Art und Weise anderen falsche Tatsachen vorzuspielen und sie zu manipulieren. ›Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull‹ von Thomas Mann ist ein Beispiel dafür, wie der weitverbreitete Narzissmus in unserer Gesellschaft Menschen zu teils lächerlichen Marionetten werden lässt, die durch Manipulation gesteuert werden und sich am Ende ihre eigenen Lügen selbst nicht mehr glauben. Von JENNIFER WARZECHA

Eine Frau klammert sich auf einer Theaterbühne an einen männlichen SchauspielerIn Rückblenden erzählt Felix Krull (charmant, ausdrucksstark und überzeugend: Max Ranft) als 40-Jähriger Ereignisse aus seinem Leben. Insgesamt acht Schauspieler machen seine Geschichte zu einem Illusionstheater – einem, das überzeugt, wie der tosende Applaus des Publikums im Großen Haus des Theaters Pforzheim beweist.

Die Oberflächlichkeit fängt – wer hätte das gedacht? – natürlich schon in der Familie an. Frau Krull, Felix‘ Mutter (sowohl als Mutter als auch als Madame Houpflé teils kühl, teils arrogant, angemessen auf die Situation reagierend: Michaela Fent), preist ihr Kind Felix bei den anderen an, nach dem Motto: Er habe ja eine wunderbare Kindheit gehabt. Tatsächlich spielt auch sein Vater, Engelbert Krull, den anderen falsche Tatsachen vor. Er ist Champagnerfabrikant. Das Getränk schmeckt tatsächlich nicht gut – was er durch ein perfekt gestaltetes Etikett, das zum Kauf verleiten soll zu verheimlichen versucht. Er scheitert.

Felix Krull erzählt dem Publikum vom Vater, der pleite ist. Dieser wird vor Ärger und Erregung ganz rot im Gesicht – sind ihm doch die Scham vor den anderen Menschen und das Leid anzusehen. Felix erzählt weiter und so erfährt der Zuschauer, dass sein Vater zusammenbricht. Zur Hochstapelei gehört nicht nur die Über-, sondern auch die Untertreibung. Tatsächlich ist in dem Moment, als er von dem »Zusammenbruch« des Vaters erzählt, ein Schuss zu hören. Die Mutter und andere Personen sind zu sehen, wie sie umtriebig, mit Teetassen in der Hand, hin- und hereilen. Auf einmal heult Frau Krull laut los, denn ihr Mann hat sich selbst umgebracht. Während man in einer der Szenen zuvor, in denen die Personen mit Strumpfmasken einander umtanzen und umgarnen, eher den Eindruck hatte, der Oberflächlichkeit sei die Krone aufgesetzt, merkt man hier Authentizität. Auch Felix kann zum Beispiel trotz aller Manipulation auch mal zugeben, dass er etwas nicht kann bzw. nicht ist. Als er als Aufzugführer jobbt und von einer Dame in eine Liaison verwickelt wird, innerhalb derer sie ihre Bedürfnisse nach wildestem Sex und Sadomaso stillen möchte, gesteht er ihr, dass er nicht solch eine Art von Liebhaber sei.

Sie selbst schwankt zwischen Unterwürfigkeit, Verehrung ihm gegenüber, mangelnder Selbstliebe und Zorn auf ihren Mann, der sie vernachlässigt und ihr Licht als Schriftstellerin und Frau unter seinen Scheffel stellt. Felix Krull verhält sich genauso wenig charmant gegenüber einer Frau, die sichtlich um seine Zuneigung ringt. Er genießt sie, weist sie aber dennoch ab, nur um wieder ihre Gunst zu gewinnen, typisch narzisstisch eben. Er küsst sie – und voller Wonne bleibt sie ergriffen stehen wie eine Statue. In anderen Situationen wie seiner Musterung verfällt er geschickt in die Technik des Illusionstheaters, in der der Schauspieler komplett in seiner Rolle aufgeht und in der der Zuschauer am Ende nicht mehr weiß, ob das Geschehen echt oder gespielt ist. So imaginiert er gekonnt einen epileptischen Anfall, dass er nicht eingezogen wird. Nicht nur das: Charmant tut er auch noch so, als bedaure er das zutiefst, was wieder eine Täuschung ist, die den Zuschauer in die Pause entlässt. »Haben auch Sie das Gefühl, andere Menschen durch Vorspiegelung falscher Tatsachen bezüglich der eigenen Mittel und Fähigkeiten zum Narren zu halten? Führen Sie Ihren eigenen Erfolg auf andere Ursachen als Intelligenz oder Talent zurück? Haben Sie Furcht, als Schwindler entlarvt zu werden? Warten Sie nur noch auf den großen Knall, durch den Ihr Kartenhaus mit einem Mal zusammenfällt?«
Ein Mann und eine Frau, beide im Stil der Zwanziger Jahre gekleidet, stehen sich auf einer Theaterbühne nahe gegenüber
Diese Fragen entlarven sicherlich jeden Hochstapler – auch und gerade den, der sich in dieser offensichtlichen Ego-Gesellschaft, in der jeder und jede nur noch für sich sorgt und kämpft, nicht als einen solchen bezeichnet. Auch Felix Krull entlarvt sich in Pforzheim selbst – und gibt uns allen zu denken, wer und was wir eigentlich sind. Wie genau sich das vollzieht, können Interessierte selbst herausfinden, indem sie eine der Vorstellungen besuchen. Die ist absolut zu empfehlen, ist die erste Inszenierung von Elias Perrig in Pforzheim doch absolut gelungen und beweist das Talent des gesamten Ensembles!

| JENNIFER WARZECHA
| Fotos: SABINE HAYMANN

Besetzung
FELIX KRULL MAX RANFT
Mutter KRULL / Madame HOUPFLÉ u.a. MICHAELA FENT
ROSZA / ZAZA u.a. JOANNA LISSAI
Zollbeamter / STANKO u.a. BERNHARD MEINDL
Rezeptionist / Marquis DE VENOSTA u.a. DAVID MEYER
OLYMPIA KRULL / ELEANOR TWENTYMAN u.a. JOHANNA MILLER
SCHIMMELPREESTER / Stabsarzt / Hoteldirektor STÜRZLI u.a. FREDI NOËL
ENGELBERT KRULL / MÜLLER-ROSÉ / Lord KILMARNOCK / Professor KUCKUCK u.a. JENS PETER
REGIE: ELIAS PERRIG
AUSSTATTUNG: PETRA WINTERER
DRAMATURGIE: ANDREAS FRANE

Weitere Termine:
So. 09.10.2022, 15 Uhr; So. 16.10.2022, 15 Uhr; Do. 20.10.2022, 20 Uhr; So. 23.10.2022, 15 Uhr; Do. 27.10.2022, 20 Uhr; Di. 01.11.2022, 20 Uhr; Fr. 18.11.2022, 19.0 Uhr; Sa. 19.11.2022, 19.0 Uhr; Fr. 02.12.2022, 19.30 Uhr; Sa. 03.12.202, 19.30 Uhr; Mi. 07.12.2022, 20 Uhr; Mi. 28.12.2022, 20 Uhr; Do. 29.12.2022, 20 Uhr

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