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Wer die Frage nach dem Sinn der Existenz nicht stellt…

Bühne | König Ödipus – Theater Pforzheim

König Ödipus schickt im Stadttheater Pforzheim das Publikum auf die Reise zur Klärung der Menschheitsfrage schlechthin – von JENNIFER WARZECHA

THPF_KönigÖdipus_Bild10_Stock_Peter_Laien-Sprechchor-klModerne Inszenierungen, die berühmte Menschheitsfragen auf die Bühne bringen, haben ein Risiko: Sie können mitunter den Stoff so verfremden, dass die Aussage dahinter nicht mehr authentisch wirkt. Was also geschieht, wenn Jasper Brandis und Martin Kreidt die Tragödie König Ödipus auf die Pforzheimer Bühne bringen? Dem Zuschauer wird gewahr, wie die Frage nach Individualität, Moral, Freiheit und Funktionen der Gesellschaft die Menschheitsgeschichte so bewegt, dass sie tatsächlich immer wieder neu gestellt wird.

Direkt den Beginn eines Stückes als exponierte Szene zu bringen, die man kritisiert, ist mitunter ungewöhnlich. Doch gerade diese verbildlicht bei der Pforzheimer Inszenierung des König Ödipus, wie sehr sich das Publikum auch und gerade heute noch die Frage danach stellt, wer es jeweils ist und wohin man seines Weges geht.

Wie frei und individuell ist der vermeintlich freie Wille tatsächlich?

Ödipus (Jens Peter) steht in reinweiß-gerippter Unterwäsche und im Kontrast dazu stehenden schwarzen Schuhen vor rotem Hintergrundbild und rotem Kasten auf der Bühne. Zusammen mit dem Souffleur fordert er das Publikum mit einer entsprechenden Gebärde dazu auf, sich zu erheben. Eine Stimme aus dem Off fordert Ödipus dazu auf, für sein Volk zu kämpfen. Plötzlich tritt Kreon (in einer dreifachen Rolle als Kreon, Bote und Diener dem Ödipus nicht ganz gleichwertig entsprechender Widerpart: Peter Christoph Scholz) von links kommend auf die Bühne. Beide sprechen über drohendes Unheil sowie über die Sphinx, die Ödipus dazu bringt, das Rätsel seiner Existenz lösen zu wollen. Denn: vom Stoff her gesehen begibt sich Ödipus sowohl auf die Suche nach dem Mörder des Königs Laios, als auch auf die ganz existentielle Erkenntnisreise nach seinen eigenen Ursprüngen und der Frage danach, was ihn dazu brachte, mit seiner Mutter Kinder zu zeugen. Das Publikum lässt er sich die Frage stellen: Geschieht alles im Leben und noch dazu jeglicher Konflikt aus der Form eines Schicksals heraus, oder liegt es in der Schuld und Sünde des Einzelnen? Die Frage nach dem freien Willen wird damit zur zentralen Frage der Inszenierung.

THPF_KönigÖdipus_Bild4_Laien-Sprechchor_kl„Ödipus ist eine Metapher von einem Menschen, der versucht, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen“, sagt Martin Kreidt in einem Video auf pz-news.de, das eine Vorschau des Stückes zeigt.

Im Sinne der Aristotelischen, also klassischen Tragödie, gibt es normalerweise einen tragischen Konflikt, den der Protagonist selbst verschuldet und dadurch in seinen Untergang geht. Bei Ödipus ist die Frage: Entspricht er tatsächlich dem Held der antiken Tragödie in einer modernen Inszenierung, die die Schuld und Schicksalshaftigkeit des Publikums mit exponiert? Ödipus versucht zwar ständig, dem Orakelspruch zu entkommen, den Vater zu ermorden und mit der Mutter Kinder zu haben bzw. sie zu heiraten, schlittert aber gerade dadurch in seine missliche Lage.

Das Individuum als Gefangener in der Gesellschaftsstruktur macht sich bemerkbar

Im Programmheft zum Stück ist von „unverschuldeter Schuld“ die Rede. In der antiken Tragödie spielte das Subjektive noch keine so große Rolle, wie es das spätestens seit der Moderne (deren Beginn ebenso schwer wie der Gegenwartsbegriff zu definieren ist) tut. Die Handlung ging nicht allein aus dem im sittlichen Bewusstsein nicht ausreichend reflektiert erscheinenden Charakter hervor. Die persönliche Handlung war von zusätzlichem Leiden geprägt. Als Mittel der eigentlichen Reflexion, die dem Protagonisten verwehrt ist, agiert der Chor. Er drückt hier wie auch in anderen klassischen antiken Tragödien die Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft aus. Im Stück kritisiert der aus bis zu 19 Sängern bestehende Laienchor (die Zahl variiert dabei von Vorstellung zu Vorstellung) sowohl das Handeln des Protagonisten, als auch die Zustände um ihn herum und „bejammert das sterbende Land, wenn ihr zum größten Jammern noch größte Not hinzubringt.“ Stellenweise wirkt der in gut bürgerlicher Kleidung daher kommende Chor etwas unbeholfen, da Gesichtsausdruck sowie Mimik und Gestik nicht immer zusammen passen.

THPF_KönigÖdipus_Bild6_Scholz_Stock_Peter_Laien-Sprechchor-klDie Mehrfach-Rollen, die nicht nur Peter Christoph Scholz, sondern auch Meike Anna Stock (als Seher Theiresias, Iokaste und Hirte) verkörpern, sind für die griechische Tragödie mitunter typisch. Hier sind die reichlichen Rollenwechsel aber gerade bei Stock eher verwirrend, gerade dann, wenn sie häufig zwischen dem Seher und Iokaste hin und her springt. Überzeugend wirkt die Szene, wenn die Schauspielerin als wirr dreinblickender Hirte von links her auf die Bühne kommt und in einer Cowboygeste die Finger wie zur Pistole greifend krümmt.

Gerade die Reduktion der Komplexität überzeugt

Wenn Ödipus dann am Ende der Tragödie mit blutbeflecktem weißem Hemd und blutunterlaufenen Augen auf die Bühne kommt und über sein Schicksal klagt, wird klar: Die Suche nach Antworten auf die Fragen nach Moral, Sinn seiner Existenz und seines Daseins sind mehr als damals gegenwärtig und machen die Reise des Lebens zu einer Herausforderung für das einzelne Individuum. Insofern überzeugt die Inszenierung des König Ödipus‘ gerade durch die schlichte Bühnenausstattung und die damit verbundene Konzentration auf Monologe – die hier gerade von Ödipus aus gesehen überwiegen – und Dialoge. Die komprimierte Figurenfolge wirkt stellenweise verwirrend, schmälert aber in keiner Weise den Aussagewert und die Gelungenheit des Stückes. Das Publikum im voll besetzten Großen Haus des Theaters quittiert das mit tosendem Beifall.

| JENNIFER WARZECHA
| Fotos: Sabine Haymann

Titelangaben
König Ödipus
Theater Pforzheim
Inszenierung: Jasper Brandis / Martin Kreidt
Bühne und Kostüme: Ulrike Melnik
Dramaturgie: Miriam Normann
Ödipus: Jens Peter
Kreon/Bote/Diener: Peter Christoph Scholz
Theiresias/Iokaste/Hirte: Meike Anna Stock

Weitere Termine
Dienstag, 09.06.2015, Beginn: 20:00
Donnerstag, 11.06.2015; Beginn: 20:00
Mittwoch, 17.06.2015, Beginn: 20:00
Mittwoch, 24.06.2015, Beginn: 20:00
Mittwoch, 01.07.2015, Beginn: 20:00
Freitag, 03.07.2015, Beginn: 19:30
Sonntag, 05.07.201, Beginn: 15:00;
Mittwoch, 08.07.2015, Beginn: 20:00
Sonntag, 12.07.2015, Beginn: 19:00

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